Nachrichten & Themen
Mediathek & TV
Audio & Radio
AntwortenVideosPodcastBildungKontakt
Expertinnen und Experten sind sich einig: Hitzewellen werden immer häufiger. Für den Menschen sind sie eine erhebliche Gesundheitsgefahr. Bildrechte: MDR WISSEN

MDR KLIMA-UPDATE | 06. Mai 2022Hitzewelle in Indien und Pakistan als (weitere) Klima-Warnung

von Gero Hirschelmann, MDR

Stand: 06. Mai 2022, 11:00 Uhr

Indien und Pakistan leiden derzeit unter extremer Hitze. Wie Hitzewellen mit dem Klimawandel zusammenhängen und warum manche Hitzewellen sogar übersehen werden, erfahren Sie in diesem Update.

Liebe Lesende,

Sie freuen sich natürlich auch – wie wir – darüber, dass die Temperaturen derzeit wieder steigen. Die einen denken dabei schon an ihren Sommerurlaub, andere wiederum an Gartenarbeit, Ausflüge mit den Kindern oder schlicht einen Besuch im nächsten Eis-Café.

Wenn Wärme aber in Hitze umschlägt, wird es gefährlich. Das ist derzeit in Indien und Pakistan zu erleben. Hunderte Millionen Menschen in den beiden dicht besiedelten Ländern leiden unter extrem hohen Temperaturen, wie die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) kürzlich feststellte. Zwar sind in der Region Temperaturen um die 45 Grad keine Seltenheit. Aber normalerweise ist es nicht schon Ende April, Anfang Mai so glühend heiß. In Indien gab es dieses Jahr den heißesten März und April seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Jahr 1901, in Pakistan wurde der heißeste März seit 1961 registriert.

Wie schlimm die Lage vor Ort ist und was die extreme Hitzewelle mit dem Klimawandel zu tun hat, zeigen wir weiter unten an einigen Beispielen.

[#] Zahl der Woche

68

… Prozent aller befragten jungen Menschen nennen in einer repräsentativen Studie aktuell den Krieg gegen die Ukraine als ihre größte Sorge. Auf dem zweiten Platz folgt mit 55 Prozent der Klimawandel.

Erstaunlich an den Ergebnissen ist in unseren Augen, dass dieser hohe Wert im Vergleich zur letzten Studie vor sechs Monaten konstant geblieben ist. Das heißt: Die Angst vor einer militärischen Eskalation nimmt – logischerweise – sofort den Spitzenplatz ein, die Veränderungen des weltweiten Klimas sind aber weiterhin stark präsent und werden nicht verdrängt. Offenbar ist das Thema bei jungen Menschen tief verankert – und trotzdem ist die Grundstimmung in der jungen Generation "erstaunlich positiv". Sorge und auch Verunsicherung ja, (apokalyptische) Angst nein: Diese Haltung ist vielleicht eine gute Grundlage für künftiges Handeln …

Warum der Klimawandel immer wieder auf die Agenda gehört

Ungewöhnlich an der derzeitigen Hitzewelle in Südasien sind mehrere Faktoren: ihre große räumliche Ausbreitung, ihre bisher nicht dagewesene Intensität sowie ihr frühes Auftreten. Experten gehen davon aus, dass eine Hitzeperiode wie die aktuelle vor der globalen Erwärmung etwa alle 50 Jahre aufgetreten wäre. Mariam Zachariah vom Grantham Institute des Imperial College London fügt hinzu: "Jetzt ist das ein viel häufigeres Ereignis. Wir müssen etwa alle vier Jahre mit solch hohen Temperaturen rechnen."

Die extreme Hitze in Indien ist nach einer Analyse von eben Mariam Zachariah und Friederike Otto vom Imperial College London als Folge des Klimawandels zu sehen: "Und solange der Ausstoß von Treibhausgasen nicht gestoppt wird, wird ein solches Ereignis noch öfter auftreten."

WMO-Generalsekretär Petteri Taalas warnt zwar vor voreiligen Schlüssen: "Es ist verfrüht, die extreme Hitze in Indien und Pakistan ausschließlich dem Klimawandel zuzuschreiben." Aber auch er meint: "Es entspricht aber dem, was wir von einem sich ändernden Klima erwarten. Hitzewellen treten häufiger und intensiver auf und beginnen früher als in der Vergangenheit."

Der deutsche Klimaforscher Stefan Rahmstorf sagte im Deutschlandfunk, heutzutage träten achtmal so viele monatliche Hitzerekorde auf, wie es bei einem stabilen Klima zu erwarten wäre: "Das heißt, von acht solchen Rekorden wäre einer durch Zufall auch passiert, sieben sind hinzugekommen durch die Erderhitzung."

Der Deutsche Wetterdienst (DWD) meint dazu ganz klar: "Die Frühlingshitze ist nicht nur eine singuläre 'Laune der Natur', sondern ein immer häufiger auftretendes Symptom der globalen Klimaerwärmung." Einer Studie des India Meteorological Departments zufolge nehme die Frequenz der Hitzewellen in Indien dramatisch zu. Seien im Zeitraum von 1981 bis 1990 lediglich 413 Tage mit Höchsttemperaturen von mindestens 40 Grad Celsius aufgetreten, seien es von 2011 bis 2020 bereits 600 gewesen. Dazu komme ein teilweise extremes Niederschlagsdefizit. All das mache Indien zu einem der "Hotspots des globalen Klimawandels".

Zu den gravierenden Folgen gehören in Indien neben dutzenden Toten ein teilweiser Zusammenbruch der Wasserversorgung, ein Einbruch der Weizenerträge um zehn bis 35 Prozent, ein heftiger Anstieg des Energieverbrauchs mit zuletzt stundenlangen Stromausfällen sowie viele Brände vor allem auf Mülldeponien, von wo dann wiederum giftige Gase aufsteigen.

In Indiens Nachbarland Pakistan warnten die Behörden wegen des schnell schmelzenden Schnees im nördlichen Hindukusch vor Überschwemmungen und einer Gletscherwasser-Ausbruchsgefahr. Auch die Nasa weist auf diesen Umstand hin.

WMO-Generalsekretär Petteri Taalas fasst die Situation so zusammen: "Hitzewellen haben vielfältige und kaskadierende Auswirkungen nicht nur auf die menschliche Gesundheit, sondern auch auf Ökosysteme, Landwirtschaft, Wasser- und Energieversorgung und Schlüsselsektoren der Wirtschaft." Die Risiken für die Gesellschaft unterstrichen, warum sich die Weltorganisation für Meteorologie für Hitzefrühwarnsysteme einsetze.

Die Aussage korrespondiert mit einem ehrgeizigen Ziel der Vereinten Nationen. Diese wollen sicherstellen, dass innerhalb der nächsten fünf Jahre jeder Mensch auf der Erde durch Frühwarnsysteme vor den immer extremeren Auswirkungen der Wetter- und Klimaveränderungen geschützt werden kann. UN-Generalsekretär António Guterres sagte dazu: "Wir müssen gleichermaßen in Anpassung und Resilienz investieren. Dazu gehören die Informationen, die es uns ermöglichen, Stürme, Hitzewellen, Überschwemmungen und Dürren vorherzusehen."

Und diese Informationen sind dringend nötig. Arpita Mondal, Klimaforscherin am Indian Institute of Technology in Bombay, meint: "1,4 Milliarden Menschen werden von dieser Hitzewelle betroffen sein, von denen die meisten nur wenig selbst zur globalen Erwärmung beigetragen haben." Bei diesem Zusammenhang dürfe es keine Frage mehr sein, "warum sich die Menschen um den Klimawandel kümmern sollten".

Die Hitze bleibt Indien und Pakistan als Phänomen erhalten – aber immerhin kündigten die Wetterdienste der beiden Länder Anfang der Woche ein Abkühlen in vielen Regionen und leichten Regen an. Bald würden aber in verschiedenen Regionen wieder höhere Temperaturen als gewöhnlich erwartet, heißt es von den Wetterdiensten in beiden Staaten.

Wie viel Hitze hält ein Mensch aus?

Wie viel Hitze ein menschlicher Körper aushält, ist von unterschiedlichen Faktoren wie beispielsweise der körperlichen Konstitution oder dem Alter abhängig. In einer großen Studie haben Forscher der University of Hawaii aber schon vor einigen Jahren eine Art kritische Temperaturschwelle herausgefunden. Dazu werteten die Wissenschaftler Daten von Sterbefällen während diverser Hitzewellen aus. Das Ergebnis: Ab Außentemperaturen über 37 Grad wird es für den Menschen gefährlich – bei einer hohen Luftfeuchtigkeit sogar schon bei geringeren Temperaturen.

Zum Vergleich: In der pakistanischen Stadt Nawabshah wurden in den vergangenen Tagen sogar knapp 50 Grad Celsius gemessen. Bei dieser Temperatur beginnen menschliche Zellen zu kochen.

🗓 Klimatermine

Dienstag, 10. Mai, Halle

"Auf die Plätze! Endlich! Los!“ Unter diesem Motto haben am 1. Mai viele Theater und Theaterfestivals zusammen mit freien Ensembles und weiteren Theaterschaffenden einen Staffellauf für das Klima gestartet. Dieser führt über zwei Routen mit insgesamt 30 Stationen durch die gesamte Republik – von Nord nach Süd, von Theater zu Theater. Am Dienstag ist das Wuk Theater Schiff in Halle Gastgeber.

Mittwoch, 11. Mai, online

Beim zweiten Forum Nachhaltiger Konsum steht der Mensch mit seinen täglichen Konsumentscheidungen im Mittelpunkt. Aus wissenschaftlicher Perspektive ist längst klar, wie jeder und jede den eigenen ökologischen Fußabdruck deutlich verkleinern könnte. Aber was hält Menschen davon ab, in ausreichendem Maß nachhaltig zu handeln? Unter welchen Bedingungen sind wir bereit, einzelne Verhaltensweisen oder gar unseren Lebensstil zu ändern? Was wird als zumutbar empfunden, was als gerecht? Und wo liegen die Grenzen der individuellen Sichtweise – da der Klimawandel doch ein kollektives Problem ist?

Bis Montag, 13. Juni, Dessau

Die Ausstellung "Menschenwelt" im Umweltbundesamt in Dessau zeigt, wie Konsum und Aktivitäten in Deutschland mit Ökosystemen, Klima und Lebensqualität auf der ganzen Welt zusammenhängen. Dazu gibt es zahlreiche Mitmachstationen und Anregungen in Form von Animationen, Trickfilmen, Hörstationen, vielen interaktiven Exponaten und kurzen Texten, die die Fakten informativ vermitteln. Die Ausstellung bietet einen Blick auf das Ozonloch und in den Ozean, eine Murmel-Fahrt im Phosphatkreislauf, eine Waage für virtuelles Wasser und vieles mehr. "Menschenwelt" richtet sich an Jugendliche, Schulklassen und Interessierte aller Altersgruppen.

📰 Klimaforschung und Menschheit

Kunden bevorzugen Lebensmittelverpackungen, die sie für nachhaltig halten

Verbraucherinnen und Verbraucher sind bereit, mehr Geld für Lebensmittelverpackungen zu bezahlen, die sie selbst als nachhaltig empfinden. Einer neuen Studie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg zufolge sind bei Obst und Gemüse unverpackte Lebensmittel am beliebtesten, gefolgt von Papierverpackungen und solchen aus Recyclingplastik. Konventionelles Plastik und auch sogenanntes Bioplastik schneiden dagegen schlecht ab. Die Studie wurde kürzlich im Fachjournal "Resources, Conservation and Recycling" veröffentlicht.

Ökolabel für Güterverkehr entwickelt

Mit einem neuen Bewertungssystem lassen sich die Klimafolgen von Transportdienstleistungen erstmals transparent bewerten. Im "Journal of Industrial Ecology" beschreibt das Team aus Wirtschaftswissenschaftlern unter Leitung der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und der Christian-Albrechts-Universität Kiel die Details für ein solches Verfahren. Die Bewertung basiert auf der ausgestoßenen Menge an Treibhausgasen, die eine Sendung auf ihrem Transportweg verursacht. Etwa 14 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen pro Jahr gehen auf den Personen- und Güterverkehr zurück.

Bessere Überwachung der Artenvielfalt in Europa gefordert

Zu wenig Koordination, mangelhafte technische und finanzielle Ressourcen und unklare Zielvorgaben: Die nationalen Programme zum Monitoring der Artenvielfalt in Europa stehen vor vielen Herausforderungen. Zu diesem Schluss kommt ein erster Report des europaweiten Projekts "EuropaBON". In die Analyse eingeflossen sind Angaben von mehr als 350 Expertinnen und Experten aus Politik, Wissenschaft und Umweltschutzpraxis. Das Projekt-Team entwirft zudem einen Vorschlag für ein länderübergreifendes Monitoring der Artenvielfalt und Ökosysteme Europas.

Weltweite Waldrodung halbieren durch Umstieg auf Mycoprotein

Fleischersatzprodukte aus sogenanntem Mycoprotein könnten die Regenwälder retten – das ist das Ergebnis einer neuen Modellrechnung von Forschern des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Florian Humpenröder und seine Kolleginnen und Kollegen haben eine Simulation der globalen Landwirtschafts- und Ernährungswirtschaft entwickelt und dann untersucht, welche Folgen es hat, wenn nur ein kleiner Teil des Fleischkonsums ersetzt werden kann durch Produkte, die keine Viehhaltung erfordern. 20 Prozent des Rindfleischs durch "Mycoprotein" zu ersetzen, würde weltweit die Rodungsflächen bis 2050 halbieren. Denn es würden dann nur halb so viele neue Flächen für Viehhaltung benötigt, berichten die Forschenden im Fachmagazin nature. Mycoproteine sind Eiweiße, die durch Pilze erzeugt werden und aufgrund Struktur und Konsistenz in Großbritannien bereits als Fleischersatz unter dem Markennahmen Quorn verkauft werden. Details zur Studie beim PIK.

Renaturierung von Flussauen ist der beste Hochwasserschutz

Natürliche Flussauen, in denen weite Überflutungsflächen Hochwasser bei Bedarf aufnehmen können, sind nicht nur ökologisch extrem wertvoll. Sie bieten auch Menschen den nachhaltigsten Schutz vor Überflutung. Das ist ein Ergebnis einer neuen Studie von internationalen Forschern unter Beteiligung des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin. Das Team untersuchte unter anderem die Effekte der Deichrückverlegung an der Elbe bei Lenzen in Brandenburg. Ergebnis: Bei Hochwasser konnten die Pegel um bis zu 50 Zentimeter gesenkt werden, was eine weiträumige Schutzwirkung entfaltete. Technischer Hochwasserschutz wie die Erhöhung von Deichen bewirke stattdessen, dass die Menschen hinter den Bauwerken sich oft in falscher Sicherheit wiegten und dann bei einem starken Hochwasser noch verwundbarer würden, so die Autoren der in Frontiers in Environmental Science erschienenen Studie. Details dazu in der Pressemitteilung des IGB.

Stadtmenschen verstehen weniger von der Umwelt

Urbanisierung ist mit schlechtem ökologischem Wissen und weniger Umweltmaßnahmen verbunden. Das zeigt eine aktuelle Studie aus den USA, die das Verständnis für die Küstenökosysteme untersuchte. Dabei zeigte sich ein starker Kontrast zwischen Bewohnern der Städte und der Vorstädte. Die Forschenden nennen es urbanisiertes Wissenssyndrom.

📻 Klima in MDR und ARD

👋 Zum Schluss

Jetzt haben es auch die Autofahrer begriffen: Es geht auch ohne. Also ohne Auto. Okay, diese Erkenntnis war für viele Betroffene nicht ganz freiwillig und dürfte teilweise mit Härten verbunden gewesen sein. Die hohen Kraftstoffpreise infolge des Ukraine-Krieges treffen vor allem Geringverdiener und Menschen im ländlichen Raum.

Laut einer Umfrage des ADAC verzichtet seit Jahresbeginn jeder Zweite zumindest hin und wieder auf Fahrten mit dem privaten Pkw. Wichtigste Alternative ist demnach das Fahrrad. 28 Prozent der Befragten nutzen es derzeit häufiger als vorher. Auch der ÖPNV (plus 14 Prozent) und die Bahn (plus neun Prozent) werden deutlich öfter frequentiert.

Nun sollen explodierende Treibstoff- bzw. Energiekosten nicht zu einem pädagogischen Mittel umdeklariert werden. Dennoch: Vielleicht veranlasst die aktuelle Lage den einen oder anderen dazu, über seine Autonutzung nachzudenken. Dass dieser Impuls für die Zukunft hilfreich sein kann, zeigt sich wie in einem sprichwörtlichen Brennglas derzeit in Indien und Pakistan.

Falls Sie das anders sehen: Lassen Sie es uns wissen. Der Austausch mit Ihnen und Ihren Meinungen, Hinweisen und Kritiken ist uns äußerst wichtig.

Gero Hirschelmann

Sie haben eine Frage oder Feedback?

Schreiben Sie uns an klima@mdr.de.