DAS MDR KLIMA-UPDATE | Freitag, 17. Dezember 2021 Graue-grüne Weihnachten und die Guten gegen die Guten

Mann mit bart, runder schwarzer Brille, schwarzem Pullover, schwarzem Basecap
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Vergessen wir einfach weiße Weihnachten und freuen uns, wenn sie trotzdem passieren. Außerdem: Ist Flutlicht beim Fußball noch tragbar und warum kommen sich manchmal sich die Guten und die Guten in die Quere?

Tauwetter: Zwei Schneemänner, aneinandergekippt, am Schmelzen, dreckiger Schnee, Untergrund mit Schnee und Grasflecken. Text: Das MDR Klima-Update.
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Liebe Leserinnen und Leser,

eine Eigenheit meinerseits ist es, jedes Jahr in diesen Tagen die Mitmenschen im näheren Umfeld darüber zu belehren, dass Schnee und Weihnachten meteorologisch-historisch gesehen in unseren Breiten nicht zusammengehören. Auch, wenn uns Gassenhauer wie "Leise rieselt der Schnee" und die Adventskalendermotive großer Süßwarenhersteller ein anderes Bild zu vermitteln versuchen.

Aber Schnee, der war auch vor den sichtbaren Auswirkungen des Klimawandels in Deutschland kaum zur passenden Festtagszeit zugegen. Nur, wie soll ich's sagen … dieser unangenehme Umstand hat sich in Folge der Erderwärmung noch einmal verschärft. Die Kolleg*innen von WDR Quarks haben die Wahrscheinlichkeit einer Schneedecke an allen drei Weihnachtstagen mal zusammengetragen:

Diagramme zeigen Wahrscheinlichkeit für Weiße Weihnacht in Deutschland: 1961-1990 und 1991-2020. Hamburg: 16,7 %, 6,7 %; Frankfurt 17,4 %,5,6 %; Leipzig 10,5 %, 6,7 %; München 33,3 %; 13,8 %
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Aber: Diese grau-grünen Aussichten für die Mitte Mitteldeutschlands lassen sich schlecht verallgemeinern. Im Harz, Erzgebirge oder der Lausitz sehen die Chancen schon ganz anders aus. Überhaupt: Die Wettermodelle munkeln dieses Jahr was von einem Kälteeinbruch zu Weihnachten … 🥶

Also, abwarten und Thema wechseln: Dorthin, wo die Schneeaussichten an den Feiertagen nicht so schlecht sind. Sie haben diesen merkwürdigen Gegensatz vielleicht noch im Hinterkopf: Da wollen die einen das Klima durch den Eisenbahnverkehr retten und bauen eine flinke ICE-Trasse durch den Thüringer Wald (wenn Sie mal langgefahren sind, wissen Sie: Man sieht den Wald und Winter vor lauter Tunnel nicht). Und die anderen wollen die Umwelt retten und halten so eine Schnellfahrstrecke für eine ganz dumme Idee, schließlich zerstöre sie wertvollen Naturraum. Hier kämpfen … 

😇🆚😇 Die Guten gegen die Guten

Hand aufs Herz: Kriegt man Naturraum-/Artenschutz und Klimaschutz überhaupt unter einen Hut? Diese Grundsatzfrage habe ich weitergeben an einen, der es wissen muss – Naturschutzforscher Josef Settele vom Helmholtzzentrum für Umweltforschung in Leipzig-Halle:

Arten- gegen Klimaschutz – wo rappelt's denn grad gewaltig, Herr Settele?
Josef Settele: Bei der Windkraft haben wir das Problem, dass insbesondere Großvögel, aber auch Fledermäuse in den relevanten Höhen unterwegs sind und bei Kollision mit Windrädern schwer verletzt bzw. getötet werden. Das hat unmittelbare Auswirkungen auf die lokalen Vorkommen, da beispielsweise Greifvögel nur wenige Nachkommen haben und jeder Verlust daher gravierend ausfällt, weshalb es hier zu massiven Konflikten kommt. Der Anbau von Biomasse in Monokulturen steht in Konkurrenz zu Landwirtschaft und Naturschutz, da er flächenintensiv ist und zudem geringe Biodiversität, also erhebliche Artenarmut aufweist.

… und wo klappt das schon ganz gut?
Settele: Im Bereich der sogenannten naturbasierten Lösungen, wie z.B. der Wiedervernässung von Mooren, wo entsprechend viel Kohlenstoff festgesetzt wird und zugleich Lebensräume für viele gefährdete Arten geschaffen werden. Auch bei der Ausweitung von Photovoltaikanlagen gibt es Win-Win-Situationen, da z.B. solche Flächen zugleich eine hohe Lebensraumeignung für Tiere und Pflanzen aufweisen und zudem dann als Trittsteinbiotope dienen können, welche isolierte Lebensräume wieder besser verbinden – Stichwort: Biotopverbund.

Wie kann denn Forschung helfen, beides unter einen Hut zu bekommen?
Settele: Forschung kann aufzeigen, unter welchen Bedingungen Windräder weniger Schäden verursachen, also wo sie am besten lokalisiert werden, aber auch wann sie aufgrund höherer Wahrscheinlichkeit des Auftretens und der Aktivität bestimmter Vogelarten und Fledermäuse abgestellt werden sollten. Im Bereich der Biomasseproduktion zeigt uns die Forschung schon jetzt, dass Anlagen als Monokulturen nicht zielführend sind. Zum anderen fällt aber bei der Landschaftspflege wiederum Biomasse an, die bislang wenig zur Energiegewinnung genutzt wird, aber ein gewisses Potenzial haben könnte und zugleich vermeidet, dass Schnittgut dann nur als Abfall daherkommt.


Bleiben wir noch mal bei den Windrädern. Die sind für den Klimaschutz unerlässlich und bringt neben Solarenergie die meisten Vorteile. Das sehen Fledermäuse nur eben anders. Auch Christian Voigt vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin macht sich im Gespräch mit meinem Kollegen Marcel Roth Sorgen, dass Klimaschutz und Artenschutz nicht ausreichend zusammen gedacht werden:

Aber es gibt sie, die guten Nachrichten: Schon mal was von Agri-Photovoltaik gehört? Josef Settele hat es oben angesprochen. Das ist nicht nur eine Technik, die Ackerbau und Solarstrom-Erzeugung auf ein und derselben Fläche ermöglicht, sondern auch Tummelplätze für Hummeln bietet, wie eine aktuelle Studie zeigt:


Wenn im Herrenfußball Leipzig gegen Bayern (oder Jena gegen Halberstadt) antritt, dann denken möglicherweise die wenigsten an den Klimaschutz. Aber der dicke CO2-Rucksack ist nicht nur mit den Mobilitätsströmen für die Stadionanfahrt und die Pausen-Bratwurst gefüllt: Gerade Flutlichtspiele sind ziemliche Energiefresser. Drei Flutlichtspiele verbrauchen so viel Strom wie ein Einfamilienhaus im Jahr. Ob das auch anders geht, fragt sich MDR AKTUELL-Hörer Frank Weinert. Stephan Kloss hat nachgehakt:

📰 Was außerdem so los war

  • 🚜 Landleben kann ganz schöner Luxus sein – und wird in Sachen Klimaschutz möglicherweise noch etwas luxuriöser. Denn der ist für Menschen auf dem Land teurer als für Großstädter*innen. Warum das so ist, lesen Sie hier.
  • 🍔 Dass Biodiversität und Klimaschutz ohne einander nicht können, das wissen Sie als aufmerksame*r Leser*in dieses Newsletters bereits. Wie die Generalisten die Spezialisten unter den Pflanzen verdrängen, haben Forschende aus Halle herausgefunden. Meine Kollegin Liane Watzel nennt dazu das passende Stichwort: McDonaldisierung der Artenvielfalt. Vielleicht hilft es ja, indigener Bevölkerung ihr Land zurückzugeben?
  • 🥵 38 Grad in Sibirien – die Arktis hat einen neuen, besorgniserregenden Hitzerekord. Diese im Juni 2020 gemessene Temperatur wurde jetzt bestätigt. Steigende Temperaturen in Sibirien lassen die Permafrostböden schneller schmelzen, die wiederum klimaschädliches Methan freisetzen.


Zum Schluss

Ich nehme an, dass Ihnen der Klimaschutz nicht ganz unerlässlich erscheint – sonst hätten Sie diesen Newsletter nicht abonniert und erst recht nicht bis hierhin gelesen. Vermutlich wollen Sie aber auf die eine oder andere materielle Gabe unter der Nordmanntanne nicht ganz verzichten. Darum drei Tipps, wie dem Klima, der Umwelt und nahestehenden Menschen gleichermaßen eine Freude zu machen wäre:

  • 🚅 Mobilität: Schenken Sie eine BahnCard 25. Für die zweite Klasse ist die durchaus bezahlbar. Falls keine Reisen in Aussicht sind, tut's auch eine Monatskarte für die Öffentlichen oder ein Guthaben für einen lokalen Bikesharing-Anbieter.
  • 🥕 Futtern und retten: Es gibt Bio-Abokisten, die auf krummes Obst und Gemüse spezialisiert sind. Ein bis drei Lieferungen passen gut in viele Budgets. Oder ein Set mit Lebens- und Genussmitteln, die aus geretteten Zutaten hergestellt werden. Auch das gibt's, ebenfalls bezahlbar!
  • 🧼 Haushaltsprodukte: Der beste Kompromiss aus selbstgemacht und gekauft ist: gekaufte Sets fürs Selbermachen. Zum Beispiel gibt es hübsche Sets, die es ermöglichen, Reinigungsprodukte selbst herzustellen und dabei v.a. Müll und unnötige Inhaltsstoffe zu vermeiden. Oder Sie sagen der Frischhaltefolie den Kampf an: Bienenwachstücher gelten schon eine Zeit lang als nachhaltige Alternative. Und DIY-Sets ermöglichen es, die Dinger selbst herzustellen.

Sodann: Ich wünsche Ihnen eine frohe festliche Zeit und tue dies auch im Namen der Redaktion. Möge sich Ihr Wunsch nach Weißer Weihnacht erfüllen, sofern er besteht. Oder nach grüner, wenn Ihnen das besser gefällt.

Wir schließen uns der Ruhe zum Jahresende an, frönen dem Müßiggang und melden uns mit dem nächsten Klima-Update dann am 7. Januar.

Passen Sie auf sich und die Welt auf!

Allerherzlichst
Florian Zinner

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3 Kommentare

Anni22 vor 34 Wochen

@ Pwsksk Naja man muss eben bei den Grundlagen beginnen. Die 1. Frage ist doch, wie viel Menschen sind bei welchem Lebensstandadard pro Fläche umweltverträglich. Ökologisch heißt eben nicht Monokultur. Was bringt es zu wissen, wie ökologische Wirtschaft theoretisch funktioniert, wenn es praktisch einfach nicht umsetzbar ist, weil die benötigten Mengen an Nahrung, Wohnraum, Energie für die Menge der Bevölkerung einfach nicht so zu erwirtschaften sind? Zukauf aus dem Ausland verschiebt ja die Probleme nur, da es dort ja auch wieder nicht ökologisch produziert wird. Wir versuchen gerade mit einem Gläschen das überlaufende Wasser (Umweltzerstörung) abzuschöpfen, aber die Wassermege steigt stetig an. Das kann e so nicht funktionieren. Der Menschheit sind ihrenatürlichen Feinde beseitigt, die Population wird nicht mehr reguliert. Wir müssen es selber hinbekommen oder wir müssen neue Planeten erschließen oder verhungern.

pwsksk vor 34 Wochen

Hallo Anni22, "... wenn man erkennt...".
Das ist mir jetzt zu allgemein. Ist das ein Hinweis, dass in Deutschland die Bevölkerungsdichte schon zu hoch ist und wir dadurch kein ökologisches Gleichgewicht mehr hinbekommen? Vor dem Hintergrund, grüne Energie noch massivst ausbauen zu müssen? Oder, wie im Beitrag erwähnt, die Monokultur für nachwachsende Rohstoffe sh. Mais eingeführt wurde und somit ein Artensterben beschleunigt wurde?
Es ist für mich zumindest sichbar, das hier mit zweierlei Maß gemessen wird und das mit der neuen Bundesregierung durch teilweise Aushebelung des Artenschutzes die (nicht mögliche) Energiewende geschafft werden soll. Ich bin gespannt, wie sich NABU und BUND in Zukunft positionieren werden und unsere grünen Minister ins Schwitzen bringen (oder auch nicht).

Anni22 vor 35 Wochen

"Hand aufs Herz: Kriegt man Naturraum-/Artenschutz und Klimaschutz überhaupt unter einen Hut? "
Ja natürlich, wenn man erkennt, dass es sind nicht unbegrenzt viele Menschen pro Fläche geben darf. Ökologisches Gleichgewicht wird es nur geben, wenn die Zahl der Menschen dem Lebensraum angemessen ist und Platz für Tiere, Pflanzen und ökologisches Wirtschaften bleibt.