Klimakrise Schneekanonen in der Antarktis sollen Küsten retten

Deutsche Klimaforscher haben berechnet, wie viel CO2 das Klima noch verträgt, bevor es wärmer als 1,5 Grad Celsius wird. Danach droht das Abschmelzen der Antarktis und damit die Flutung vieler Hafenmetropolen.

Eine Schneekanone beschneit einen Skihang
Eine Schneekanone Bildrechte: imago/Udo Gottschalk

Wie viel CO2 darf die Menschheit noch in die Atmosphäre abgeben, bevor die Erderwärmung 1,5 Grad übersteigt? Dazu gab es bislang unterschiedliche Berechnungen. Ein internationales Forscherteam unter Leitung des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) hat nun die verschiedenen Modelle betrachtet und zueinander in Beziehung gesetzt. Die Ergebnisse präsentieren Wissenschaftler im Magazin "nature".

Messungen an Land oder über Wasser

So hatten Studien bislang beispielsweise unterschiedliche Orte für die Messung der Lufterwärmung gesetzt. Während die eine Gruppe von Wissenschaftlern Standorte an Land, etwa 1,5 Meter über dem Erdboden, auswählte, maßen die anderen die Temperatur über dem Meer. Da Wasser sich langsamer aufheizt, fallen die Temperaturmessungen dort niedriger aus, als über dem Land.

Die Landtemperaturen wiederum geben aber realistischer die Folgen für Menschen wieder, deswegen seien die Messungen dort eine bessere Grundlage, für die Abschätzung der Konsequenzen für Menschen, schreiben die PIK-Forscher jetzt.

Permafrostböden nicht berücksichtigt

Ein zweites Problem bisheriger Abschätzungen zur verbleibenden CO2-Menge sei, dass die Effekte auftauender Permafrostböden nicht berücksichtig worden seien, so die Forscher. Aus diesen Böden entweicht Methan, das einen viermal so klimaschädlichen Effekt hat wie Kohlenstoffdioxid. "Das bedeutet, dass unser Spielraum noch kleiner sein könnte, als wir dachten", erklärt Elmar Kriegler vom PIK, einer der Autoren der Studie.

Die Politik kann für Methan und andere Klimagase stärkere Reduktionsziele beschließen. In diesem Fall wächst die Menge an CO2, die die Atmosphäre noch aufnehmen kann. Allerdings: Selbst wenn diese CO2-Potenzial um die Hälfte höher ist, als bislang angenommen, so bleiben laut den Wissenschaftlern dennoch nur zehn Jahre, bevor der Ausstoß komplett auf null gesenkt sein muss, um das 1,5 Grad Ziel einhalten zu können.

Hintergrund des 1,5 Grad-Zieles sind Annahmen über sogenannte Kipppunkte. Das sind bestimmte Temperaturwerte des globalen Erdklimas. Werden sie überschritten, könnten Kettenreaktionen ausgelöst werden, die eine noch schnellere und stärkere Weitererwärmung zur Folge haben, die dann auch nicht mehr kontrolliert oder aufgehalten werden kann. "Alles, was wir über die Größenordnung der erwarteten Klimaauswirkungen in einer Welt mit mehr als 1,5 Grad Temperaturzunahme wissen, lässt keinen Zweifel: Wir brauchen einen Vorsorgeansatz mit entschlossenen Klimaschutzmaßnahmen in den nächsten fünf bis zehn Jahren, um die Risiken zu begrenzen", sagt Kriegler.

Billionen Tonnen Kunstschnee für die Antarktis

Einer dieser Kipppunkte ist das Eisschild an den Polen. Das weiße Eis reflektiert viel Sonnenlicht und damit Energie zurück ins Weltall. Taut das Eis ab, wird die Energie von der Erde aufgenommen und das Klima erwärmt sich noch stärker. Deswegen hat eine weitere Arbeitsgruppe unter Beteiligung von Forschern vom PIK mit einem Modell berechnet, ob sich das Abtauen des Eisschildes in der Westantarktis mit Schneekanonen stoppen lässt. Das Eis dort schmilzt vor allem wegen warmer Wasserströmungen.

Im Fachblatt Science Advances skizzieren die Forscher ein Szenario, bei dem eine gewaltige Menge Wind-, Entsalzungs- und Pumpanlagen vor der Küste des Eiskontinents errichtet würden. Sie würden Meerwasser an Land befördern, wo es durch die kalten Lufttemperaturen in Schnee verwandelt würde. Wie die Wissenschaftler selbst schreiben, wäre ein solches System enorm teuer und würde wahrscheinlich das sensible Ökosystem im Südpolarmeer zerstören.

New York und Hamburg bedroht

"Wir sind uns der Schwere bewusst, die ein solcher Eingriff hätte", sagt Johannes Feldmann, einer der Autoren der Studie. Allerdings sei eine riesige Menge zusätzlichen Schnees laut Simulationen in der Lage dazu, das Eisschild tatsächlich zu stabilisieren. Sollte es dagegen abtauen, könne der Meeresspiegel im Lauf der kommenden Jahrhunderte um mehr als drei Meter steigen. Damit wären weltweit Küstenregionen gefährdet. Sie sind allerdings die stärksten Siedlungsgebiete der Menschen. Millionenmetropolen wie New York, Shanghai, Kalkutta oder auch die deutsche Hafenstadt Hamburg wären akut bedroht.

Neben den enormen Kosten und Risiken eines solchen Projekts schränken die Forscher auch ein, dass die Berechnungen nur für das 1,5 Grad-Ziel gelten. "Ein solches gigantisches Unterfangen wäre nur dann überhaupt sinnvoll, wenn das Pariser Klimaabkommen eingehalten wird und die CO2-Emissionen schnell und drastisch reduziert werden", sagt Feldmann.

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