Worst-Case-Szenario Der Klimawandel könnte die gesamte Menschheit auslöschen

Aktuell konzentriert sich unsere Forschung zum Klimawandel meist darauf, welche Folgen zu erwarten sind, wenn sich die Erde um eineinhalb bis zwei Grad erwärmt. Ein interdisziplinäres Team aus Forschenden appelliert nun im Journal Proceedings of the National Academy of Sciences (kurz PNAS) an die Wissenschaft: Sie fordern, dass wir uns verstärkt mit Worst-Case-Szenarien zum Klimawandel auseinandersetzen.

Klimawandel Apokalypse
Apocalypse now: Eine Frau versucht, im Mai 2022 ihr Haus nach einer Überflutung zu erreichen. Forschende rufen in einem aktuellen Journal-Artikel die Wissenschaft dazu auf, mehr über derart apokalyptische Auswirkungen des Klimawandels zu disktutieren. Bildrechte: IMAGO/YAY Images

Sollte der globale Temperaturanstieg nämlich schlimmer ausfallen, als derzeit allgemein vorhergesagt (also vielleicht sogar vier bis fünf Grad betragen), könnten wir uns sehr schnell in einer Art apokalyptischem Klimawandel-Endgame befinden – und das könnte die Weltbevölkerung um hunderte Millionen Menschen dezimieren oder sogar komplett auslöschen.

Das Klima hat schon viele Massensterben ausgelöst

Risikoforscher Luke Kemp von der University of Cambridge ist einer der Hauptautoren des Appells. Er sagt: "Es gibt viele Gründe zu der Annahme, dass der Klimawandel selbst bei moderater Erwärmung katastrophal werden könnte." Immerhin hätten klimatische Veränderungen bislang bei jedem Massenaussterben eine Rolle gespielt – auch die moderne Welt sei lediglich an eine bestimmte Klima-Nische angepasst.

Es gibt viele Gründe zu der Annahme, dass der Klimawandel selbst bei moderater Erwärmung katastrophal werden könnte.

Dr. Luke Kemp, Cambridge Centre for the Study of Existential Risk

Luke Kemp und seine Kolleginnen und Kollegen plädieren dafür, verstärkt zu untersuchen, welche Folgen auf die Menschheit zukommen, falls die Erde sich eben nicht um zwei Grad, sondern um drei Grad oder mehr erwärmt. Eine Modellierung der Forschenden zeigt, dass in diesem Fall bis 2070 zwei Milliarden Menschen in Gebieten extremer Hitze – also mit einer jährlichen Durchschnittstemperatur von über 29 Grad Celsius – leben würden. Diese Gebiete gehören nicht nur zu den am dichtesten besiedelten Bereichen der Erde, sondern auch zu den politisch fragilsten.

Waldbrand
Waldbrand im Juli 2022 in der sächsischen- und böhmischen Schweiz. Extreme Hitze könnte dafür sorgen, dass es künftig mehr derart bedrohliche Ereignisse gibt. Bildrechte: IMAGO/Sylvio Dittrich

Klimawandel kann andere Katastrophen auslösen

Neben den direkten Auswirkungen des Klimawandels wie Extremwetterereignissen müsse man also auch verstärkt untersuchen, welche politischen Folgen diese haben. "Folgewirkungen wie Finanzkrisen, Konflikte und neue Krankheitsausbrüche könnten andere Katastrophen auslösen und die Erholung von potenziellen Katastrophen wie einem Atomkrieg behindern", sagt Luke Kemp. Sein Co-Autor Chi Xu von der Nanjing University ergänzt, bis 2070 könnten extrem hohe Temperaturen und deren Folgen zwei Atommächte und sieben maximale Containment-Labore, in denen hochgefährliche Krankheitserreger untergebracht sind, betreffen. "Es gibt ein ernsthaftes Potenzial für katastrophale Folgewirkungen."

Vier apokalyptische Reiter der Klimakrise

Ganz im Stile eines echten Weltuntergangsszenarios schlägt das Forscherteam vier "apokalyptische Reiter" vor, mit denen wir uns im Klimawandel-Endgame beschäftigen müssen: Hungersnot und Unterernährung, Extremwetter, Konflikte und Infektionskrankheiten, die durch Vektoren wie beispielsweise Mücken oder Zecken übertragen werden. Außerdem könne der Kollaps des Klimas viele andere Bedrohungen verschärfen: Von zunehmender sozialer Ungleichheit bis zum Zusammenbruch unserer Demokratien. Ein Szenarium der Forschenden sind sogenannte "warm wars", also "warme Kriege", in denen technologisch fortgeschrittene Supermächte um den schwindenden Raum für CO2-Emissionen und riesige Experimente zur Ablenkung von Sonnenlicht kämpfen werden.

apokalyptischen Reiter
Vier apokalyptische Reiter von Peter von Cornelius. Laut der Bibel sind es Pest, Krieg, Teurung und Tod. Bildrechte: imago images/H. Tschanz-Hofmann

Tipping points können den Klimawandel plötzlich beschleunigen

Vor allem das Erreichen sogenannter "tipping points" könnte dafür sorgen, dass der Klimawandel schneller außer Kontrolle gerät als angenommen. Johan Rockström, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, ist ebenfalls am aktuellen Appell in PNAS beteiligt. Er betont: "Kipppunkte rücken näher, nicht nur, weil wir immer mehr klimaschädliche Treibhausgase ausstoßen, sondern auch, weil wir zunehmend verstehen, dass unser Planet anfälliger ist. Er ist ein hochkomplexer Organismus mit Rückkopplungen und Wechselwirkungen, die seine Funktionen ganz plötzlich von Dämpfung und Abkühlung auf Verstärkung und Erwärmung umstellen können. Das Absterben des Amazonas und das beschleunigte Abschmelzen des Grönlandeises sind Beispiele für Systeme, die schnell von kühlenden Kohlenstoffsenken zu Quellen weiterer Erwärmung werden können." Deshalb genüge es nicht, Mittelwerte zu beachten, man müsse auch nichtlineare, extreme Risiken einkalkulieren.

Kritik am IPCC

Kritik äußern die Forschenden außerdem am IPCC: Die Berichte des Weltklimarates hätten sich in den vergangenen Jahren verstärkt auf Szenarien mit einer Erderwärmung um zwei Grad konzentriert und dabei die Gefahr einer noch viel stärkeren Erwärmung unseres Planeten vernachlässigt.

Der Klimaphysiker Carl-Friedrich Schleussner wiederspricht dem Autorenteam in diesem Punkt: "Die mit großem Abstand meisten wissenschaftlichen Studien untersuchen Klimafolgen bei extremen Erwärmungsszenarien" – dabei gehe es beispielsweise um globale Erwärmungen um 4,8 Grad. Es sei also nicht ganz richtig, dass wissenschaftliche Arbeiten extreme Klimaszenarien ignorierten. "Dazu ist zu erwähnen, dass extreme Emissionsszenarien mit einer Erwärmung von bis zu sechs Grad bis zum Ende des Jahrhunderts zum Glück nicht mehr als realistisch anzusehen sind". Der Klimaphysiker schätzt, dass wir derzeit eher auf eine Erderwärmung von drei Grad zusteuern.

Der Klimawandel findet nicht in einer konfliktfreien Welt statt

Einen sehr wichtigen Punkt hätten die Forschenden allerding schon, sagt Schleussner: Sie verknüpfen gesellschaftliche Risiken und politische Stabilität mit dem Klimawandel. "Wir betrachten im Moment meist die Risiken von Klimawandel in einer sonst idealisierten und konfliktfreien Welt. Die Realität ist eine andere. Im Jahr 2022 und leider vermutlich auch über lange Zeit im 21. Jahrhundert." Der Risikoforscher Reinhard Mechler sieht das ähnlich. Die Perspektive der Forschenden sei wichtig, weil sie den Fokus auf existenzielle Risiken und Kipp-Punkte in sozialen Systemen lenke. Ein starker Klimawandel wirke sich auf diese "tipping-points" aus.

Links/Studien

Der Artikel "Climate Endgame: Exploring catastrophic climate change scenarios" im Journal Proceedings of the National Academy of Sciences ist hier zu finden.

smc/iz

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