Haustiere Können Hunde lieben?

Dass die meisten Hundebesitzer ihre Vierbeiner lieben ist wohl unstrittig. Aber wie sieht es auf der anderen Seite aus: Empfinden unsere Haustiere dieselben Gefühle für uns? Oder sind die Menschen dem Hund eben doch nur der Rudelführer oder der Dosenöffner? Ob Tiere wirklich ein Gefühl der Liebe empfinden können, darüber streiten sich die Wissenschaftler seit Jahren.

Eine Frau küsst einen Hund
Mensch und Hund: Echte Liebe? Bildrechte: IMAGO

Wissenschaftler können die Hunde leider nicht fragen, was sie für den Menschen oder andere Hunde empfinden und ob sie überhaupt etwas empfinden. Bei Affen ist das anders: Ein Paradebeispiel ist Schimpansin Washoe, die als erstes Tier von einem Verhaltensforscher die Zeichensprache für Taubstumme erlernte. Sie musste zwei schwere Schicksalsschläge erleiden, als zwei ihrer Jungen starben. Die Schimpansen-Dame trauerte wie ein Mensch. Doch dann erklärte ihr Betreuer ihr per Zeichensprache, dass er ihr ein Adoptivkind bringen würde. Washoe geriet daraufhin in helle Freude und formte das Zeichen für "Baby". Bis sie das Adoptivkind annahm, soll sie Stimmungen wie Trauer, Freude, Hoffnung und Enttäuschung durchlebt haben.

Emotion vs. Gefühl

Nun könnte man annehmen, dass Affen aufgrund ihrer Nähe zum Menschen eine Ausnahme bilden. Das ist aber nicht so. Denn, dass Tiere Emotionen empfinden können und Gefühlsäußerungen zeigen, gilt als gesichert. Zahlreiche Studien von Verhaltensforschern zeigen das. Doch der Aspekt der Liebe bleibt umstritten.

Einige Forscher glauben, dass Tiere lediglich ein artspezifisches Verhaltensrepertoire abspulen. Vorreiter dieser Therorie ist der US-Hirnforscher Antonio Damasio von der University of Southern California. Er unterscheidet zwischen Emotionen und Gefühlen, wobei er Emotionen als physikalische Signale des Körpers definiert. Die werden einfach durch äußere Einflüsse ausgelöst. Dagegen seien Gefühle etwas, dass durch die Interpretation dieser Emotionen im Gehirn entstehe. Dazu bräuchten Tiere aber ein Ich-Bewusstsein - also das Wissen um die eigene Identität, das sie aber nicht hätten.

Doch auch die gegenteilige Sicht ist in der Wissenschaft weit verbreitet. Schon Charles Darwin stellte in seinem Buch "The Expression of the Emotions in Man and Animals" von 1872 die These auf, dass Tiere und Menschen sich hinsichtlich Geist, Wesen und Verstand gleichen. Und dazu zählten eben Empfindungen wie Eifersucht, Ehrgeiz, Misstrauen oder Humor sowie der Intellekt. Diese Emotionen waren für Darwin ein wichtiger Überlebensmechanismus, über den auch andere Säugetiere als der Mensch verfügen.

Bis heute wird die Frage nach dem Verhältnis von Emotion und Gefühl kontrovers diskutiert. Zeigt beispielsweise ein Zebra Angst vor einem Jäger oder handelt es sich schlichtweg um einen automatischen Fluchtinstinkt? Freut sich der Löwe bei der Zusammenkunft seines Rudels oder zeigt er dieses Verhalten nur, weil das bisher zu seinem Überleben beigetragen hat? Empfinden Säugetiere also wirklich Angst, Freude, Trauer, Leid oder eben Liebe? Doch was die Tiere in ihrem Innersten wirklich bewegt, bleibt für den Menschen unergründbar. Objektiv beweisbar ist es nicht.

Das Ich-Bewusstsein

Ein schwarzer Mops sitzt in einem Fahrstuhl vor einem Spiegel.
Hunde erkennen sich nicht selbst im Spiegel. Bildrechte: MDR/Mayte Müller

Der sogenannte Spiegeltest kann einen Hinweis auf ein höheres Bewusstsein bzw. ein Ich-Bewusstsein bei einem Tier liefern. Bei dem Experiment zur Selbstwahrnehmung werden den Testtieren künstliche Merkmale am Körper angebracht - also etwa ein roter Punkt aufgemalt an einer Stelle, die das Tier ohne Spiegel nicht sieht. Dann kommt das Tier vor einen Spiegel und es wird geschaut, wie es reagiert: Zeigt es durch sein Verhalten an, dass sich da eine Markierung am eigenen Körper befindet? Einige Tiere machen das tatsächlich: Mehrere Affen-Arten, asiatische Elefanten und sogar Delfine erkennen sich im Spiegel. Hunde und Katzen jedoch nicht. Die meisten Hunde halten das eigene Spiegelbild zunächst für einen Artgenossen.

Das muss jedoch nicht heißen, dass Hunde kein Ich-Bewusstsein haben, erklärte Helmut Prior vom Institut für Psychologie der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt/Main der Zeitschrift National Geographic: "Für Hund und Katze ist dieser Test möglicherweise einfach ungeeignet, weil ein Spiegel nicht zu ihrer Wahrnehmung der Welt passt." Denn alle Tiere, die den Spiegeltest bestanden haben, sind Lebewesen, die sich auf den Sehsinn als Hauptinformationsquelle verlassen.

Dass Hunde den Spiegeltest nicht bestehen, könnte daran liegen, dass sie die eigene Identität und die anderer vor allem am Geruch- oder Hörsinn festmachen.

Helmut Prior, Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt/Main

Das Spiegelbild riecht aber weder noch macht es Geräusche. Deshalb passe es womöglich nicht in die Erlebniswelt des Hundes. Eine Studie von Wissenschaftlern der russischen Tomsk State University stützt diese Vermutung. Sie haben eine Art Geruchsspiegeltest entworfen und geschaut, ob der Hund den Geruch seines eigenen Urins erkennt. Und tatsächlich widmeten die Testhunde ihrem eigenen Duft weit weniger Aufmerksamkeit als den fremden Gerüchen. Hunde könnten also tatsächlich ein Ich-Bewusstsein haben. Und das wäre dem Hirnforscher Antionio Damasio Voraussetzung dafür, echte Gefühle zu entwickeln.

In den Kopf geschaut

Und was sagt eigentlich die moderne Hirnforschung zu dem Thema? Die stützt mittlerweile eher Darwins Sichtweise. Denn Emotionen entstehen im sogenannten Limbischen System - einer Gehirnregion, die der Mensch mit vielen anderen Säugetieren gemeinsam hat. Sie ist mit dem Hirnstamm verbunden.

Doch das allein reicht etwa dem Neurologen Joseph LeDoux von der New York University in Manhattan nicht. In einem Essay in der US-Internetzeitung "Edge" schrieb er, dass er zwei Aspekte der Gehirnstruktur sehe, die es schwierig machten, unser subjektives Erleben auf das von Tieren zu übertragen. Denn die mit dem menschlichen Bewusstsein assoziierten Schaltkreise schließen dem Neurologen zufolge den seitlichen präfrontalen Cortex ein, der auch am Kurzzeitgedächtnis beteiligt ist. Diese Hirnregion ist beim Menschen aber viel höher entwickelt als bei anderen Säugetieren und bei einigen Tieren fehle er ganz. Der zweite Punkt betreffe die Sprache. Ein großer Teil des menschlichen Erlebens sei mit Sprache verbunden. Deshalb hänge auch unser Bewusstsein davon ab. Am Ende kommt LeDoux zu folgendem Schluss: "Ich glaube zwar, dass Ratten und andere Säugetiere, vielleicht sogar Schaben, Empfindungen haben. Aber ich wüsste nicht, wie ich das beweisen sollte."

Ist es wahre Liebe?

Säugetiere im Allgemeinen können also wahrscheinlich Gefühle empfinden. Der Meinung ist auch Norbert Sachser, Professor für Verhaltensbiologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Der Zoologe beschäftigt sich explizit mit der Gefühlswelt von Tieren. So konnte er in Studien mit wilden Meerschweinchen zeigen, dass sie bei der Auswahl ihrer Partner offenbar Präferenzen zeigen. Außerdem blieben Tiere, wenn ihr Partner bei ihnen ist, in Stresssituationen nachweislich ruhiger. Dass Säugetiere Emotionen haben, davon ist Sachser überzeugt. Welche Gefühle dabei aber im Einzelnen im Spiel sind, sei allerdings häufig schwer zu sagen.

Vielleicht lässt der Hormonhaushalt von Hunden Rückschlüsse darauf zu, ob es sich bei diesem Gefühl um Liebe handeln könnte. Forscher der japanischen Universitäten Tokio und Kanagawa haben in der Fachzeitschrift "Proceedings of the National Academy of Sciences" eine Studie zur Wirkung des Hormons Oxytocin bei Hunden veröffentlicht. Dieses Hormon wird auch als "Kuschelhormon" bezeichnet und beeinflusst das soziale Bindungsverhalten. Oxytocin steigert unsere Bereitschaft, uns anderen anzunähern oder sogar zu vertrauen. In ihrem Hunde-Expetiment haben die japanischen Forscher festgestellt, dass die Tiere das Hormon verstärkt ausschütten, wenn sie Zeit mit ihren Besitzern oder mit Artgenossen verbringen.

Ob es sich bei der Zuneigung der Hunde zum Menschen aber um Liebe handelt, bezweifelt die Jenaer Biologin Juliane Bräuer. Sie erforscht am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena die kooperativen, kommunikativen und metakognitiven Fähigkeiten von Hunden. Im Gespräch mit DRadio Wissen sagte sie, dass Liebe ein romantisches Gefühl impliziere. Doch diese romantische Hundeliebe halte sie für "nicht besonders realistisch". Allerdings ist Liebe hier wohl auch einfach Definitonssache.

In den letzten Jahren hat man halt festgestellt, dass Hunde eben eine ganze Menge können. Sie sind extrem flexibel, sie sind eben angepasst an die Umwelt mit dem Menschen. Sie sind sehr sensibel was unsere Aufmerksamkeit angeht. Sie sind sehr motiviert mit uns Sachen zusammen zu machen. Es kann schon sein, dass man irgendwann auch sagt, man kann hier von Liebe sprechen, wenn wir Liebe so und so definieren.

Juliane Bräuer, Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte

Fakt ist aber: Hunde mögen manche Menschen und Hunde lieber als andere. Und ihr eigenes Rudel mögen sie ganz besonders gern. Ob das wirklich Liebe ist, wird die Wissenschaft wohl nie klären können. Aber die meisten Hundebestizer kennen die Antwort auf diese Frage wohl sowieso schon längst.

Über dieses Thema berichtete LexiTV: im Fernsehen | 15.03.2017 | 15:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Juli 2017, 13:06 Uhr