Psychologie Jahresrückblick November: Cool zu bleiben lernen Kinder von Erwachsenen

Nicht nur Corona – auch Vulkane, Vögel, Planeten, Spinnen und Ähnliches fesselten unsere Leser in diesem Jahr. MDR WISSEN zeigt im Jahresrückblick 2021 die beliebtesten Artikel jedes Monats abseits von Corona. Im November zeigte sich: Beim "Nein" zum Schokoriegel cool zu bleiben, lernen Kids von den Großen.

Kleinkind sitzt im Einkaufswagen und hält eine Tomate
Tomate statt Schoki. Ob das im Supermarkt wirklich hilft? Bildrechte: Carsten Sand

Tief durchatmen, obwohl man am liebsten aus der Haut fahren möchte, das können die meisten Erwachsenen. "Impulskontrolle" oder "Gefühle regulieren", so nennen es Psychologen. Diese Fähigkeiten bekommen wir keineswegs in die Wiege gelegt, wir müssen sie erst erlernen. Doch wie? Und wer kann uns dabei helfen? Das wollte Johanna Schoppmann, Entwicklungspsychologin und Doktorandin an der Ruhr-Universität Bochum herausfinden.

Frust und Langeweile im Dienst der Wissenschaft

Gemeinsam mit ihren Kollegen beobachtete sie dafür 94 Jungen und Mädchen im Alter von 24 Monaten in einer für die Kinder frustrierenden Situation. Nachdem sie zunächst mit ihren Eltern gespielt hatten, mussten sie in einem Raum drei Minuten lang auf etwas warten, das sie gern haben wollten: ein kleines Geschenk oder einen Snack. Die Wissenschaftler wollten damit vor allem negative Emotionen wie Frustration erreichen.

Die Kinder konnten währenddessen verschiedenes beobachten: Die einen konnten sehen, dass sich ein fremder Erwachsener beim Spielen mit einem Schiebetier die Zeit vertrieb, was ihm offenbar Freude machte und von seiner Frustration ablenkte. Die anderen teilten den Raum mit jemandem, der einfach nur abwartete, aber auch ruhig blieb. Darüber hinaus gab es eine Kontrollgruppe, die während ihrer Wartezeit kein Vorbild hatte. Diese Kinder konnten aus verschiedenen Spielzeugen auswählen, womit sie sich so lange beschäftigen konnten, bis sie das erwartete Geschenk oder den Snack bekamen.

Abschauen hilft

Die Jungen und Mädchen, die bei anderen gesehen hatten, dass Ablenkung beruhigt, wenn man etwas nicht bekommt, übernahmen dieses Verhaltensmuster. Die anderen Kinder, die einen fremden Erwachsenen beobachtet hatten, der in der gleichen Situation einfach nur ruhig blieb, blieben ebenfalls eher ruhig. Wie aktiv oder passiv sie ansonsten waren, wirkte sich vor allem darauf aus, welches Spielzeug sie zum Zeitvertreib nutzten. Die Ruhigeren wählten eher einen Becherstapel, die Temperamentvolleren eher den Rasenmäher, der Geräusche macht. Diese Wesenszüge waren vorab bei den Eltern abgefragt und mit einer Smartwatch über eine Verhaltensskala gemessen worden.

Kleinkinder können lernen, ihre Emotionen zu regulieren, indem sie Fremde beobachten, nicht nur Eltern oder andere Familienmitglieder.

Johanna Schoppmann, Ruhr-Universität Bochum

Welche Rolle ein breiterer sozialer Kontext, also über die Eltern-Kind-Beziehung hinaus dabei spielt, dass Kleinkinder ihre Gefühle zu kontrollieren lernen, müsse weiter erforscht werden, so Johanna Schoppmann. Auch die Frage, ob Jungen und Mädchen unterschiedlichen Temperaments auch unterschiedlich mit Wut und anderen Emotionen umgehen, ist noch nicht beantwortet.

An der Studie nahmen 47 Jungen und 47 Mädchen teil, die im öffentlichen Geburtenregister Bochums erfasst waren. 61 Prozent der Mütter und 67 Prozent der Väter haben einen Hochschulabschluss. 82 Prozent der Kleinkinder hatten Eltern, deren Muttersprache Deutsch war.