Chemotherapie überflüssig? Die Zukunft der Krebstherapie

In kaum einem anderen Bereich der medizinischen Forschung ist die Entwicklung so rasant wie in der Krebstherapie. Die meisten aller neu zugelassenen Medikamente auf dem Markt sollen diese tödliche Krankheit bekämpfen. Aber auch neue Therapieansätze haben in letzter Zeit von sich reden gemacht. Auf der Jahrestagung der Deutschen, Österreichischen und Schweizerischen Gesellschaften für Hämatologie und Onkologie in Leipzig haben sich Spezialisten über die neuesten Entwicklungen ausgetauscht.

Ein schwacher Körper, Haarausfall und Erbrechen: Wenn man an Krebs denkt, dann meist auch an die Chemotherapie und ihre drastischen Nebenwirkungen. Neben der Operation und der Bestrahlung gilt sie als Standard in der Behandlung der Krankheit. Doch tatsächlich ist die Chemotherapie heute nur noch ein Baustein der Krebstherapie. Denn die bezeichnen Ärzte mittlerweile als Systemtherapie, weil sie auf den Körper des Patienten im Ganzen abzielt, erklärt der Direktor der Abteilung Hämatologie und Internistische Onkologie am Universitätsklinikum Jena Andreas Hochhaus.

Es ist so wichtig, dass wir uns damit beschäftigen, weil diese Systemtherapie in letzter Zeit doch durchgeführt wird aufgrund ganz bestimmter genetischer Veränderungen, die die Tumoren auszeichnen. Das heißt, wir gucken nicht mehr danach, ob der Tumor im Magen ist oder in der Niere oder in der Lunge ist, sondern wir schauen danach, welche genetischen Mechanismen haben den Tumor ausgelöst und wählen die Therapie aus dieser Richtung aus.

Andreas Hochhaus, Universitätsklinikum Jena

Dazu nutzen die Spezialisten aufwändige und teure Diagnoseverfahren. Denn so wird es möglich, dass bei einigen Patienten nur noch eine Biopsie durchgeführt werden muss. Das bedeutet, es wird lediglich für die erste Diagnose bei allen Patienten mithilfe einer Operation Gewebe entnommen und vom Pathologen unter dem Mikroskop untersucht. Bei allen folgenden Überprüfungen reicht es dann aus, das Blut zu untersuchen. Das ist vor allem sinnvoll für Patienten mit tiefer im Körper liegenden Tumoren - wie etwa in der Lunge oder der Bauchspeicheldrüse.

Im Mittelpunkt stehe heute die genetische Diagnostik, sagt Andreas Hochhaus. "Dass wir tatsächlich mit sehr modernen Methoden einerseits in der Tumorprobe, aber andererseits auch im Blut, in dem wir Zellen vom Tumor sehr sensitiv nachweisen können, genetische Veränderungen finden können und dadurch in manchen Fällen auch eine Biopsie sparen können."

In der Diagnostik wird außerdem gezielt untersucht, welche Mechanismen im Körper den jeweiligen Tumor fördern oder bremsen. Dabei haben sich besonders unsere körpereigenen Abwehrzellen - die Lymphozyten - hervorgetan. Diese Killerzellen sind dafür zuständig, Fremdstoffe im Körper zu erkennen und zu bekämpfen, wie etwa Viren bei einer Erkältung. Mithilfe spezieller Verfahren können die Lymphozyten auch in verschiedener Weise Tumorzellen angreifen. Diese Immuntherapie ist ein großer Hoffnungsträger: Bei Lungen-, Blasen- und Schwarzem Hautkrebs hat sie sich schon bewährt.

Das ist ein Verfahren, das wahrscheinlich bei sehr sehr vielen Krebsarten in Zukunft angewendet werden kann, aber man muss natürlich für jede einzelne Art die Studien abwarten, die Daten abwarten, ob tatsächlich die Therapie schonender und effektiver gegenüber den Standardtherapien ist.

Andreas Hochhaus, Universitätsklinikum Jena

Denn da die Immuntherapie den körpereigenen Abwehrmechanismus anschiebt, können als Nebenwirkung Autoimmunerkrankungen auftreten. Der Körper würde in dem Fall auch gesunde Zellen angreifen.

Trotz der Risiken wird die Immuntherapie mancherorts bereits als künftiges Wundermittel gegen Krebs angesehen. Medizinprofessor Andreas Hochhaus ist da angesichts des Forschungsstands zurückhaltender: "Ich denke so weit sind wir noch nicht, dass wir sagen können, dass die Immuntherapie die Chemotherapie ablösen kann, aber sie kann sie ergänzen." Sie sei eine gute Option zu einem Zeitpunkt, an dem die übliche Chemotherapie nicht mehr wirke, oder auch eine Option in Kombination mit der Chemotherapie. Aber wie diese Kombinationen aussehen können und in welcher Reihenfolge und mit welchen Medikamenten sie durchgeführt werden müssten, sei heute in vielen Fällen noch offen.

Dennoch gehen die Spezialisten davon aus, dass die Chemotherapie durch eine Kombination mit der Immuntherapie künftig leichter und damit weit weniger aggressiv sein wird. Bei einigen Leukämie-Arten ist sie schon jetzt überflüssig. Dafür sorgen spezielle Mittel, die als zielgerichtete Medikamente bezeichnet werden. Die können die Tumorbildung bei bestimmten genetischen Veränderungen der Zellen gezielt stoppen, doch dafür müssen beispielsweise dauerhaft Tabletten eingenommen werden. Wie effektiv diese Medikamente hingen jedoch davon ab, wie abhängig das Tumorwachstum von der genetischen Veränderung sei.