Bio-Kunststoff Getreidereste statt Erdöl

Bauern kennen sie als Futtermittel, Vollwertkostler als Ballaststoffe – Kleie. Die Getreidereste, die bei der Mehlherstellung übrig bleiben, haben aber noch viel mehr Potential. Die TU Chemnitz zum Beispiel hat Kleie als Verpackungsersatz getestet. Und jetzt sollen die Getreiderückstände sogar Plaste ersetzen. Ist das sinnvoll?

Viele Getreidekörner nebeneinander.
Bildrechte: Colourbox.de

2005 hatten die Wissenschaftler an der TU Chemnitz und die Rolle Mühle aus Waldkirchen eine grandiose Idee. Sie produzierten Verpackungen aus Kleie. Wissenschaftlich toll, wirtschaftlich leider kein Erfolg. Nach wenigen Jahren stampften sie das Projekt ein, überlegten stattdessen, Kunststoffe aus Kleie herzustellen. Über die Idee kamen sie leider nicht hinaus. Schade. Denn Forscher der TU München haben jetzt gezeigt, wie es funktionieren kann. Sie haben Bio-Kunststoffe aus Kleie hergestellt. Auch um damit bisherige Produkte auf Basis von Mais oder Weizen zu ersetzen.

Das sind alles Grundstoffe, die eigentlich mit der Nahrungsmittelindustrie und –produktion konkurrieren und unser Kleie-Ansatz geht eben weg von dieser Thematik und hat keine Konkurrenz mit der Lebensmittelproduktion.

Thomas Brück, Professor für Industrielle Biokatalyse, TU München

Ein weitere Vorteil: Es wird nicht eigens für die Kleie-Produktion Energie aufgewandt und Erdöl verbraucht. Brück hofft, dass man den Kleie-Kunststoff in rund sieben bis zehn Jahren kaufen kann. Einsatzmöglichkeiten sieht er aber schon jetzt zahlreiche.

Joghurtbecher, Kugelschreiber, aber auch medizinisch-basierte Anwendungen, wie zum Beispiel Kanülen und Spritzen, die natürlich auch einen sehr hohen Anspruch haben an das Material, aber nur sehr kurzzeitig genutzt werden.

Prof. Thomas Brück

Wissen

Müllsäcke 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Fokus liegt bei kurzlebigen Produkten, denn der Professor für industrielle Biokatalyse rechnet damit, dass sein Stoff zwischen ein und zwei Jahre halten wird. Das hängt damit zusammen, dass sich der Kleie-Stoff auch schnell und komplett auflösen soll, nicht nur in industriellen Kompostieranlagen. “Wir gehen davon aus, dass diese Stoffe im Freiland ähnlich reagieren und so über einen absehbaren Zeitraum von wenigen Wochen komplett abbaubar sind und damit nicht mehr in der Umwelt sich ansammeln.“

Klingt wie ein Zaubermittel: Keine Umweltverschmutzung, 100 Prozent natürlich und breit einsetzbar. Andrea Siebert-Raths, stellvertretende Leiterin des Instituts für Biokunststoffe und Bioverbundwerkstoffe, ist da eher skeptisch. Ein Kunststoff, der alle Vorteile der chemischen Stoffe mitbringt, sich aber in kürzester Zeit abbauen soll?

Also ich sehe es immer kritisch, wenn jemand sagt, er entwickelt ein Biopolymer, was für sehr viele unterschiedliche Produkte geeignet ist.

Andrea Siebert-Raths, Institut für Biokunststoffe und Bioverbundwerkstoffe Hannover

Überhaupt sei es nicht von Vorteil, wenn sich Stoffe einfach auflösen, fügt Gerhard Kotschik vom Umweltbundesamt in Dessau hinzu. Das klingt paradox: Eine Plastiktüte, die sich in der Natur komplett zersetzt, könnte schließlich zur Lösung des globalen Müllproblems beitragen. Betrachtet man aber die Ökobilanz, so Kotschik, steht sogar konventionelles Plastik besser dar.

Konventionelle Kunststoffe bieten zurzeit den Vorteil, dass wir sie in einen Recyclingprozess geben können und damit wieder neue Kunststoffe herstellen können.

Gerhard Kotschik, Umweltbundesamt Dessau

Und genau das ist das Problem bei den neuen Bio-Kunststoffen: Niemand weiß bisher, wie sie praktisch recycelt werden sollen. Dann bleibt nur eins, so Kotschik: “Wenn das Recycling nicht möglich ist, dann kann können die noch verbrannt werden. Dann kann man den Energiegehalt nutzen zur Strom- oder Wärmeproduktion.“ Löst der Kunststoff sich aber auf, geht die Energie verloren. Energie die aber nötig war, um das Produkt herzustellen.

In einem sind sich alle jedoch einig: Stück für Stück muss man ohne Erdöl auskommen. Da ist der Ansatz Kunststoff aus Abfallprodukten herzustellen, vielversprechend. Plaste aus anderen Mitteln herzustellen, als Erdöl, ist auch nicht so neu: Mittlerweile gibt es Salatbesteck aus Mais oder Einkaufstüten aus Kartoffelstärke. Bio-Kunststoffe aus Kleie könnten eine gute Ergänzung sein.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL im Radio | 24.03.2017 | 00:01 Uhr