Ein Paar beim kuscheln.
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Kuscheln macht glücklich - messbar!

Affen tun es, Pinguine tun es. Nur wir tun es kaum noch, oder eben viel zu wenig: kuscheln. Dabei ist es nicht nur schön, sondern überlebenswichtig! Warum das so ist, und was dabei in uns vorgeht, das hat der Leipziger Haptikforscher Dr. Martin Grunwald untersucht. Er sagt: Der Zusammenhang zwischen Körperkontakt und Glücksgefühlen ist messbar.

Ein Paar beim kuscheln.
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Wer kuschelt, bekommt gute Laune. Davon können wir ja eigentlich immer jede Menge gebrauchen. Und doch gönnen wir uns zu wenige dieser Streicheleinheiten. Weil wir gestresst sind, immer irgendetwas wichtiges zu tun haben oder unser Smartphone unsere Aufmerksamkeit auf sich lenkt statt auf die Liebsten an unserer Seite. Aber vielleicht kuscheln wir ja wieder mehr, wenn uns wissenschaftlich bewiesen wird, dass es uns gut tut?

Kuscheln stimuliert Billionen von Rezeptoren

Dr. Martin Grunwald
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Dr. Martin Grunwald hat genau das erforscht und ist davon ausgegangen, dass jede Berührung zunächst einmal die Haut leicht deformiert. Auf diese Weise werden die Rezeptoren unseres Tastsinnes stimuliert. Davon haben wir deutlich mehr als bei all unseren anderen Sinnen. Schätzungen gehen von einer Zahl im Billionen-Bereich aus. Das heißt: Selbst bei einer leichten Berührung können schnell Millionen Rezeptoren reagieren.

Berührungsreize setzen Kuschel- und Glückshormone frei

Werden wir berührt, wird zum Beispiel das Hormon Oxytocin ausgeschüttet. Es stärkt den Zusammenhalt und macht uns einfühlsam. Agressionen werden gedämpft, Stress und Angst reduziert. Deshalb nennt man es auch "Kuschelhormon". Streicheleinheiten sorgen aber auch dafür, dass der Botenstoff Serotonin zum Einsatz kommt. Er bindet sich im Körper an bestimmte Rezeptoren und beeinflusst so unter anderem die Kontraktion der Blutgefäße. Im Gehirn sorgt Serotonin für das, was wir als Glücksgefühl kennen. Daher der Name: Glückshormon.

Eine Mutter kuschelt mit ihrer kleinen Tochter.
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Kuscheln macht messbar glücklich

Dass körperliche Nähe uns gut tut, ist messbar. Die Herzfrequenz nimmt ab, EEG-Untersuchungen zeigen, dass es uns nachweisbar besser geht. Die Atmung wird flacher, wir finden Ruhe. Positive Emotionen entstehen, wir fühlen uns einfach wohler. Dafür braucht man keine 30-minütige Massage vom Profi! Schon eine kurze Umarmung kann bewirken, dass es uns besser geht. Dennoch gilt: es darf ruhig ein bisschen mehr sein. Denn beim Kuscheln wird auch Wärme übertragen und die tut uns gut. Gerade jetzt.

Primaten haben einen durchschnittlichen Körperkontakt von anderthalb Stunden pro Tag. Menschen über 30 in einer festen Partnerschaft oft nicht mal fünf Minuten.

Menschen, die lange Zeit ganz ohne Körperkontakt auskommen müssen, können sowohl in ihrem seelischen, als auch in ihrem körperlichen Wohlbefinden stark beeinträchtigt sein. Nicht umsonst erlauben Einrichtungen, in denen ältere Menschen leben, zunehmend auch Haustiere. Denn das Kuscheln - z.B. mit einer Katze oder einem Meerschweinchen - hat einen ähnlich beglückenden Effekt.

Selbstberührung ist kein Ersatz

Kuscheln mit sich selbst, das geht nicht, meint der Haptikforscher. Eigene Berührungen können aber einen Effekt haben – wenn auch einen ganz anderen. Den erforscht Dr. Martin Grunwald derzeit mit seinem Team. Es geht um die 400 bis 800 Mal, die wir uns jeden Tag selbst ins Gesicht fassen. Grunwalds Vermutung: Wir tun das, um für unser Gehirn ein Gleichgewicht herzustellen. Wir fassen uns nämlich dann ins Gesicht, wenn unser Gehirn angespannt ist, oder wie Grunwald sagt „wenn unsere Gehirnaktivität das mittlere Niveau verlässt“. Die Berührung, so glaubt er, sorgt für einen Ausgleich, wenn wir mehr Informationen oder Emotionen verarbeiten. Vergessenes kann uns wieder einfallen, Unangenehmes wirkt weniger bedrohlich. Allerdings funktioniert das nur unbewusst, sagt der Forscher. Wenn wir uns absichtlich an die Nase fassen, ist der Zauber vorbei.

Zuletzt aktualisiert: 02. November 2018, 15:46 Uhr