Huhn als Therapeut
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Welt-Vegantag: Wissenschaftler wollen unsere Ernährung grundlegend verändern Fleisch essen, ohne Tiere zu töten

Er ist der Pionier des Laborfleisches: Professor Mark J Post aus Maastricht. 2013 hat er den ersten Burger mit Fleisch aus der Retorte gebraten. Inzwischen hat er eine eigene Firma gegründet und will in fünf Jahren mit seinem Fleisch auf dem Markt sein. Doch er ist nicht der einzige.

von Gerald Perschke

Huhn als Therapeut
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Fleisch aus der Retorte - es könnte unsere Ernährung revolutionieren und gleichzeitig sogar helfen, das Leid der Tiere zu beenden und den Klimawandel in den Griff zu bekommen. Überall auf der Welt arbeiten Wissenschaftler und Ingenieure daran, Ersatz für das Fleisch lebender Tiere zu schaffen. Professor Mark J Post, Chef der Physiologie an der Universität Maastricht, ist bei diesem Wettbewerb ganz vorn mit dabei. 2013 hat er Journalisten seinen ersten Labor-Burger gebraten. Ein bisschen trocken, fanden die Testesser, denn er war ohne Fett gezüchtet worden. Und mit 250.000 € für den Prototypen viel zu teuer.

Google-Gründer finanziert mit

Post hatte aus Zellen der Schultermuskulatur belgischer und französischer Rinder 20.000 Muskelstreifen wachsen lassen. Und daraus entstand sein Burger. Die Zukunft ist für den Professor klar. Aus einer einzigen Zelle tausende von Kilogramm Fleisch herstellen. Post hat mittlerweile eine Firma gegründet “MosaMeat“ - auch Google-Gründer Sergey Brin gehört zu den Finanziers. Und auf die MDR-Frage, ob er wie versprochen in fünf Jahren mit seinem Laborfleisch auf dem Markt ist, antwortet er mit einem klaren: “Yes!“. Ob er dann aber der erste ist, das steht keineswegs fest.

Professor Mark J Post mit seinem Labor-Burger. In fünf Jahren, verspricht er, kann den sich jeder leisten.
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Mit Bouletten die Welt retten

Denn auch in den USA wird an vergleichbaren Produkten gearbeitet. Bei “MemphisMeats“ sind es Rinder oder Schweine, deren Zellen verarbeitet werden. Uma Valeti, der Chef der Firma, hat Anfang 2016 seinen ersten gezüchteten “Meatball“ braten lassen. Er verspricht nicht weniger als “Die Bulette, die die Welt verändert“. Und auch in Israel versuchen Forscher das Problem zu lösen. “SuperMeat“ heißt die Firma, die per Crowdfunding gerade über 200.000 Dollar eingesammelt hat, um ihre Forschungen voranzutreiben. Wie bei den anderen, wird auch bei SuperMeat Tieren Gewebe entnommen – in Israel sind es Hühner. Ähnlich wie bei einer Biopsie und harmlos für die Tiere, verspricht Mitbegründer Prof. Yaakov Nahmias, Biomediziner an der Hebräischen Universität von Jerusalem. Nahmias glaubt sogar, dass er das Material in Zukunft aus den Zellen einer Feder gewinnen kann.

Ronen Bar ist Vize-Präsident von „SuperMeat“. Die Firma aus Israel will künstliches Hühnerfleisch produzieren.
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In anderthalb bis zwei Jahren haben wir einen Prototypen

Ronen Bar, Vizepräsident "SuperMeat"

Die Firma glaubt fest an die Fähigkeiten ihres Chefwissenschaftlers. Ronen Bar, Vizepräsident und Sprecher, sagte dem MDR: “Wir glauben daran, in naher Zukunft gezüchtetes Fleisch herstellen zu können.“ Derzeit arbeitet "SuperMeat" an einem Prototypen. Dabei geht die Firma einen anderen Weg. Denn sie will die Produktion in den Haushalt verlegen. Ihr Reaktor, so der Plan, kann in jeder Küche stehen. Jeder züchtet sich sein Hühnchenfleisch selbst, sogar der Transport entfällt.

Deutschland baut Fleisch nach

Forschungen an Laborfleisch in Deutschland? Lebensmittelexperte Raffael Osen vom Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung in Freising hat davon noch nichts gehört. Sein Institut hat auch einen ganz anderen Weg eingeschlagen. Im Rahmen des EU-Projekts “LikeMeat“ haben die Technologen ein Verfahren entwickelt, aus Pflanzenbiomasse fleischähnliche Substanzen nachzubauen. “Wir haben dazu einfach bekannte Verfahren genutzt“, so Lebensmitteltechnologe Osen. Die Pflanzenproteine z.B. aus Weizen werden gekocht, dadurch entfalten sie sich, kommen dann in einen sogenannten Extruder und werden anschließend durch eine Düse gepresst und dabei abgekühlt. Bei diesem Vorgang richten sich die Moleküle so aus, dass eine fleischähnliche Struktur entsteht,  “die ganz ähnlich ist wie Hühnchenfleisch“, erklärt Osen. Und weil sie zu 80 Prozent aus Wasser besteht, wirkt sie auch frisch.

Ab 2017 im Handel

Das Projekt ist mittlerweile abgeschlossen. “Und wir haben auch eine Firma gefunden, die unsere Forschung in die Praxis umsetzt“, so Osen. Die Firma heißt AMIDORI und die Produkte werden unter dem Markenamen M¡dori® ab 2017 zu kaufen sein. Das Bamberger Unternehmen nutzt nach eigenen Angaben Erbsen als Grundstoff, verzichtet auf Zusatzstoffe und Soja und produziert mit Energie aus Wasserkraft. Auch das Saatgut für die Erbsen wurde extra entwickelt. Die junge Firma präsentiert ihr “High Protein Food“, dass laut Firmenaussagen nicht nur satt macht, sondern sogar beim Abnehmen helfen soll, jetzt schon auf vielen Streetfood-Festivals.

Was Fleisch wirklich kostet Die Produktion von einem Kilo Rindfleisch verursacht zwischen sieben und 28 Kilo Treibhausgasemissionen, schreibt das Umweltbundesamt. 4.000 Liter Wasser werden dafür benötigt, rechnet die Tierschutzorganisation Peta. Fleisch aus dem Labor benötigt 99 Prozent weniger Land. Verursacht bis zu 90 Prozent weniger Treibhausgase, verbraucht 90 Prozent weniger Wasser und benötigt nur die Hälfte der Energie. Das ergab eine Analyse der Universität Oxford.

Über das Thema Fleisch berichtet der MDR im Fernsehen | 21.10.2016 | 20:15

Zuletzt aktualisiert: 14. September 2017, 09:48 Uhr