Umwelt Licht zerschneidet Lebensräume: Dunkle Infrastruktur kann Biodiversität schützen

Lichtverschmutzung stört nicht nur den Blick auf den nächtlichen Sternenhimmel, sondern hat ernsthafte Auswirkungen auf nachtaktive Tiere. Forschende fordern daher die weltweite Entwicklung einer dunklen Infrastruktur. Damit gemeint sind Bereiche ohne unnötiges künstliches Licht, damit die natürliche Nachtlandschaft geschützt wird.

Die Oper Leipzig bei Nacht
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Hell, heller, zu hell. Mittlerweile gibt es nur noch wenige Flecken auf unserer Erde, die nicht durch künstliche Lichtquellen erstrahlen. Sogar im Meer ist zu viel Licht — ein echtes Problem. Licht kann nämlich Lebensräume regelrecht zerschneiden und für Tiere, ähnlich wie Zäune, Straßen oder Gebäude, ein Hindernis darstellen.

Licht zur falschen Zeit am falschen Ort

Vor allem für Tiere, die vorrangig nachts unterwegs sind, ist Lichtverschmutzung, also viel künstliches Licht zur falschen Zeit am falschen Ort, problematisch. Es verändert ihre Mobilität, denn das Licht wirkt wie eine Barriere. Es löst bei den Tieren einen Vermeidungseffekt aus, erklärt Dr. Franz Hölker vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB). Er leitet die Forschungsgruppe Lichtverschmutzung und Ökophysiologie.

Vier schematische Darstellungen, die zeigen welche Auswirkungen Licht auf die Fortpflanzung und den Lebensraum von Schmetterlingen, Motten, Fröschen und Fledermäusen hat. Im Vergleich dazu die Darstellung ohne künstliche Lichtquelle.
Die vier Beispiele zeigen, wie sich Lichtverschmutzung auf die Fortpflanzung und den Lebensraum verschiedener Tierarten auswirken kann. Bildrechte: Romain Sordello, Samuel Busson, Jérémie H. Cornuau, Philippe Deverchère, Baptiste Faure, Adrien Guetté, Franz Hölker, Christian Kerbiriou, Thierry Lengagne, Isabelle Le Viol, Travis Longcore, Pascal Moeschler, Jessica Ranzoni, Nicolas Ray, Yorick Reyjol, Yoann Roulet, Sibylle Schroer, Jean Secondi, Nicolas Valet, Sylvie Vanpeene, Sébastien Vauclair: A plea for a worldwide development of dark infrastructure for biodiversity – Practical examples and ways to go forward

Hölker weiß: "Es gibt aber auch Sink- oder Crash-Effekte, dass nämlich Vögel, Fledermäuse oder Insekten von künstlichen Lichtquellen irritiert und angezogen werden oder sterben und dann in anderen Ökosystemen fehlen." Beide Effekte wirken sich auf die Populationen der Tiere aus. Sowohl auf die Sterberate als auch auf die Fortpflanzung und Nahrungssuche.

Entwicklung einer dunklen Infrastruktur nötig

In den vergangenen Jahrzehnten wurden viele Konzepte zum Schutz der Artenvielfalt entwickelt. So zum Beispiel werden zunehmend ökologische Netzwerke integriert. Das sind Darstellungen, die die biotischen Wechselwirkungen innerhalb eines Ökosystems abbilden. Diese Wechselwirkungen zwischen den Tieren und Pflanzen eines Ökosystems sind essentiell, um es gesund zu halten und die Artenvielfalt zu bewahren. Grüne Infrastrukturen, also Netzwerke aus natürlichen und naturnahen Lebensräumen, die durch Korridore miteinander verbunden sind, tragen dazu bei. Blaue Infrastrukturen sind das Pendant für aquatische Lebensräume, also die im Wasser. Aber bisher ist in diesen Infrastrukturen das Problem Lichtverschmutzung nicht mitgedacht wporden, obwohl bekannt ist, dass es sich auch die Biodiversität auswirkt.

"Wir schlagen daher vor, dass für die grüne und blaue Infrastruktur die nächtliche Dunkelheit als Schutzkriterium mitberücksichtigt wird. Ziel ist es, ein ökologisches Netzwerk mit einem möglichst hohen Grad an natürlicher Dunkelheit zu erhalten oder wiederherzustellen, der den Erhalt der biologischen Vielfalt ermöglicht", sagt Franz Hölker. Er hat zusammen mit einem internationalen Team einen operativen Prozess beschrieben, der zur weltweiten Wiederherstellung natürlicher Dunkelheit beitragen soll.

Sogar in Schutzgebieten ist es zu hell

Manch einer schlägt jetzt vielleicht die Hände über dem Kopf zusammen und fragt sich, was denn nun noch alles im Namen des Naturschutzes getan werden soll. Fakt ist aber, zwischen 1992 und 2010 die dunkle Fläche in Europa um 15 Prozent abgenommen hat und das sogar in den Schutzgebieten. Man muss also wieder zurück zur natürlichen Dunkelheit. Dazu muss erst einmal ermittelt werden, ob und wo innerhalb grüner und blauer Infrastruktur schon eine dunkle Infrastruktur vorhanden ist.

Und dann müssen natürlich Maßnahmen ergriffen werden, damit wieder mehr natürliche Dunkelheit hergestellt und die bestehende bewahrt wird. Die Umrüstung städtischer Beleuchtungen spielt da zum Beispiel eine Rolle. Doch auch die Beleuchtung von Gebäuden, Geschäften und Privathaushalten muss da miteinbezogen werden. Die Insel Spiekeroog oder die Stadt Fulda könne man sich hier laut Franz Hölker als Best Practice Beispiel heranziehen. Sie sind nämlich zertifizierte Sternenparks. Das heißt, dort ist es so dunkel, dass man tatsächlich nachts noch einen Sternenhimmel sieht. Und das ist nicht nur gut für passionierte Sternegucker, sondern eben auch für Tiere und Pflanzen. Und auch im Westhavelland, der Rhön, der Eifel und im Chiemgau gibt es Sternenparks. Die International Dark-Sky-Association aus den USA hat den Regionen diesen Status aufgrund ihrer Bemühungen gegen Lichtverschmutzung verliehen. Übrigens: Auch in Mitteldeutschland gibt es Orte mit kaum Lichtverschmutzung, etwa Groß Garz in der Altmark.

JeS/idw

3 Kommentare

geradeaus vor 17 Wochen

Es ist auch nicht nur das künstliche Licht vom Boden. Satelliten und Weltraumschrott (ja wir vermüllen nicht nur unsere Natur sondern auch den Orbit) welche die Erde umkreisen werden von der Sonne reflektiert und erzeugen Streulicht. Macht die Nacht ca 10% heller.

AlexLeipzig vor 17 Wochen

Sie nutzen aber auch jede Gelegenheit, gegen Windenergie mobil zu machen. Ich bin im Kohlerevier Leipziger Tieflandsbucht aufgewachsen, mit der Umweltzerstörung, die hier stattgefunden hat, kann kein Windpark auch nur annähernd konkurrieren.

fritz deutsch vor 17 Wochen

Von der optischen Umweltverschmutzung (zigtausend Windkraftanlagen) wäre auch zu reden.
Nachts sind eh alle Katzen grau.