Corona-Pandemie Lockdown für Introvertierte besser zu ertragen

Untersuchungen der Universität Leipzig zeigen, dass introvertierte Menschen von der Corona-Pandemie und dem Lockdown weniger stark gestresst sind als extravertierte Menschen. MDR WISSEN-Redakteurin Kristin Kielon hat mit Prof. Dr. Hannes Zacher über die Studie gesprochen.

Frau liest ein Buch
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Menschen reagieren ganz unterschiedlich auf die Folgen der Corona-Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen. Im Netz finden sich zahlreiche – natürlich lustig gemeinte – Sprüche, die das gesellschaftliche Phänomen Lockdown aufgreifen. Aber wer steckt die Pandemie eigentlich besser weg und wer ist gestresster? Eine Langzeitstudie der Universität Leipzig hat genau das untersucht und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass es anscheinend introvertierten Menschen in der Pandemie leichter fällt mit der Situation umzugehen als extravertierten.

Extravertiert oder extrovertiert? Gibt es da einen Unterschied? Nein. Beides bedeutet "nach außen gerichtet, für äußere Einflüsse leicht empfänglich". Extravertiert ist die ursprüngliche Form des Adjektivs, die vor allem in der Wissenschaft weiter oft benutzt wird. Das o bekam das Wort nach der Angleichung an introvertiert. Introvertiert ist das Antonym, also das Gegensatzwort zu extravertier/extrovertiert. Es bedeutet: auf das eigene Seelenleben gerichtet, nach innen gekehrt; verschlossen. (Quelle: Duden.de/korrekturen.de)

Introvertierte sind dieses Mal die Gewinner

Introvertierte Menschen lesen lieber ein gutes Buch auf der Couch, als auf ausufernden Partys zu tanzen. Extrovertierte Menschen dagegen sind geselliger und häufiger unterwegs. Psychologische Studien haben gezeigt, dass es ihnen in unserer Gesellschaft eigentlich immer etwas besser geht als den Introvertierten. Doch die Pandemie stellt das auf den Kopf, sagt Psychologie-Professor Hannes Zacher von der Universität Leipzig.

Wir haben da Befunde, die uns auch erstmal etwas überrascht haben. Also, dass introvertierte Menschen, die sonst eher zurückgezogen und gerne allein sind, in der Pandemie weniger Stress erleben. Normalerweise ist es so, dass extravertierte Menschen, die gerne unter anderen und sehr gesprächig sind, ein höheres Wohlbefinden haben. Aber in der Pandemie scheint sich das umgekehrt zu haben und die introvertierten Menschen sind eher im Vorteil.

Prof. Dr. Hannes Zacher, Universität Leipzig

Zacher hat untersucht, wie sich die Corona-Pandemie auf das Stressempfinden und das Wohlbefinden von Menschen auswirkt und welche Persönlichkeitsfaktoren dabei eine Rolle spielen. Dazu befragt er in einer Langzeitstudie ca. 600 Personen.

Ja, wir haben eine große, repräsentative Stichprobe an Erwerbstätigen, die alle Altersgruppen umfasst. Also ungefähr zwischen 16 bis 70 Jahren aus ganz Deutschland. Auch in Bezug auf Geschlecht und Berufsgruppen sind die Teilnehmenden ungefähr repräsentativ für die deutsche Erwerbsbevölkerung.

Hannes Zacher

Für die Analyse zum Stressempfinden haben die Forschenden sich den Zeitraum von April bis September 2020 angeschaut - also vom Lockdown im Frühling bis zur entspannteren Lage im Sommer.

Es hat sich gezeigt, dass extravertierte Menschen während des ersten Lockdowns 2020 zunehmend größeren Stress empfunden haben aufgrund der Einschränkungen. (…) Und erst mit den stärkeren Lockerungen im Sommer letzten Jahres ging auch das Stresserleben von extravertierten Menschen zurück.

Hannes Zacher

Also erst zwischen Juli und September, ergänzt Zacher und schlussfolgert, dass ein Lockdown für extravertierte Menschen erheblich mehr Stress bedeute. Das belegten auch die Ergebnisse der Befragungen im aktuellen Lockdown noch einmal deutlich. Wie stark die Pandemie als Stress empfunden wird, beeinflusse auch noch ein zweites Persönlichkeitsmerkmal: die emotionale Stabilität.

Hannes Zacher
Bildrechte: Universität Leipzig

Was wir auch finden, ist, dass grundsätzlich Menschen, die weniger neurotisch und eher emotional stabil sind, besser durch die Krise kommen, was das Stresserleben angeht. Das ist durchaus konsistent mit bisheriger Forschung, die zeigt, dass neurotische Menschen stärker auf Krisen reagieren und stärkeren Stress erleben, während emotional stabile Menschen besser mit Krisen umgehen können.

Hannes Zacher

Trotzdem eine Belastung

Introvertierte und emotional stabile Menschen empfinden die Pandemie-Situation demnach als am wenigsten stressig. Allerdings geht es auch ihnen – den Zurückgezogenen, die gerne mal allein sind – derzeit nicht außergewöhnlich gut. Denn darauf, dass ihr Wohlbefinden gerade besonders hoch wäre, gebe es keine Hinweise, sagt der Psychologie-Professor. Denn auch Introvertierte brauchen soziale Kontakte – nur eben weniger. Und es fällt ihnen offenbar etwas leichter, diese Kontakte im Moment auf eine andere Art und Weise als sonst üblich zu haben.

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3 Kommentare

kleinerfrontkaempfer vor 4 Wochen

Schauspielern, die Selbstinszenierung, Egozentrik statt Kollektiv/Team, das gehört zu dieser Gesellschaft dazu. Nur so ist Aufmerksamkeit und Marktpotential zu erheischen. Geht das nicht oder längere zeit nicht, so fällt der eine oder viele andere in ein tiefes Loch. Und wenn dann noch nimmermüde Ellenbogen ausgefahren werden und treffen, so ist das gesellschaftliche Drama fertig.

Kritische vor 4 Wochen

Wer seine Selbstbestätigung bisher überwiegend aus äußeren Reizen gezogen hat und aus oberflächlichen Bekanntschaften, der hat es momentan schwerer. Aber es ist ein großer Unterschied, ob man zum Beispiel Single, verwitwet oder in Familie ist. Wer Kinder hat, hat andere Prioritäten. Homeschooling, die Einsamkeit der Kinder und deren Probleme stehen im Vordergrund. Was wir auch beobachtet haben: Es gibt viele Familien, die in der Konsum- und Spaßgesellschaft jede freie Minute entweder Besuch oder Partys brauchten. Manchmal waren sogar schon die Kinder zu mehreren Feiern an einem Wochenende eingeladen und kamen völlig übermüdet zur Geburtstagseinladung unserer Tochter, schon wieder auf dem Sprung zur nächsten Übernachtungsparty. Schade, weil alles so beliebig wird. Zur Ruhe kommen, einfach zu Hause rumpusseln, in den Wald gehen, wandern oder Kinder, die einfach nur draußen spielen, das konnten viele schon gar nicht mehr.

DermbacherIn vor 4 Wochen

Eine Binsenweisheit jagt die nächste Binsenweisheit!