Leipzig March for Science
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March For Science Was bedeutet Wissenschaft heute?

Weltweit und auch in vielen deutschen Städten gehen die Menschen auf die Straße. Ihr Ziel: gegen sogenannte "Fake News" und Wissenschaftsleugner protestieren. Ihre Fragen: Was bedeuten Wissen und Wissenschaft heute und welches Nachdenken ist notwendig - vielleicht sogar bei den Wissenschaftlern selbst?

von Albrecht Wagner

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WAS HAT WISSENSCHAFT JE FÜR UNS GETAN?

... fragt sich vielleicht der eine oder andere, der meint, Fakten und wissenschaftliche Erkenntnisse seien verhandelbar. Aber: Wissenschaft ist ein Schatz! Unser modernes Leben und der Wohlstand in vielen Teilen der Welt beruhen darauf, dass der Mensch nach wissenschaftlichen Erkenntnissen handelt. Darüber geraten Wissenschaftler immer wieder ins Schwärmen. Auch der Jenaer Kommunikationswissenschaftler Professor Georg Ruhrmann:

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Das beste Beispiel sind immer medizinische Innovationen. Denken Sie an die Krebs- und AIDS-Forschung, wo heute sehr viel mehr möglich ist als früher, aber eben auch z.B. moderne Wirtschaftstheorien. Ohne moderne Wirtschaftstheorien wäre keine Konjunkturpolitik möglich.

Prof. Georg Ruhrmann

Und die Reihe lässt sich fortsetzen. Wissen lässt Flugzeuge fliegen, schafft Smartphones, eine warmes Zuhause, die Urknalltheorie. Der Mensch nutzt statt seiner Muskelkraft immer mehr seine eigentliche Kraft im Kopf. Wir leben in einer Wissensgesellschaft. Warum stellt die Wissensgesellschaft plötzlich genau ihren Kern - das Wissen - in Frage? Einen Grund kennt Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Mit seinen Erkenntnissen zum Klimawandel rennt er nach eigenen Worten seit 25 Jahren gegen eine Wand aus Watte:

Man kann aber Wissenschaft nicht so wie ein Menü praktisch genießen, dass man sich die Sachen herauspickt, die man gerne glauben möchte, und die anderen lehnt man einfach ab.

Prof. Stefan Rahmstorf
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Dass Menschen an der Wissenschaft zweifeln, liegt aber auch an der Wissenschaft selbst. Ein Grund ist, dass der wissenschaftlich-technische Fortschritt zwar immense Verbesserungen des Lebens bringt, aber mit Waffen-Entwicklung und Klimakatastrophe auch dazu führt, dass die Menschheit und die gesamte Erde in ihrer Existenz bedroht sind.

Dazu kommt die moderne Medienwelt, die es leichtmacht, das zu finden, was die eigene Meinung bestätigt. Echte Fakten sind in der Informationsflut dagegen schwer zu erkennen.

Ich nenne mal ein paar Beispiele: Esoterik statt Evolutionstheorie - in den USA ein riesiges Thema, die Leute können das teilweise nicht unterscheiden. Oder was ist der Unterschied zwischen Werbung oder Wirtschaftswissenschaft? Was ist der Unterschied zwischen, wenn ich krank bin, dass ich was auspendeln lasse oder ob ich mich mit evidenzbasierter Medizin behandeln lasse.

Prof. Georg Ruhrmann

Hier können die Wissenschaftler selbst etwas ändern, indem sie verständlicher werden und die Menschen außerhalb der Labore als Partner begreifen. Kommunikationsforscher Ruhrmann betont:

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Dass Bürger, gerade auch, wenn es um Wissenschaft geht, gern auf Augenhöhe angesprochen und eben nicht belehrt werden wollen. Auch gerade hier in Deutschland, wo die Wissenschaft und auch die Universitäten immer als sehr belehrend empfunden worden sind. Das geht heute nicht mehr, das mögen die Leute nicht.

Prof. Georg Ruhrmann

Wie schnell Wissenschaft den Alltag verändert, merkt man an ständig neuen Kommunikationsmitteln, immer moderneren Arztpraxen und demnächst wohl an selbstfahrenden Autos. Es gibt aber auch das Gegenteil: Wissen, das brachliegt, zum Beispiel in Sozialwissenschaften. Verschenkte Möglichkeiten! Die Integration von Flüchtlingen wäre vielleicht weniger schwierig, wenn die Politik die Ergebnisse der Wissenschaft kennen und nutzen würde. Verschenkte Möglichkeiten sieht Kommunikationsforscher Ruhrmann auch, wenn die Rahmenbedingungen gegen gute wissenschaftliche Arbeit stehen.

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Ich muss auch darauf aufmerksam machen, dass wir heute in den Universitäten für die Jüngeren und auch für die Nichtwissenschaftler durchaus prekäre Arbeitsbedingungen haben, also Arbeit, die einfach nicht gut bezahlt wird, die nicht gesichert genug ist.

Prof. Georg Ruhrmann

Das falsche Signal - findet Ruhrmann. Bildung ist für ihn das Schlüsselwort - sie wird immer wichtiger für alle Lebensbereiche. Im Betrieb, in Schulen, oder auch z.B. bei unserem bewussten Konsum von komplexen Verbrauchsgütern brauchen wir viel mehr Erkenntnisse, sagt er. Das Wissen über Prozesse, das Denken in Zusammenhängen, das sei das, was wir eigentlich heute in den Schulen und Universitäten lernen müssten.

Die Zukunft liegt nicht in weniger Wissenschaft, sondern in immer mehr Wissen, für alle Menschen und jeden einzelnen, sagt Kommunikationsforscher Georg Ruhrmann - und hofft, dass die Gesellschaft das erkennt. Das Fazit:

Es muss deutlich mehr in Bildung und Wissenschaft investiert werden, wenn die Gesellschaft auf diesem Wohlstand weiter arbeiten will.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR Radio | 14. April 2018 | 07:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. Mai 2018, 16:45 Uhr