Luftaufnahme einer Insel der Marshallinseln
Bildrechte: imago/OceanPhoto

Klimawandel Marshallinseln müssen aufschütten, um zu überleben

Den Marshallinseln steht das Wasser bis zum Kragen: Der steigende Meeresspiegel – bedingt durch den Klimawandel – bedroht den Kleinstaat in Mikronesien. Die Regierung erwägt, die Inseln durch Aufschüttungen anzuheben. Aber wie lange kann das gut gehen? Forscher warnen vor Folgen für das Ökosystem.

von Florian Zinner

Luftaufnahme einer Insel der Marshallinseln
Bildrechte: imago/OceanPhoto

Bei einem Wasserrohrbruch in den eigenen vier Wänden gibt es zwei grundsätzliche Möglichkeiten: Das Haus verlassen und sich ins Trockene, in Sicherheit bringen. Oder auf einen Stuhl steigen und hoffen, dass das Wasser nicht bis zum Hals steigt. Das tut man dann, wenn man sehr an dem Haus hängt.

Die Marshallinseln hängen an ihrem Staatsgebiet. Das ist vor allem verständlich, weil sie am weltweiten Wasserrohrbruch – dem Anstieg des Meeresspiegels – keine Schuld tragen. Kein Wunder also, dass sich die Inseln für die Stuhl-Variante entschieden haben, wie Präsidentin Hilda Heine gegenüber dem Marshall Islands Journal sagt:

Unsere Inseln anzuheben, ist eine beängstigende Aufgabe, die erledigt werden muss.

Hilda Heine Präsidentin der Marshallinseln
Porträt von Frau mit schwarzer Brille und kinnlangen Haaren: Hilda Heine, Präsidentin der Marshallinseln
Hilda Heine, Präsidentin der Marshallinseln Bildrechte: imago/PanoramiC

Konkret bedeutet das: Die Regierung plant zu überprüfen, wie sich durch Aufschüttungen den Folgen des Klimawandelns entgegenwirken lässt. Die meisten der Inseln sind so niedrig, dass sie durch den steigenden Meeresspiegel zu versinken drohen.

Wie genau die Anhebung der Marshallinseln vonstatten gehen soll, ist unklar. Man werfe aber bereits einen Blick auf das Projekt Hulhumalé – The City of Hope der Malediven. Die smarte Planstadt soll auf einer künstlichen Insel entstehen und 130.000 Menschen Platz bieten. Der benötigte Sand werde dafür aus umliegenden Atollen abgepumpt.

Ein Vorgehen, das mit Vorsicht zu genießen ist: "Wenn man Sand entnimmt, verändert man die Umwelt. Das heißt, dass sich Strömungen verändern können und Organismen betroffen sind – sowohl an der Entnahmestelle als auch dort, wo man etwas hinschüttet", sagt Tim Jennerjahn vom Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung in Bremen.

Betroffen sein könnten neben Mikroorganismen zum Beispiel Schnecken, Würmer, im Boden lebende Fische oder Muscheln. Alle leisten einen Beitrag zu einem funktionierenden Ökosystem. Muscheln etwa filtrieren das Wasser, weil sie sich von darin befindlichen Teilchen ernähren. Und, so Jennerjahn: "Wenn man Sand aus Atollen in Riffe pumpt, werden die Riffe unter der Fracht ersticken."

Es werden sich die Ökosysteme verändern, dadurch, dass der Mensch seinen Lebensraum zu erhalten versucht.

Tim Jennerjahn Leibniz-ZMT

Weiterhin zeigt die Erfahrung, dass mechanische Veränderungen die Erosion nicht verhindern, sondern verstärken können, erklärt Tim Jennerjahn: "Die Frage ist, wie lange so eine Aufschüttung Schutz bieten kann."

Marshallinseln Die Inselgruppe ist ein kleiner Staat in Mikronesien im Westpazifik. Mit 53.000 Einwohnern leben dort ähnlich viele Menschen wie in Görlitz – rund die Hälfte davon in der Haupstadt Majuro. Zum Staatsgebiet gehören über tausend Inseln. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts waren die Marshallinseln Teil der Kolonie Deutsch-Neuguinea.

Eine Kontroverse, mit der sich auch eine deutsche Insel auseinandersetzen muss: Sylt, das Vorzeige-Eiland der Republik, droht durch Erosion zu verschwinden – wenn nicht nachgeschüttet wird: Jahr für Jahr wird Sand von Baggerschiffen durch unterirdische Rohre direkt an den Strand gepumpt. Für Tim Jennerjahn stellt sich die Frage, wie sinnvoll es ist, der Natur zu trotzen: "Wir Menschen sind geistig nicht sonderlich flexibel und möchten da bleiben. Deswegen wird da immer wieder aufgeschüttet. Puristen könnten sagen: Lass die Natur machen, wir müssen uns bewegen. Unser Problem ist ja, dass wir nicht mit der Küste wandern wollen."

Für die Marshallinseln sicherlich ein fragwürdiges Unterfagen. Theoretisch könnten Staaten, die als maßgebliche Verantwortliche für den Klimawandel gelten, sich verpflichten, die Bewohner aufzunehmen – und die anderer betroffner Inseln auch. Damit einhergehen würde aber auch der Verlust ihres jahrhundertealten Lebensraums und damit der Identität. Auf kleinerem Raum bleibt der Bevölkerung von Südseestaaten aber schon heute nichts anderes übrig, als von der Küste wegzuziehen. In höhere Gegenden – oder auf andere Inseln.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 25. Januar 2019 | 19:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. März 2019, 15:09 Uhr