Neuartige Arznei entwickelt Die Pille gegen Grippe funktioniert bei Mäusen

Sie entschärft uns gut und gerne ein paar Wochen und für weltweit hunderttausende Menschen endet sie jedes Jahr sogar tödlich: die Influenza - auch gern als Grippe bezeichnet. Da hilft nur still leiden und warten, bis es besser wird. Wie schön wäre es stattdessen einfach eine Tablette zu nehmen! Forscher sind diesem Szenario jetzt offenbar mit einer neuartigen Arznei ein Stück näher gekommen. Ihre Pille gegen Grippe funktioniert bereits bei Mäusen.

Eine internationale Forschungsgruppe hat offenbar erstmals eine Art Pille gegen Influenza erfolgreich an Mäusen getestet. Im Fachmagazin Science beschreiben sie genauer, wie ihnen das gelungen ist. Vorlage für das Medikament gegen verschiedene Grippe-Viren war demnach ein breit neutralisierender Antikörper. Das sind Eiweiße, die unser Körper zur Abwehr von Viren, Bakterien und anderen Krankheitserregern bildet. Dieser Grippe-Antikörper bindet an das Protein "Hämagglutinin" auf der Membran des Virus. Das wiederum hindert das Virus daran, mit einer Wirtszelle zu verschmelzen, schreiben die Forscher.

Substanz wirkt wie Antikörper

Dann suchten sie nach einer Substanz, die man über den Mund zu sich nehmen kann, die sich genau so verhält wie der Grippe-Antikörper: Also eine Art Puzzleteil, das genau an der gleichen Stelle an dem Protein andockt und es blockiert. Fündig wurden sie in der niedermolekularen Verbindung "JNJ4796".

Influenza
Influenza-Virus Bildrechte: imago/Science Photo Library

Die Forscher haben diese Substanz schließlich Mäusen oral verabreicht. Das Ergebnis: Die Tiere waren vor einer tödlichen Dosis Influenza-Viren geschützt. Das klappte bei verschiedenen Viren-Typen, aber nicht bei allen, schreibt die Arbeitsgruppe in ihrer Publikation.

Der Virologe Stephan Ludwig von der Universität Münster hält die Arbeit für vielversprechend. "Das ist eine technisch tolle, sehr gut gemachte Arbeit", sagte er weiter. Der Ansatz, kleine Moleküle zu entwickeln, die die Wirkweise von größeren Antikörpern simulieren, sei breiter verwendbar, so der Grippe-Experte der Gesellschaft für Virologie. Auch der Marburger Virologe Hans-Dieter Klenk hält die Ergebnisse für äußerst interessant.

Sie eröffnen neue Perspektiven für ein Grippemedikament, das gegen ein breites Erregerspektrum wirksam ist. Allerdings erfasst der hier beschriebene Wirkstoff nur eines der derzeit beim Menschen zirkulierenden Influenzaviren (A/H1), nicht aber die anderen (A/H3, B). Hier ist noch weitere Entwicklungsarbeit notwendig.

Prof. Dr. Hans-Dieter Klenk, Philipps-Universität Marburg

Effektiver als eine Impfung?

Bisher ist der beste Weg, sich gegen die Grippe zu schützen eine Impfung. Dabei bekommt der Körper einen Grippe-Erreger verabreicht, gegen den er dann Antikörper bildet und so immun gegen das Virus wird. Der Körper konnte ein sogenanntes immunologisches Gedächtnis bilden.

grippe 5 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch da gibt es ein Problem: Grippeviren verändern sich schnell. Hat das Immunsystem sich einen Erreger gemerkt, erkennt es ihn ein paar Monate später kaum mehr wieder. Deshalb muss auch jedes Jahr ein neuer Impfstoff entwickelt und neu geimpft werden.

Breit neutralisierende Antikörper werden in der Forschung schon länger als mögliche Lösung für dieses Problem angesehen. Dabei handelt es sich um künstlich hergestellte Antikörper, die gleich gegen ein ganzes Spektrum an Grippe-Viren wirken - unabhängig von saisonalen Veränderungen. Doch die sind sehr teuer in der Herstellung und müssen auch in die Blutbahn gespritzt werden. Dieses Problem haben die Forscher gelöst, indem sie nur den Wirkmechanismus mit kleinen Molekülen nachgeahmt haben. Denn die lassen sich in Tablettenform einnehmen.

Eine Grippe-Pille für den Menschen?

Die Forscher berichten auch davon, dass erste Versuche mit menschlichen Zellen ebenfalls erfolgreich gewesen sein sollen. Dennoch geben sie sich zurückhaltend: Von möglichen ersten klinischen Versuchen sprechen sie bisher nur sehr vage. Vielmehr sehen sie die Ergebnisse als Blaupause für ähnliche Forschungsansätze mit Bindungen an Proteine auf der Virusmembran. So könnten noch weitere Wirkstoffe auch gegen andere Erreger gefunden werden.

Die vorgestellte Selektionsmethode kann auf viele weitere Antikörper, die Viren neutralisieren, angewendet werden und könnte benutzt werden, um ähnliche Moleküle gegen HIV, Ebola, Lassa und weitere zu finden.

PhD Dr. Florian Krammer, Icahn School of Medicine at Mount Sinai

Darauf weist auch Virologe Stephan Ludwig von der Universität Münster hin. Die Arbeit ziele zunächst auf die Entwicklung der Methode und die Haupterkenntnis liege demnach im akademischen Bereich. Bis die Forschung zu einem Medikament führe, werde es noch lange dauern. Eine Frage sei etwa, wie lange so ein Medikament überhaupt wirksam wäre bis sich Resistenzen bildeten.

Aber: Jedes Therapeutikum, das wirkt, ist per se schon mal gut. In die Kliniken kommen beispielsweise nur die schweren Fälle, die auch die entsprechende Differentialdiagnostik bekommen. Sie könnten von einer schnellen Gabe profitieren, eventuell auch als Kombinationstherapie, um Resistenzen vorzubeugen.

Prof. Dr. Stephan Ludwig, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Dieses Problem merkt auch sein Kollege Florian Kramer von der angesehenen Icahn School of Medicine at Mount Sinai in New York an: "Das Molekül muss soweit modifiziert werden, dass es auch diese anderen, wichtigen Influenzaviren bindet. Als Alternative könnte eine Kombination aus mehreren Molekülen verwendet werden – aber die sind vermutlich noch in Entwicklung. Eine Markteinführung ist also noch Jahre entfernt."

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 02. März 2019 | 09:00 Uhr