Stressbewältigung bei Mausmakis Primaten-Männchen leiden in der Paarungszeit

Nicht nur uns macht dauerhafter Stress zu schaffen. Mausmakis auf Madagaskar bezahlen dafür sogar mit einer kürzeren Lebenserwartung, haben Wissenschaftler jetzt herausgefunden. Seit 2012 hatten sie eine Gruppe dieser Lemuren im Kirindy-Wald an der Westküste der Insel untersucht.

Die Forscher des Deutschen Primatenzentrums (DPZ) und der Universität Göttingen sammelten zwischen 2012 und 2014 Haare von bis zu 171 frei lebenden Grauen Mausmakis (Microcebus murinus) ein und untersuchten sie auf das Stresshormon Cortisol. Außerdem beobachteten sie jeweils deren körperliche Kondition und betrachteten dafür das Verhältnis zwischen Körpergewicht und Größe sowie den Parasitenbefall.

Dauerhafter Stress verkürzt die Lebenszeit

Die Tiere, bei denen dauerhaft erhöhte Cortisol-Werte in den Haaren nachgewiesen werden konnten, hatten auch eine geringere Lebenserwartung. Das wurde besonders in der Fortpflanzungszeit deutlich, in der die Mausmakis mehr Energie aufwenden müssen. Diejenigen, die eine gute körperliche Kondition hatten, hatten zwar allgemein bessere Überlebenschancen. Beeinträchtigt waren sie dennoch spätestens durch die Anstrengungen der Jungtieraufzucht.

Männchen leiden in der Paarungszeit besonders

Die Untersuchung ergab, dass Mausmakis mit niedrigen Cortisol-Werten in den Haaren, also weniger dauerhaftem Stress, mit einer Wahrscheinlichkeit von 13,9 Prozent länger lebten als die mit höheren Werten. Auch wer eine gute körperliche Kondition hatte, überlebte zu 13,7 Prozent besser als ein Artgenosse mit schlechtem körperlichen Zustand. Weibchen überlebten zudem eher als Männchen. Letztere stehen besonders in der Paarungszeit unter Stress und sind häufig nicht in der Lage mit der höheren Belastung umzugehen, sagen die Forscher.

Die Konzentration an Stresshormonen wird oft als Anzeiger für Gesundheit und Fitness herangezogen. Unsere Untersuchung ist aber eine der ersten, die einen Zusammenhang zwischen chronischem Stress und dem Überleben in einer freilebenden Lemurenpopulation zeigt.

Josué Rakotoniaina, Erstautor der Studie

Parasitenbefall spielt offenbar keine Rolle

Während man in anderen Studien auch den Parasitenbefall betrachtete, um Rückschlüsse auf das Stresslevel, den Allgemeinzustand und die Lebenserwartung zu schließen, konnten die Wissenschaftler bei den Grauen Mausmakis keinen Zusammenhang nachweisen. Der Cortisolwert aus Ablagerungen in den Haaren ist demnach besser geeignet, die Gesundheit von freilebenden Lemuren abzuschätzen.

Cortisol wird vom Haar während des Wachstums aufgenommen. Das erlaubt uns eine Analyse der Konzentration über eine längere Zeitspanne und nicht nur zu einem bestimmten Zeitpunkt.

Josué Rakotoniaina

Obwohl der genaue Mechanismus, durch den Cortisol im Haar aufgenommen wird, noch nicht vollständig bekannt ist, und die Studie keine Rückschlüsse auf die genauen Ursachen der Sterblichkeit zulässt, deuten die Ergebnisse darauf hin, dass die Cortisol-Konzentration in den Haaren ein wichtiger Indikator für die Gesundheit freilebender Lemuren und anderer Säugetierarten sein kann.

Diese Erkenntnisse könnten den Schutz der Tiere erleichtern. Wenn wir anhand der Cortisolkonzentration das Stresslevel schnell und sicher erkennen können, können wir entsprechend darauf reagieren und Umwelt- und Lebensbedingungen verbessern.

Josué Rakotoniaina

Die Studie wurde in der Zeitschrift BMC Ecology veröffentlicht.

Graue Mausmakis sind Lemuren, die auf den Bäumen in den Wäldern Madagaskars leben. Die nachtaktiven Tiere wiegen durchschnittlich 60 Gramm und gehören damit zu den kleinsten Vertretern unter den Primaten. Je nach Verfügbarkeit ernähren sie sich von Früchten, Blüten, Insekten und Harzen.
Nach rund 60-tägiger Tragzeit kommen im November oder Dezember meist zwei (seltener auch drei) Jungtiere zur Welt. Teilweise kommt es zu einer zweiten Fortpflanzungsperiode mit einer Paarungszeit im Dezember und einem Wurf im Januar und Februar. Die Jungtiere verbringen ihre ersten Lebenswochen im Nest der Mutter. Später werden sie von ihr im Maul herumgetragen und jeweils für ein bis zwei Stunden an wechselnden Stellen im Gestrüpp abgelegt, während das Muttertier auf Futtersuche geht. Graue Mausmakis sind als nicht bedroht eingestuft.

Über dieses Thema berichtet MDR um 4 auch im: Fernsehen | 02.08.2017 | 16:00 Uhr