Interdisziplinäre Fachtagung an der Martin-Luther-Universität in Halle Drogen in der Medizin

Wenn es nicht gerade um Alkohol oder Tabak geht, sind wir Deutschen bei Drogen eher zurückhaltend. Ein Sonderfall ist ihr medizinischer Einsatz. Cannabis-Produkte und andere Opiate können ärztlich unter strengen Auflagen verschrieben werden. Doch diese Auflagen sind für die Mediziner in der täglichen Praxis schwer zu kontrollieren - eine rechtliche Grauzone. Mit diesem brisanten Thema beschäftigen sich seit heute Juristen, Ärzte und Philosophen auf einer Fachtagung.

eine Ärztin verschreibt Medikamente
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Schmerzmittel auf Opiumbasis sind Standard-Medikamente in deutschen Apotheken. Der Tod von Popstar Prince durch eine Überdosis des Schmerzmedikamentes Fentanyl im April 2016 sorgte für Schlagzeilen. Denn auch deutsche Ärzte dürfen das Mittel verschreiben. Medikamente auf Opiumbasis werden vor allem zur Schmerzbehandlung eingesetzt, zum Beispiel bei Tumorschmerzen oder akuten Schmerzen nach Operationen.

Aber auch Drogensüchtige brauchen Opiate, um beispielsweise die Dosis zu reduzieren oder durch Ersatzstoffe schrittweise von der Sucht loszukommen. Aber was, wenn nach der Verschreibung etwas anders läuft als gedacht? Dann gibt es ein Problem, sagt der Medizinrechtler und Veranstalter der Tagung, der Medizinrechtler Prof. Dr. Henning Rosenau von der Martin-Luther-Universität in Halle:

Vor allem bei der Frage, ob sich Ärzte in Mithaftung begeben, wenn die Patienten diese Mittel quasi horten und dann eben nicht nur zur Behandlung, sondern eben als tatsächliches Rauschmittel nutzen.

Was Mediziner verunsichert

Manchmal kommt es zu Problemen, weil sich die Sicht der Mediziner und das strenge deutsche Betäubungsmittelgesetz im Wege stehen - zum Beispiel, wenn Patienten länger als eine Woche in den Urlaub fahren wollen. Innerhalb von Deutschland müssen sie sich vor Ort einen Arzt suchen, um an Medikamente heranzukommen, was extrem schwer ist. Für einen Auslandsaufenthalt bekommen sie die Medikamente für vier Wochen mit. Und wer ist dann daran schuld, wenn Missbrauch betrieben wird oder der Patient an einer Überdosis der Medikamente stirbt? 

Das Schmerzmittel Fentanyl in einem Apothekenschrank.
Das Medikament Fentanyl in einem Panzerschrank - eine Übderosis des starken Schmerzmittels wurde Rockstar Prince zum tödlichen Verhängnis. Bildrechte: MDR/Karsten Möbius

Aber man stößt immer wieder mit der Realität zusammen. Gerade weil Strafverfolgungsbehörden relativ restriktiv reagieren und die Notwendigkeiten der Therapeuten nicht sehen und verstehen. Sie setzen dann Strafverfahren in Gang, die gar nicht zu Ende geführt werden müssen, aber die Ärzte unheimlich verunsichern.

Vor allem betroffen sind Ärzte, die sogenannte Substitutionsmedikamente verschreiben, also Opiate, die beispielsweise harte Drogen wie Heroin ersetzen sollen. In Bayern reagierten die Strafverfolgungsbehörden, so Prof. Rosenau, strenger als im Norden Deutschlands.

Da führt dieses strafrechtliche Damoklesschwert, das immer über dem Ganzen schwebt, ein bisschen dazu, dass Ärzte davor zurückschrecken, dass wir eine sinnvolle Therapie zu wenig einsetzen.

Ein zentrales Thema bei der Tagung ist ein aktueller Referentenentwurf des Gesundheitsministeriums, der den Anbau und Besitz von Cannabis zu medizinischen Zwecken erlaubt. Die Bundesregierung hat ihn bereits gebilligt - im nächsten Jahr soll er in Kraft treten. Ein Entwurf, der für intensive Diskussionen in Deutschland sorgt, sagt Prof. Rosenau:

... weil man natürlich immer sofort in ein Wespennest stößt, wenn man sagt: Hallo, wir müssen etwas lockerer umgehen mit diesen Betäubungsmitteln, wir brauchen das im therapeutischen Einsatz.

Viele fürchteten und nicht ganz unbegründet, glaubt Prof. Henning Rosenau, dass das der erste Schritt zu einer Legalisierung sei. Die Tagung in Halle möchte dazu beitragen, dass in dieser oft rein politischen Diskussion auch wissenschaftliche Argumente gehört werden.