Der Retner Ullrich Ehnert in Schutzkleidung in den Cannabisanbauräumen. Im Vordergrund ist eine Cannabisblüte zu sehen. 5 min
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Selbstversuch Viele Senioren nutzen Cannabis als Schmerzmedizin – ohne ärztliche Begleitung

08. Juni 2025, 12:00 Uhr

Neue Daten aus den USA bestätigen einen Trend, der längst auch in Deutschland angekommen ist: Viele Ältere nutzen Cannabis, vor allem, um medizinische Probleme zu lindern. Risikofrei ist das nicht. Ein Überblick.

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Anfang April meldet das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) einen starken Anstieg der Importe von medizinischem Cannabis nach Deutschland. Grund sei das Gesetz zur Cannabislegalisierung, das den Erwerb stark vereinfacht habe. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) vermutet, dass vor allem Freizeitkonsumenten die Möglichkeit nutzen, sich durch Onlinebehandlungen auf einfache Art ein Privatrezept zu verschaffen. Sie spricht von Missbrauch und will die Regeln überarbeiten.

Warum hat der Import von Medizinal-Cannabis nach Deutschland zugenommen?

Mitarbeiterinnen des Cannabis-Unternehmens Cantourage entnehmen in der Produktion aus einem Trimmer Cannabis-Blüten.
Produktion von Medizinal-Cannabis in Deutschland. Bildrechte: picture alliance/dpa | Daniel Karmann

Jakob Manthey, Gesundheitswissenschaftler am Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung an der Universität Hamburg, hat bereits im Mai 2024, kurz nach der Teillegalisierung, vor dieser Möglichkeit gewarnt.

Doch er beruhigt auch. Denn insgesamt scheint der Anteil der Menschen, die grundsätzlich Cannabis nutzen, durch die Teillegalisierung erst einmal nicht gewachsen zu sein. Menschen weichen also lediglich vom bisherigen Schwarzmarkt auf das Medizinal-Cannabis aus. Und: Ein Teil der zusätzlichen Nachfrage geht wahrscheinlich durchaus auf medizinische Motive zurück. "Ich gehe davon aus, dass wenigstens 20 Prozent der Cannabiskonsumenten mindestens teilweise medizinische Gründe haben", sagt Manthey.

Aus welchen medizinischen Gründen nutzen Menschen Cannabis?

Laut einer neuen Studie aus den USA wächst der Anteil der Menschen über 65 Jahre derzeit kontinuierlich von Jahr zu Jahr. Das geht aus dem National Survey on Drug Use and Health hervor. Gaben 2021 noch 4,8 Prozent der Senioren an, im letzten Monat Cannabis genutzt zu haben, waren es 2023 bereits sieben Prozent. Die meisten von ihnen litten an chronischen Krankheiten, an Herzleiden, Diabetes, Bluthochdruck, Krebs oder an COPD.

Der Retner Ullrich Ehnert sitzt auf einem Gartenstuhl. Vor ihm auf dem Tisch liegt ein Vaporizer, mit dem Ehnert Cannabis konsumiert. 3 min
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Das aus Cannabis hergestellte Medikament Sativex.
Cannabis-Medikament Sativex. Bildrechte: picture alliance / dpa | Oliver Berg

In Deutschland ist der Einsatz von Cannabis in der Medizin schon seit 2017 gesetzlich erlaubt – doch die Auflagen sind sehr hoch. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten einer Therapie erst, wenn zuvor alle anderen medizinischen Möglichkeiten ausgeschöpft sind und Patienten wirklich stark leiden. 2022 hat das BfArM die Ergebnisse einer Begleiterhebung zur Einführung des Gesetzes vorgelegt. Insgesamt 16.809 Fälle wurden einbezogen – nicht besonders viel dafür, dass die fünf Jahre hinweg erhoben wurde.

Einerseits zeigte sich vor allem bei älteren Patienten ein reges Interesse. Das Durchschnittsalter lag bei 57 Jahren. Mehr als drei Viertel (76,4 Prozent) setzten Cannabis zur Behandlung chronischer Schmerzen ein, außerdem gegen Spastiken, Anorexie und Übelkeit. 14,5 Prozent der Patienten waren an Krebs erkrankt, 5,9 Prozent hatten eine Multiple Sklerose. Vielen helfen die Wirkstoffe THC und CBD, aber längst nicht allen. Ein knappes Drittel der Patienten brach eine Therapie innerhalb eines Jahres wieder ab, in 38,5 Prozent dieser Fälle wegen fehlender Wirkungen.

Welche Risiken und Nebenwirkungen hat Cannabis in der Medizin

Zunächst existieren viele Hinweise, dass Cannabis Vorteile gegenüber anderen Medikamenten hat. Das Risiko, schwer abhängig zu werden, ist wahrscheinlich deutlich geringer als bei Opioiden wie Morphium. Und tödliche Überdosierungen sind mit Cannabis auch nicht möglich. Wahrscheinlich schädigen THC und CBD die Leber auch weniger als viele andere Schmerztabletten. Trotzdem gibt es Risiken. Denn THC hat, besonders bei hohen Dosierungen, eine psychoaktive Wirkung.

Diese psychoaktive Wirkung könne auch für Senioren gefährlich sein, warnt die US-Studie. So können Angststörungen oder Psychosen ausgelöst werden, wenn THC sehr hoch dosiert ist. Jakob Manthey wiederum weist darauf hin, dass für viele der Zwecke, zu denen Patienten in Selbstversuchen Cannabis einsetzen, noch keine medizinischen Ergebnisse vorliegen. Wie groß das Risiko ist, ist also oft noch gar nicht bekannt.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | Fazit vom Tag | 06. Juni 2025 | 19:05 Uhr

19 Kommentare

KarlStuelpner vor 3 Stunden

Ist denn jetzt die Freigabe gut oder schlecht?

Ist die Rücknahme der Freigabe gut oder schlecht?

Oder ist die Rücknahme der Freigabe schlecht, weil die AfD dafür stimmen könnte?

KarlStuelpner vor 3 Stunden

Der Staat hat mitnichten die Aufgabe die Rentner in diesem Falle vor gesundheitlichen Schaden zu schützen. Der Staat hat sich das mal einfach so verordnet. In diesem Fall steht es im Widerspruch zum GG. Und dann beachte man mal den Zeitkontext. Es geht um Menschen, die vor der Ziellinie stehen und keine Kindergartenkinder.

Ocram1990 vor 4 Stunden

Hallo Erwin, das wird nicht so leicht werden. Zum einen braucht es die Zustimmung aller Koalitionspartner. Ob die SPD, einer Gesetzesrücknahme, eines eigenen SPD Gesetzes zustimmen wird, halte ich für fraglich. Zum anderen werden ebensowenig die Parteien, mit Ausnahme der AFD, gegen eine Rücknahme des Gesetzes stimmen. Die maximale Aussicht die bestünde, wäre eine Änderung der bestehenden Gesetzeslage hinzu einer noch strikteren Auslegung.