Antibiotika einnehmen Besser nicht bis zum bitteren Ende

Antibiotikapackungen bitte immer bis zur letzten Tablette aufbrauchen - das sagt jeder Arzt und das empfiehlt sogar die Weltgesundheitsorganisation. Experten sagen jetzt: Das Gegenteil ist der Fall. Nehmen Sie die Tabletten bitte nur, bis Sie sich wieder gut fühlen, sonst könnten Resistenzen entstehen. Was ist nun richtig?

eine Ärztin verschreibt Medikamente
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Die Welt hat ein Antibiotikaproblem. Immer mehr Keime sind resistent. Das haben wir selbst mit verursacht und zwar durch übermäßigen Gebrauch der Medikamente. Gegen Antibiotikaresistenzen hilft also: weniger Antibiotika. Und man könnte direkt beim Hausarzt anfangen, fordern britische Infektionsexperten von der Brighton and Sussex Medical School und empfehlen, Antibiotika nur solange wie nötig zu nehmen und nicht bis zum bitteren Packungsende. Denn es gäbe keinen Beweis, dass eine kürzere Behandlung mit Antibiotika weniger effektiv sei oder die Bildung resistenter Bakterien fördere.

Experte: "Gute Empfehlung"

Professor Gerd Glaeske von der Universität Bremen ist Experte für Arzneimittelversorgungsforschung. Er findet diese Empfehlung gut und glaubt, dass sie leicht umzusetzen wäre. Allerdings müssten sich Mediziner mehr Zeit für den Patienten nehmen. Bevor ein Arzt sich entschließt Antibiotika zu verschreiben, sollte er immer einen so genannten Antibiogramm-Test machen, so Glaeske, “um zu prüfen, welcher Erreger maßgeblich für die Infektion ist. Dann kann ich ein entsprechendes Antibiotikum auswählen." Auch während der Behandlung, wenn die Beschwerden abklingen, kann der Arzt mit dem Test erkennen, ob noch Bakterien im Körper sind. Die Tabletten weiter zu nehmen, wäre dann überflüssig.

Das wäre sicher ein wichtiger Beitrag, unnötige Antibiotikagaben oder lange Antibiotikagaben zu verringern und dann auch die Resistenzen, die ich im Mittelpunkt der ganzen Anstrengungen sehe, auch zu vermindern.

Prof. Gerd Glaeske, Uni Bremen

Bakterientest könnte zeigen ob weitere Pillen nötig sind

Stattdessen verschreiben die meisten Ärzte Breitbandantibiotika und raten, jede Pille bis zum bitteren Ende zu schlucken. Damit gehen sie auf Nummer sicher. Den Patienten für eine weitere Untersuchung noch einmal einzubestellen, wird auch überflüssig. Das sei der schnelle, billige, aber falsche Weg, so Gerd Glaeske. Obwohl selbst das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte empfiehlt: 

Antibiotika sollten - wie alle anderen Arzneimittel auch - entsprechend der Packungsbeilage eingenommen werden. Eine davon abweichende Anwendungsdauer kann jedoch im Rahmen einer individuellen Therapieentscheidung durch den Arzt oder die Ärztin festgelegt werden.

Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte

Test zu teuer

Das Problem: Viele Krankenkassen würden den Bakterien-Test nicht zahlen. Auch die Zeit, die sich der Arzt dann für den Patienten nimmt, würde das Budget überschreiten, so der Experte für Arzneimittelversorgungsforschung.

Zudem heißt es oft in den Arztpraxen: "Wenn Sie nichts mehr haben, also zum Beispiel keine Beschwerden oder Fieberzüge, nehmen Sie die Packung zu Ende, denn es kann sein, dass sich immer noch eine bakterielle Infektion im Körper befindet und wenn Sie vorher aufhören, kann die Infektion nach einigen Tagen oder Wochen wieder ausbrechen und Sie müssen erneut Antibiotika nehmen." Das kann tatsächlich passieren - muss aber nicht. Der Arzt könnte es leicht feststellen. Antibiotika schlucken bis die Packung leer ist, muss also nicht sein. Das ist unnötig und schadet sogar dem Patienten. Je mehr Antibiotika er nimmt, umso größer ist die Gefahr, Resistenzen zu entwickeln.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL: im Radio | 28.07.2017 | 19:50 Uhr