Symbolbild zur Aufschieberitis
Bildrechte: IMAGO

Handlungskontrolle Macher oder Aufschieber? Es liegt am Gehirn!

Was unterscheidet Menschen, die Dinge sofort erledigen, von denen, die sie lieber auf die lange Bank schieben? Das haben Forscher der Ruhr-Universität Bochum untersucht.

von Beate Splett

Symbolbild zur Aufschieberitis
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Eigentlich sollte dieser Artikel schon am Montag veröffentlicht werden. Aber…  Am Dienstag kam auch etwas dazwischen. Und am Mittwoch war es einfach viel zu heiß. Am Donnerstag kam dann der Kollege mit dem Kuchen... und schon sind vier Tage um und der Artikel noch nicht mal angefangen. Aber zum Glück ist ja noch Zeit bis zur Deadline…

Kennen Sie das? Dann sind Sie ein klassischer Aufschieber! Der Fachbegriff dafür lautet "Prokrastination": Man vertagt Aufgaben, findet immer wieder neue Ausreden, sie nicht jetzt erledigen zu müssen, um sie auf irgendwann später zu verschieben - bis schließlich der Druck so groß wird, dass man einfach nicht mehr darum herum kommt. Wie um die Deadline beim Schreiben eines Artikels.

Der Unterschied liegt im Gehirn!

Aufschieber sind weder faul, noch unmotiviert. Ein Team von Biopsychologen der Ruhr-Universität Bochum hat die Ursache für das Verhalten in unserem Gehirn gefunden. Dazu haben die Wissenschaftler verschiedene Hirnregionen von 264 Frauen und Männern im Kernspintomografen untersucht. Besonderes Augenmerk legten sie dabei auf Volumen und funktionelle Vernetzung der Hirnregionen. In einem Fragebogen schätzten alle Probanden außerdem ihre Fähigkeit ein, eigene Handlungen zu kontrollieren.

Ein Forscherteam der Uni Bochum.
Das Bochumer Forscherteam: Onur Güntürkün, Caroline Schlüter, Erhan Genç und Marlies Pinnow (von links) Bildrechte: RUB/Marquard

Das Ergebnis: Die Studienteilnehmer mit Hang zur "Aufschieberitis" zeigten eine deutlich vergrößerte Amygdala, auch Mandelkern genannt. Sie ist das Zentrum für die Verarbeitung von Gefühlen und steuert unter anderem, wie ängstlich wir sind. Außerdem beeinflusst sie emotionale Verknüpfungen – etwa ob wir bestimmte Gegenstände eher mit Belohnung oder Bestrafung verbinden. Ein weiteres Ergebnis der Untersuchung: Die Verbindung zu einer weiteren Hirnregion, dem sogenannten dorsalen anterioren cingulären Kortex (kurz: dorsaler ACC), war bei den "Aufschiebern" weniger stark ausgeprägt als gewöhnlich. Beide Hirnregionen wurden schon in früheren Studien in Zusammenhang mit der Steuerung von Handlungen gebracht.

Amygdala und dorsaler ACC Die Amygdala ist der Angsthase in unserem Gehirn. Sie warnt uns hauptsächlich vor den negativen Konsequenzen einer Handlung. Der dorsale ACC ist dagegen der Mutige in uns. Er bestärkt uns, Ideen in die Tat umzusetzen und unterdrückt Gefühle und Handlungen, die diesem Ziel in die Quere kommen könnten. Ist das Zusammenspiel dieser zwei Gehirnregionen gestört, geht die Handlungskontrolle verloren, so die Theorie der Biopsychologen. Aufgaben können nicht mehr erfüllt werden – und werden aufgeschoben.

Aufschieben macht unglücklich

Wie auch immer es im Inneren unseres Gehirns aussieht:  Man sollte es mit dem Aufschieben nicht zu sehr übertreiben. In einer Studie der "Procrastination Research Group" der Carlton University (Ottawa, Kanada) wurden 10.000 Studenten nach ihrem Umgang mit dem Erledigen von Dingen befragt. Das Ergebnis: 94 Prozent von ihnen gaben an, dass sich das Aufschieben schlecht auf ihre Stimmung auswirke. Ganze 70 Prozent fühlten sich dabei weniger glücklich.

Ein weiteres Problem: Notorische "Prokrastinierer" sind um keine Ausrede verlegen. Das kann sich negativ auf soziale Beziehungen auswirken, da man so bei Freunden und Kolleginnen den Eindruck hinterlässt, man sei unzuverlässig.

Also: Selbst wenn es schwer fällt, sollte man lieber etwas weniger prokrastinieren. Es ist doch schließlich ein tolles Gefühl, etwas geschafft zu haben, oder nicht?

Dieses Thema im Programm: MDR JUMP am Vormittag | 27. August 2018 | 12:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. Juli 2019, 11:07 Uhr