Bioinformatik und Universalimpfung Mit Algorithmen gegen die Grippe

Im kommenden Herbst wird es die Vierfachimpfung gegen Grippe geben – für alle. Doch auch sie wirkt nur in knapp 50 Prozent aller Fälle. Bio-Informatik könnte das ändern, oder eine Universalimpfung.

Ärztin impft Patient
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"Qualifiziertes Raten" – so nennen manche Kritiker die Methode, mit der die Weltgesundheitsorganisation WHO jedes Jahr den Impfstoff gegen Influenza-Viren auswählt. Dabei schauen die Forscher, welche Virus-Stämme derzeit auf der Welt zirkulieren und leiten daraus ab, welche wohl in der kommenden Saison zuschlagen werden. Nicht ideal, aber das Beste, was wir derzeit haben, sagen die Mediziner am Paul-Ehrlich-Institut, dem Bundesinstitut für Impfstoffe in Berlin. Direktor Klaus Cichutek sagt, die Probleme rührten einfach von den Eigenschaften des Virus her.

Da gibt es so viele Faktoren wie die Genetik der menschlichen Wirte, die geographische Verteilung, das jeweilige Klima und und und, so dass wir im Moment einfach noch nicht diese verschiedenen Einflussfaktoren komplett verstehen und übersehen, so dass wir eine ganz exakte Vorhersage machen können.

Professor Klaus Cichutek, Paul-Ehrlich-Institut

Mit Daten gegen die Viren

Neben Klima und Region spielen unter anderem auch noch die genetische Zusammensetzung der einzelnen Stämme und die Übertragungswege eine Rolle. Und an dieser Stelle kommt ein neuer vielversprechender Ansatz ins Spiel, die Bio-Informatik. "Man versucht, möglichst viele Daten zum Genom oder auch zur Proteinzusammensetzung sämtlicher Viren, die man weltweit aufgefunden hat, zu sammeln", sagt Ralf Wagner, Leiter des Fachgebietes für Virus-Impfstoffe am Paul-Ehrlich-Institut. "Diese ganzen Daten vergleicht man in einer Art, um die Stellen im Genom der Viren herauszufinden, die für zukünftige Voraussagen vielleicht eine Rolle spielen können."

Das Ziel: Irgendwann nicht mehr nur rückwirkend zu schauen, welche Viren in der Saison unterwegs waren und daraus den Impfstoff abzuleiten, sondern mathematische Voraussagen für die Zukunft zu treffen. Dem schließt sich auch Cichutek an: "Wir haben Hoffnung, dass diese Algorithmen eine bessere Vorhersage-Genauigkeit haben als unser bisheriges System der Überwachung und Vorhersage."

Ein Impfstoff für alle

Es gibt aber noch einen weiteren Ansatz: einen Universalimpfstoff. Der soll im Idealfall gegen mehr als nur die hauptsächlich umherschwirrenden Virus-Stämme schützen. Er soll auch länger halten, so dass vielleicht nur alle zwei, drei oder vier Jahre geimpft werden muss.

Man versucht das mit unterschiedlichen Technologien, die darin bestehen, dass man das Oberflächen-Eiweiß der Influenza-Viren-Stämme verändert. Man versucht auch Technologien, die immunologisch eine stärkere und länger andauernde Immunantwort hervorrufen.

Ralf Wagner, Paul-Ehrlich-Institut

Beides - eine bessere Vorhersage mithilfe der Bio-Informatik oder ein Universalimpfstoff - ist aber wirklich noch Zukunftsmusik, meinen die Forscher, dazu würden gerade erst Ansätze erprobt. Bis dahin müssten wir auf das zurückgreifen, was wir haben.

"Die Voraussagen der letzten Jahre waren nicht komplett daneben. Wir hatten insgesamt etwa 40 bis 60 Prozent Effektivität", sagt Klaus Cichutek. "Das ist nicht grandios, aber auch nicht schlecht. Wir gehen zudem davon aus, dass immer wiederkehrende Impfungen vor schweren Verläufen schützen, auch wenn die Stämme nicht komplett passen." Bis also der Super-Impfstoff gegen Grippe entwickelt ist, raten die Forscher dazu, sich an die Impfempfehlungen zu halten.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 05. April 2018 | 16:48 Uhr