"When the market drives you crazy" Fallende Börsen-Kurse sorgen für mehr Tote im Straßenverkehr

Das klingt erstmal ziemlich absurd: Sinkende Börsenkurse haben offenbar einen direkten Einfluss auf die Zahl der Verkehrstoten. Das ergibt zumindest eine Untersuchung der Freien Universität Bozen. Doch eigentlich ist das weniger überraschend als es klingt: Wenn wir finanzielle Sorgen haben, sind wir wohl alle häufig abgelenkt und unaufmerksam - auch im Straßenverkehr. Dafür sprechen zumindest die Daten.

New York Stock Exchange
Fallende Kurse können unerfahrene Anleger verunsichern. Bildrechte: imago images/Xinhua

Wer an der Börse mit Wertpapieren handelt, ist Risiko gewöhnt, möchte man meinen. Und wenn die Kurse fallen, dann erhöht sich dieses Risiko für das eigene Vermögen - und offenbar auch für die Gesundheit vieler Anleger. Denn die Entwicklung an der Börse hat einen Einfluss auf Unfälle im Straßenverkehr. So lautet zumindest das Ergebnis einer Untersuchung von Mirco Tonin, Professor an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Freien Universität Bozen. Zusammen mit Corrado Giulietti und Michael Vlassopoulos von der University of Southampton hat Tonin die Studie im Journal of Health Economics veröffentlicht.

Daten aus 25 Jahren untersucht

Für ihre Untersuchung haben die Forscher auf Daten aus den USA zurückgegriffen. Insgesamt haben sie einen Zeitraum von 25 Jahren betrachtet. Die USA seien für das Team ein ideales Forschungsumfeld gewesen, schreiben sie. Denn jede zweite amerikanische Familie investiert an der Börse - entweder direkt oder indirekt wie zum Beispiel in Form von Pensionsfonds. Da sei es natürlich naheliegend, dass das Auf und Ab der Kurse auch Einfluss auf die wirtschaftlichen Entscheidungen der Haushalte habe. Sie beeinflussen unter anderem in den Bereichen Konsum, Sparen und am Arbeitsmarkt. Das ist wissenschaftlich evident nachgewiesen. Aber beeinflussen die Kurse auch den Straßenverkehr?

Um das herauszufinden, haben die Forscher einen riesigen Datensatz zu Unfalltoten im Straßenverkehr - das sogenannte Fatality Analysis Reporting System - analysiert und mit verschiedenen Finanzindizes in Relation gesetzt. Das Ergebnis: Die Börsenschwankungen und die Zahl der Unfallopfer korrelierten deutlich. Wenn die Wall Street zwei Tage in Folge mit einem Minus schloss, wurde im Schnitt ein Verkehrstoter mehr pro Tag verzeichnet, schreiben die Forscher. Durchschnittlich sind täglich 37 Menschen im Straßenverkehr gestorben.

Korrelation oder Kausalität?

Doch dass diese beiden Datensätze miteinander korrelieren muss ja erst einmal nichts heißen. Die menschliche Geburtenrate und die Zahl der Storchenpaare in verschiedenen europäischen Regionen korrelieren ebenfalls miteinander und haben bekanntermaßen trotzdem nichts miteinander zu tun. Die Forscher mussten also ausschließen, dass es sich um so eine Scheinkorrelation handelt und sie auch keinen falschen Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen aufsitzen. Dazu führten sie verschiedene Tests durch.

Zuerst schauten sie sich die Zeitpunkte der Unfälle ganz genau an. Sie prüften, ob der Zusammenhang mit der Kursentwicklung schon vor der Eröffnung der Börse am Morgen oder erst danach nachweisbar war. Dann sortierten sie die Fahrer, die in diese Unfälle verwickelt waren, nach Alter, Fahrzeugmodell und Wohnviertel - also in Kategorien, die es ermöglichten, sie bestimmten sozio-ökonomischen Gruppen zuzuordnen.

Mirco Tonin, Professor für Finanzwissenschaft und Verhaltensökonomie der Freien Universität Bozen
Prof. Mirco Tonin Bildrechte: unibz

Klarerweise haben wir keinen Zugang zum Vermögen und Wertpapier-Portfolio der einzelnen Opfer, doch wir wissen, wie alt sie waren und kennen ihre Postleitzahl und das Automodell. Auf Basis dieser Daten ist es möglich, sich ein recht vollständiges Bild der betroffenen Menschen zu machen.

Mirco Tonin, Professor für Finanzwissenschaft und Verhaltensökonomie der Freien Universität Bozen

Wer die Opfer der Börsentiefs sind

Bei dieser Analyse habe sich gezeigt, dass Unfälle von Fahrern mit geringen finanziellen Ressourcen nicht mit der Börsenentwicklung korrelierten. Also etwa bei jungen Menschen aus ärmeren Vierteln mit preiswerten Autos, erläutert Tonin.

Händliner in der NYSE
Auch die Händler auf dem Börsenparkett sind schonmal ums Auf und Ab besorgt. Bildrechte: imago images/UPI Photo

Ganz anders sah das bei reicheren Unfallfahrern aus. Besonders oft Opfer tödlicher Verkehrsunfälle sind den Forschern zufolge unerfahrene Anleger. Darauf kommen sie, weil das Unfall-Phänomen besonders stark gegen Ende der Neunzigerjahre ausgeprägt gewesen sei - eine Zeit, in der viele amerikanische Familien im damaligen New-Economy-Boom erstmals an der Börse investiert hätten.

Das zeigt einmal mehr, dass sich Anleger mit wenig Erfahrung und Know-how besonders stark von den täglichen Schwankungen an den Wertpapiermärkten verunsichern lassen.

Prof. Mirco Tonin

Investoren mit einem großen Erfahrungsschatz hingegen ließen sich durch die Wankelmütigkeit der Märkte nicht so einfach aus der Ruhe bringen. Sie sähen das eher als Teil des Spiels an.

kk

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 01. Februar 2020 | 09:39 Uhr

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