Korb mit verschiedenem Gemüse und Obst
Bildrechte: MDR/Daniela Dufft

"Böses Gemüse" Kann uns der Pflanzenstoff Lektin krank machen?

Gemüse ist böse und macht uns krank, behauptet US-Arzt Steven Gundry in seinem Buch "Böses Gemüse. Wie gesunde Nahrungsmittel uns krank machen. Lektine - die versteckte Gefahr im Essen." Steven Gundry glaubt, dass der Pflanzenwirkstoff Lektin den Darm verklebt und unser Immunsystem stört. Deshalb empfiehlt er eine Lektin-Diät. Einige Kollegen widersprechen ihm, andere stimmen ihm zumindest in einigen Punkten zu.

von Anne Sailer

Korb mit verschiedenem Gemüse und Obst
Bildrechte: MDR/Daniela Dufft

Obst, Vollkorn und Gemüse sind gesund. Dem würde wohl niemand wiedersprechen. Diese Lebensmittel stecken aber voller Stoffe, die sich nicht immer positiv auf den menschlichen Organismus auswirken. Dazu gehören die Lektine. Der Ernährungsexperte Udo Pollmer dazu:

Lektine können ein massives gesundheitliches Problem darstellen. Das sind Abwehrstoffe der Pflanzen gegen Fraßfeinde. Wir gehören natürlich auch dazu und wir haben sie in sehr, sehr vielen Produkten drin und in den meisten Fällen ist es kein Problem, weil die meisten dieser Lektine hitzelabil sind. Das heißt: Man kann sie durch Kochen beseitigen. In Bohnen sind relativ gefährliche Lektine drin, deshalb können rohe Bohnen zum Tode führen. Deshalb werden Bohnen gekocht. Und das Erstaunliche ist ja, beim Aufwärmen schmeckt das besser. Und das liegt daran, dass die Lektine darin dann endgültig kaputt gemacht werden. Je öfter ich das aufwärme, desto gesünder ist dieses Produkt.

Udo Pollmer

Zu Lektinen wird viel geforscht. Doch egal, ob im Krebsforschungszentrum Heidelberg, im Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Rehbrücke oder im Bundesinstitut für Risikobewertung - niemand will sich kurzfristig zu dem Thema äußern, zu kontrovers seien Gundrys Thesen und die Materie kompliziert.

Was sind Lektine? Lektine sind Proteine. Meistens kommen sie in Pflanzen vor, sie können aber auch tierischen Ursprungs sein. Sie fungieren als so genannte Abwehrstoffe gegen Fraßfeinde und dienen also Pflanzen zum Lebenserhalt, denn Tiere, die sie in zu großen Mengen verzehren, vertragen diese nicht. Der Verzehr kann bis zum Tode führen. Durch erlerntes Verhalten meiden Tiere daher bestimmte Pflanzen. Lektine könnte man auch als eine Art "natürlicher Pestizide" bezeichnen. Die meisten Lektine sind für den Menschen harmlos, einige wirken jedoch toxisch. Lektine sind hitzelabil, das heißt, sie werden beim Kochvorgang zerstört. Deswegen können rohe Bohnen tödlich sein. Hitzebeständig ist nur das Weizenlektin, unschädlich gemacht werden kann es beispielsweise durch Fermentieren. Lektine sind nicht zu verwechseln mit Gluten.

Krank nach Selbstversuch

Der amerikanische Arzt hatte einen Ernährungs-Selbstversuch unternommen: Er ernährte sich von Vollkornmüsli, aß viel Obst und Gemüse. In seinem Buch schildert er die Auswirkungen: Arthritis und Bluthochdruck, seine Zucker- und Cholesterinwerte stiegen und seine Körpermaße so Gundry gingen "regelrecht aus dem Leim". Ernährungswissenschaftler und Bestsellerautor Udo Pollmer gibt dem Arzt zumindest in einem Punkt Recht. Vollkornprodukte in Mengen sind nicht gesund.

Udo Pollmer
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Das ist das Weizenkeimlektin. Das ist ein Abwehrstoff gegen Insekten. Und dieses Weizenkeimlektin ist hitzestabil und das ist der Grund, warum man hergeht und die Teige früher klassischerweise fermentiert hat, nicht mit Schnellverfahren hergestellt hat, so auf chemischem Wege, weshalb man kein Vollkorn gegessen hat und weshalb man das Zeug nicht roh gegessen hat. Und die vielen kaputten Därme, die wir da haben, rühren zu einem gewissen Teil von dem Verzehr von echtem Vollkorn.

Udo Pollmer

Weißbrot statt Vollkornbrot?

Auch der US-Mediziner Gyndry will den Glauben an gesunde Ernährung dank Vollkornprodukten erschüttern. Er warnt vor Obst und Gemüse und schlägt vor, Weißbrot zu essen. Gestrichen sind bei Gyndrys Lektin-Diät Auberginen, Bohnen, Erbsen, Gurke, Paprika, Zucchini, Soja und Tomaten. Das sei Quatsch, meint Pollmer, denn alles, was wir über Lektine wissen müssen, wissen wir schon:

Die Lektine werden ja mit der klassischen Küche weitgehend beseitigt. Das was heute also als gesund bezeichnet wird, man muss das roh essen, weil da wertvolle Stoffe drin sind und so weiter, das ist natürlich alles Unfug, dann überfordert man den Darm.

Udo Pollmer

Deshalb hält Pollmer nichts von der Lektin-Diät mit Salat, Karotten und Knoblauch, Brokkoli, Meerrettich, Pilzen und Sellerie, die alle - laut Gundry - nahezu frei von Lektinen seien. Der Mensch sollte essen, was ihm schmeckt und vor allem bekommt.

Alte Diskussion ohne neue Argumente

Die Diskussion um die Schädlichkeit der Lektine ist nicht neu. Bereits um die Jahrtausendwende gab es Studien, die sie sogar mit Krebserkrankungen in Verbindung brachten. Ernährungswissenschaftler Prof. Bernhard Watzl, damals bei der Bundesforschungsanstalt für Ernährung, widersprach in verschiedenen Veröffentlichungen den Gefahren durch Weizenlektine. Seine Begründung: die geringe Menge; die Schutzschicht im Darm, die verhindert, dass wir sie aufnehmen; die große Darmfläche. Die Wissenschaftler am Leibniz-Institut für Pflanzenbiochemie in Halle sehen noch einen anderen Grund, warum die Gefahr durch Lektine nicht überbewertet werden darf. Ihre schriftliche Antwort auf die Anfrage von MDR Wissen:

Auch was man miteinander kombiniert verspeist, kann die positiven oder negativen Wirkungen von Nahrungsmitteln verstärken oder abschwächen. Wenn man Tiere isst, spielt sogar eine Rolle, was diese Tiere gegessen haben, um ihr Fleisch für den Menschen gesund oder ungesund zu machen.

Leibniz-Institut für Pflanzenbiochemie

Oder anders gesagt: Jeder Mensch hat einen individuellen Stoffwechsel. Ein alleiniger Inhaltsstoff ist niemals für Darmprobleme oder andere Krankheiten verantwortlich. Er wirkt immer zusammen mit anderen und anders in einer anderen Darmumgebung. Herausbekommen muss das jeder für sich selbst.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | Radio | 19. Januar 2018 | 16:22 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. Januar 2018, 16:49 Uhr