Mit Digital Detox weg von Smartphone und Internet Brauchen wir die digitale Entgiftung?

Einfach mal das Handy abschalten oder es bewusst nicht mitnehmen. Statt in der Bahn aufs Smartphone zu starren, mit anderen Menschen Smalltalk führen. Raus in die Natur gehen. All das steckt hinter dem Begriff Digital Detox. Ein Trend, der zum Markt geworden ist.

Ein paar Tage in der Natur, ein Ferienlager nur für Erwachsene und das Smartphone wird verpackt und versiegelt. Das ist die Idee hinter dem Breakout Camp, das die Hamburgerin Maike Engel seit ein paar Jahren organisiert: “Da kommen alle möglichen Leute hin, die einfach mal abschalten wollen.” Abschalten, die digitale Welt mit ihren Push-Nachrichten und dem Druck der Dauerkommunikation hinter sich lassen. Digital Detox – digital Entgiften ist ein Trend, der mittlerweile zum Markt geworden ist. Seien es Breakout Camps oder Detox-Kurse von PersonalberaterInnen: die Palette an Wegen aus dem Digitalen wächst. Denn gleichzeitig verbringen wir immer mehr Zeit am Smartphone und im Internet: Die ARD/ZDF-Onlinestudie 2018 zeigt, dass die Deutschen jeden Tag mehr als drei Stunden online sind – und damit fast 50 Minuten mehr als im Jahr zuvor. Die 14-39 Jährigen kommen sogar auf fast sechs Stunden im Netz, und selbst die über 70-Jährigen surfen der Studie zufolge knapp 45 Minuten am Tag.

Reporterin Daniela Schmidt gehört zu den Digital Natives, den Dauer-Onlinern und will wissen, ob sie noch auf Smartphone und Social Media verzichten kann. Sie macht in der aktuellen Folge unseres Podcasts “Meine Challenge” Digital Detox.

Das Smartphone zerstört Struktur

Der Psychologe Christian Montag lehrt und forscht an der Uni Ulm und beschäftigt sich intensiv mit Smartphones und ihrem Einfluss auf unser Leben.
Bildrechte: Christian Montag

Der Psychologe Christian Montag forscht seit Jahren darüber, wie Smartphones, “Soziale” Medien und andere digitale Anwendungen unser Leben beeinflussen und verändern. Bereits 2014 hat er eine Studie veröffentlicht, die viel Aufmerksamkeit bekommen hat: Der durchschnittliche Handynutzer schaut etwa alle 12 Minuten auf sein Gerät. "Das sind Dauerunterbrechungen, die mit großen Wechselkosten einhergehen. Ich konzentriere mich gerade auf etwas und dann klingelt es schon wieder. Dann bin ich schon wieder rausgerissen. Das ist so eine Dauerfragmentierung des Alltags”, erklärt der Psychologe, der an der Universität Ulm forscht und lehrt. 

Die Mechanismen, mit denen wir beim Smartphone und seinen Apps konfrontiert sind, ähnelten denen der Glücksspielindustrie, so Montag: "Das heißt, dass nicht jedes Mal wenn sie auf das Gerät zugreifen, was Schönes drin ist. Aber es kommt immer mal wieder was Schönes rein und das ist tatsächlich etwas, was verhaltenstechnisch besonders schwer zu löschen ist. Dementsprechend ist auch das Smartphone als Gewohnheitsding sehr, sehr schwer abzulegen.”

Es ist durchaus klar, dass wir Glücksspiel-Mechanismen in den Geräten wiederfinden.

Christian Montag, Psychologe

Die wissenschaftliche Erforschung des Suchtpotenzials von Smartphone und Social Media stehe allerdings noch am Anfang, meint er: "Wir haben schon das Problem, dass momentan vieles erzählt wird, was noch nicht empirisch gut belegt ist. Das hat einfach damit zu tun, dass diese digitale Revolution uns überrollt hat. Das erste iPhone kam 2007 auf den Markt."

FOMO - Benutz mich, sonst verpasst du was!

Apps wie Facebook, Instagram oder Snapchat sind so konzipiert, dass sie uns immer länger in ihrem Interface halten wollen, um mehr Daten über uns zu gewinnen. Gleichzeitig vermitteln sie uns ein Schuldgefühl, wenn wir sie nicht benutzen: “Warum warst du so lange nicht auf Facebook, deine Freunde vermissen dich.” Dieser aufgebaute Sozialdruck wird in der Psychologie auch als “Fear of Missing Out”, kurz FOMO bezeichnet, also der Angst, etwas zu verpassen. Dazu kommt das Phänomen, dass wir wissen, ob unser Gegenüber eine Nachricht gelesen hat: Der Doppelhaken auf Facebook, WhatsApp und co. setzt uns unter Zug- und Rechtfertigungszwang, auf Nachrichten unmittelbar zu antworten. ”Das sind meines Erachtens relativ perfide Mechanismen, die hier angewandt werden um den Konsumenten unter Druck zu setzen”, sagt Psychologe Christian Montag. Die dauerhafte Präsenz des Smartphones könne außerdem dazu führen, dass wir immer weniger unseren Gedanken nachhängen: "Dieser komplette selbstreflexive Moment, mal über den Alltag nachdenken, wird zunehmend weniger. Dem Gedanken nachhängen ist in Experimenten mit Kreativität assoziiert worden."

Digital Detox? Lieber ein Knigge für das Digitalverhalten

Dem kompletten Entzug des Digitalen kann der Psychologe trotzdem nicht viel abgewinnen. Die digitale Welt und digitale Medien seien mittlerweile aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken – etwa im Beruf oder im Kontakt mit Verwandten und Freunden. Wichtiger seien der bewusste Umgang mit ihnen und Grenzen bei der Benutzung – ein Verhaltenskodex wie es der alte Knigge für die analoge Welt vorsieht. Christian Montag plädiert für klare Trennungen: Armbanduhr statt Handyuhr, ein echter Wecker am Bett statt das Smartphone. Beim Arbeiten im Büro das Gerät auch mal ausschalten oder weglegen, Mails nur zu bestimmten Tageszeiten beantworten. Viele Smartphones und Apps bieten mittlerweile auch Zeitkonten an – man gibt an wie lange man bestimmte Apps nutzen möchte und nach Ablauf der Dauer wird die Nutzerin informiert. “Wir müssen uns die Strukturen, die das Silicon Valley kaputt gemacht hat, wieder zurückerobern. Strukturiertes Abarbeiten führt dazu, dass die Leute sich besser fühlen und weniger gestresst sind. Genau wie Armbanduhren und Wecker im Schlafzimmer: Das sind alles die Dinge, die haben wir empirisch beforscht. Die scheinen zu helfen um wieder Strukturen zu bringen.”

Ähnliches gelte für Sozialkontakte: Wenn beim Treffen mit Freunden ständig das Smartphone gezückt wird, leide darunter die Qualität der sozialen Interaktionen.

Auch der Blogger und Informatiker Jürgen Geuter plädiert für einen aufgeklärten Umgang mit dem Smartphone – statt das Digitale als Gift zu verteufeln. "An einem verregneten Sonntag hängen wir uns mal nicht vor Netflix sondern schauen ganz bewusst, welche Apps wir auf dem Gerät haben, ob wir die wirklich brauchen, ob die uns wirklich Benachrichtigungen schicken sollten."

Ich glaube man wird über diesen Weg auch sehr viel über sich selbst lernen.

Jürgen Geuter, Blogger und Informatiker

Zuletzt aktualisiert: 29. Oktober 2019, 08:14 Uhr

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