Cannabispflanzen in einem Gewächshaus
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Ein Jahr Cannabis auf Rezept: Cannabis als Medizin - schon Routine?

Seit einem Jahr ist Cannabis als Medikament zugelassen. Die meisten Ärzte dürfen Cannabis an Schwerkranke verschreiben und die Kassen sollten in den meisten Fällen die Kosten übernehmen. Doch Ärzte, Apotheker und Kassen sind unsicher. Cannabis hat im Gegensatz zu anderen Arzneien kein Zulassungsverfahren durchlaufen, ist per Gesetz zugelassen und die Studienlage höchst unbefriedigend. Karsten Möbius zu einem Medikament, das keiner richtig kennt.

von Karsten Möbius

Cannabispflanzen in einem Gewächshaus
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Schon in der Antike nutzte man Cannabis zur Entspannung und als Liebesstimulanz. Man kennt die Wirkung auf den Appetit und auch auf die Psyche. Trotzdem können Mediziner nur schwer damit umgehen. Dr. Lilit Flöther, Leiterin der Schmerzambulanz am Uniklinikum Halle schildert das Problem der Schulmediziner:

Selbst die Wirkung von Cannabis ist nicht vollständig erklärt. Das ist noch forschungsbedürftig. Da gibt es noch keine Studien, die sagen 'es hilft beim Rückenschmerz'. Wir haben noch keine Langzeitstudien.

Dr. Lilit Flöther

Erst seit einigen Jahrzehnten ist bekannt, dass unser Körper ein eigenes Cannabinoid-System besitzt, unsere Zellen entsprechende Sensoren haben. Aber damit wird die Dosierung trotzdem nicht einfacher. Erschwerend kommt für die Ärzte hinzu, dass die zwölf verschiedenen verfügbaren Blütensorten alle unterschiedliche Wirkstoffkonzentrationen haben, wie die Schmerzspezialistin erklärt:

Porträtbild einer Frau mit schwarzen Haaren, die lächelt.
Dr. Lilit Flöther, Schmerz- und Suchtspezialistin am Uniklinikum in Halle. Bildrechte: Karsten Möbius

Im Gegensatz zu Fertig-Arzneimitteln sind die Cannabis-Blüten total unterschiedlich. Wir wissen nicht, wie viel Gehalt von diesem THC in jeder Sorte ist. Es gibt keine Empfehlungen auch von Bundesopiumstelle oder vom Gesetzgeber, welche Sorte man verwenden soll. So dass man auch gar nicht weiß, mit welcher Sorte bei wie viel Milligramm ich starte.

Dr. Lilit Flöther

Deshalb verschreibt Lilit Flöther auch noch nach einem Jahr keine Cannabis-Blüten. Sie verschreibt Dronabinol-Tropfen. Dr. Kerstin Pieper, Schmerzmedizinerin aus Freyburg an der Unstrut, macht das genauso:

Ja es gibt ja diese vielen Blüten, die ich nicht verordne, muss ich sagen, weil mir das noch zu undurchsichtig ist.

Dr. Kerstin Pieper

Zumal die Sorten genau so heißen wie im Coffeeshop in Holland, sagt der hallesche Apotheker Tobias Luckner:

Die Sorten heißen zum Beispiel 'Penelope' oder 'Baker Street'. Das ist tatsächlich so wie beim Dealer um die Ecke.

Tobias Luckner
Apotheker Tobias Luckner, Hubertus-Apotheke Halle.
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Zwei Inhaltsstoffen im Cannabis wird vor allem die entkrampfende, entzündungshemmende und angstlösende Wirkung zugeschrieben.

Zum einen dem THC, dem Tetra-Hydro-Cannabinol und dem CBD, dem Cannabidiol. THC soll vor allem für die psychodelischen Eigenschaften zuständig sein, CBD diesen genau entgegenwirken. Was, wie, bei wem genau wirkt, das wissen die Mediziner nicht. Apotheker Tobias Luckner aus Halle sagt, es ist ein Ausprobieren. Dann setzen sie auf "trial and error" - Versuch und Irrtum.

Das sind tatsächlich die Erfahrungswerte, die gesammelt werden müssen. Also für den Patienten und das Problem des Patienten die richtige Lösung zu finden.

Tobias Luckner

Und ganz genau betrachtet besteht Cannabis natürlich nicht nur aus zwei Inhaltsstoffen. Sondern aus einer Mischung vieler anderer Verbindungen, deren Zusammenwirken überhaupt noch nicht erforscht ist, sagt Luckner. Insgesamt sind bisher mehr als 85 unterschiedliche Cannabinoide bekannt.

Es gibt da ein Parallelbeispiel. Ganz klassisch Baldrian. Auch da ist es bis zum heutigen Tag nicht eindeutig geklärt, welcher der zahlreichen Wirkstoffe tatsächlich wirkt oder welche Kombination das ist.

Tobias Luckner
Dr. Kerstin Pieper, Schmerzspezialistin, Freyburg - Unstrut. Cannabis kommt nur für Patienten in Frage, bei denen wir schon alles versucht haben.
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Die nächste Frage, vor der Ärzte stehen: Wem sollen sie Cannabis verschreiben? Im Gesetz steht, bei schwerwiegenden Erkankungen dürfen Ärzte das verschreiben. Was genau darunter zu verstehen ist, wird nicht definiert. Dr. Kerstin Pieper aus Freyburg verfährt so: "Das sind auf alle Fälle schwerkranke Patienten, die eine lange Leidensgeschichte haben, die viele Medikamente schon ausprobiert haben und trotzdem noch sehr starke Schmerzen haben. "

Beide Ärztinnen, Lilit Flöther und Kerstin Pieper, behandeln jeweils etwas mehr als zehn ihrer Patienten mit Cannabis-Präparaten. Gute Erfahrungen haben sie vor allem bei krampfartigen Muskelschmerzen gemacht und auch bei neurologischen Schmerzen und Erkrankungen. Die Hoffnung, dass eine für alle Patienten verpflichtende Begleiterhebung nach der Behandlung neue Erkenntnisse bringt, ist bei den Medizinern gleich null.

Die Daten seien nicht aussagekräftig, sagt Schmerzspezialistin Lilit Flöther - man wisse hinterher nicht, welcher Patient mit welcher Krankheit mit welchem Erfolg behandelt wurde:

Das ist leider das Deprimierende für uns als Ärzte. Die Begleiterhebung wird durchgeführt, wird uns aber keine evidenzbasierten Daten liefern. Das heißt, nach fünf Jahren wird man aus diesen Daten keine aussagekräftigen Studien haben.

Dr. Lilit Flöther

Die Deutsche Schmerzliga sieht das genauso und das hat eine gewisse Dramatik. Denn nach fünf Jahren soll anhand dieser Begleiterhebung entschieden werden, ob Cannabis weiter auf Rezept durch die Krankenkassen bezahlt werden soll.

Dieses Thema im Programm: MDR aktuell | Radio | 10. Februar 2018 | 07:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. März 2018, 09:47 Uhr