Corona-Forschung aktuell: 11. Dezember Täuschkörper: Münchner Forscher entwickeln Medikament gegen Corona

Münchner Forscher haben ein neues Medikament gegen Corona entwickelt. Das Protein soll wie ein Täuschkörper gegen das Virus wirken und das Immunsystem entspannt halten. Außerdem: Wer führt Impfstoffversuche durch?

Ein Patient erhält eine Impfung
Bildrechte: imago images/ZUMA Wire

Neueste wissenschaftliche Erkenntnisse über Corona

Sachsen steht erneut vor einem harten Lockdown, den die Wissenschafts-Akademie Leopoldina für das ganze Land fordert. Aus der Forschung gibt es täglich Neuigkeiten zur Covid-19 und Sars-CoV-2. MDR WISSEN verschafft Ihnen hier den Überblick über die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse.

Münchner Forscher entwickeln Corona-Medikament

Im Kampf gegen das Sars-Coronavirus-2 ruhen viele Hoffnungen auf der Entwicklung wirksamer Impfstoffe, die dem Körper helfen, die Angreifer abzuwehren. Aber auch wenn die ersten Impfungen sehr bald starten können, wird es vermutlich viele Jahre dauern, bis ein ausreichend großer Teil der Weltbevölkerung geimpft ist. Außerdem haben die bisherigen Impfstudien gezeigt, dass es auch trotz Impfung zu Infektionen kommen kann. Neben einem Impfstoff werden also weiterhin dringend Medikamente benötigt, die gegen das Virus wirken. Präparate wie Remdesivir oder Steroide wie Dexamethason können den Verlauf einer Krankheit zwar etwas abmildern, jedoch noch nicht genug. Deshalb könnte das Fusionsprotein FYB207 von Forschern der Technischen Universität München und des Münchner Biotechunternehmens Formycon ein wichtiges Therapeutikum gegen das Virus werden.

Das Forscherteam untersuchte das ACE-2-Enzym mit Hilfe von Computermodellen. ACE-2 sitzt auf der Oberfläche der Zellen der menschlichen Atemschleimhäute und dient den Coronaviren praktisch als Eintrittspforte. Am Computer kombinierten die Wissenschaftler das Enzym mit Teilen menschlicher Antiköper und entwickelten so eine Art Täuschkörper für das Virus, der aber vollständig aus menschlichen Komponenten besteht. Das sogenannte Fusionsprotein FYB207 soll die Coronaviren ablenken und binden. "Das Wirkprinzip wurde bereits erfolgreich gegen Rheuma und in der Augenheilkunde eingesetzt", sagt Carsten Brockmeyer, Vorsitzender der Formycon AG. Ein Trick besteht darin, dass das hochaffine Protein nach Verabreichung einfach viel zahlreicher im Blut und im Gewebe vorhanden ist und dadurch die Viren von deren eigentlichem Ziel fernt hällt.

Zugleich soll FYB207 ebenso wie das ACE-2-Enzym selbst regulierend auf das Immunsystem wirken. Die Enzyme schwächen Entzündungen ab und verhindern eine Überreaktion, die Ursache vieler schwerer Verläufe bei Covid-19 ist. Ein weiterer Vorteil: Die Bindungsfähigkeit von FYB207 wirkt auf alle Viren, die über ACE-2 in den Körper eindringen. Das bedeutet, es kann auch mutierte Coronaviren unschädlich machen. Im Laborversuch wirkte das Protein damit auch gegen den Coronavorgänger Sars-1.

Bislang haben die Entwickler das Protein nur am Computer und in Zellkulturen untersucht. Nun sollen erste Tests an Tiermodellen folgen. "Aktuell bauen wir die Produktion auf. Im dritten Quartal 2021 wollen wir genügen Wirkstoff haben, um mit den klinischen Versuchen mit Menschen beginnen zu können", sagt Stefan Glombitza von Formycon. Da es sich bei FYB207 um ein Therapeutikum handelt, das nur im Krankheitsfall eingesetzt werden soll, wären die Hürden nicht so hoch, wie bei einem Impfstoff. Dennoch wird es mindestens ein Jahr dauern, bevor ein zulassungsfähiges Medikament zur Verfügung steht. Formycon will trotzdem bereits frühzeitig in Kontakt mit den Zulassungsbehörden treten und schon Anfang 2021 abstimmen, wie das Test- und Zulassungsprogramm aussehen kann. Anfang 2022 soll ein Medikament marktreif sein.

Neue Studien zu neurologischen Schäden durch Corona

Sars-CoV-2 greift nicht nur die Atemwege und die Lunge an, sondern auch das Gehirn. Das beschrieben Mediziner bereits im Frühjahr und Sommer, inzwischen liefern aber immer mehr Studien weitere Belege dafür. Drei weitere Aufsätze zeigen, dass Geruchs- und Geschmacksverlust bei einem Viertel der Betroffenen deutlichste Symptome von Covid-19 sind und dass die neurologischen Schäden zu schweren Behinderungen und zu anhaltender Pflegebedürftigkeit führen können, selbst wenn ein Patient die eigentliche Erkrankung überstanden hat.

Leipziger Forscher berichten im Fachjournal "BMC Family Practice" über eine Gruppe von 374 Patienten, von denen 40 mit Corona infiziert waren. Sie konnten von denjenigen mit einfachen Erkältungen am deutlichsten durch den Verlust von Geruch und Geschmack unterschieden werden. Davon waren 27 Prozent der Covid-19-Patienten betroffen.

Unter den 93 Corona-Patientinnen und Patienten, die im März in der Uniklinik im italienischen Udine behandelt wurden (Durchschnittsalter 63 Jahre), war der Anteil derjenigen mit Geruchs- und Geschmacksverlust deutlich höher, er betrug 63 Prozent. Von den Betroffenen wiederum hatten 22 Prozent den Verlust ihrer Riech- und Schmeckfähigkeit als erstes Symptom erlebt, berichten die Forscher um Francesco Bax im Fachjournal "Neurology – Clinical Practice". Im Schnitt hielt der Verlust zwischen 25 und 30 Tagen an.

Eine dritte Studie zeigt weitere, noch schwerere neurologische Symptome bei insgesamt 74 Covid-19-Patienten aus ärmeren und älteren Bevölkerungsschichten, die zwischen April und Juli in einem Krankenhaus in Boston behandelt wurden (Durchschnittsalter 64 Jahre).

Symptome 18 Patienten erlitten Schlaganfälle

15 hatten Krampfanfälle

26 kamen im Delirium in die Klinik

7 litten unter Bewegungsstörungen

5 erlebten Myoklonus, das sind plötzliche, kurze Zuckungen der Muskeln

1 Person zeigte Anzeichen einer Autoimmunerkrankung (Symptome verbesserten sich, als sie Kortikosteroide erhielt.)

Verläufe 10 starben in der Klinik, die übrigen verließen das Krankenhaus mit mittleren bis schweren Handicaps
27 konnten nach Hause mit und ohne häusliche Pflege
20 kamen in Pflegeheime (11 davon hatten zuvor noch zuhause gelebt)
9 wurden in die Reha überwiesen
5 wurden in ein Hospiz überwiesen
3 kamen in eine Langzeitklinik

Wer bezahlt eigentlich die Studien zur Wirksamkeit von Impfstoffen, welche Daten wurden veröffentlicht und wie kommen die Versuchsteilnehmer in Kontakt mit dem Virus?

Nutzer von MDR WISSEN haben viele Rückfragen zu den aktuell laufenden Impfstoffversuchen. Wir haben recherchiert und können die Fragen beantworten.

Wer führt eigentlich die Versuche zu den Impfstoffen durch? Sind das nur die Hersteller?

Die Studien werden immer in Kooperation mit Studienzentren durchgeführt. In Deutschland sind das beispielsweise Universitätskliniken wie Hamburg-Eppendorf, wo derzeit der Impfkandidat von IDT Biologika aus Dessau und dem Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZI, das ist ein Netzwerk deutscher Forschungsinstitute) getestet wird. Der Hersteller eines Impfstoffs bezahlt die Versuche, er wird offiziell als Sponsor bezeichnet.

Die US-Regierung stellt auf der Webseite clicicaltrials.gov umfangreiche Informationen dazu bereit, welche klinischen Versuche wo mit welchen Zielen durchgeführt werden und ob bereits Daten vorliegen. Dort erfährt man, wie eine Studie aufgebaut ist, wer die Daten erhebt und wie festgestellt wird, ob ein Impfstoff sicher und wirksam ist. Es gibt also mehrere Mechanismen, die sicherstellen, dass die Hersteller nicht aus Profitinteresse Risiken verschweigen können. Das Studiendesign muss lückenlos veröffentlicht werden, unabhängige Mediziner führen die Versuche durch und die Ergebnisse müssen am Ende mit den Behörden und der Öffentlichkeit geteilt werden.

Bei clicicaltrials.gov erfährt man beispielsweise auch, wo in Deutschland der RNA-Impfstoff von BioNTech/Pfizer getestet wird, der voraussichtlich der erste sein wird, der in Deutschland ausgegeben wird. Neben dem Universitätsklinikum in Eppendorf sind das auch mehrere private Ärztehäuser, unter anderem die Praxis von Lars Pohlmeier in Bremen. Die Versuche dort hat unser ARD-Partnersender Radio Bremen in einem Beitrag vorgestellt.

Wurden bereits Studien zu den Impfstoffen veröffentlicht?

Zu den aktuell vermeldeten Erfolgen bezüglich der Wirksamkeit der Impfstoffkandidaten gibt es erst eine Studie, die von unabhängigen Wissenschaftlern begutachtet wurde und in einem offiziellen Journal veröffentlich worden ist. Das ist ein Fachartikel in The Lancet über den Impfstoffkandidaten AZD1222 von der Universität Oxford und Astra Zeneca. Über die Ergebnisse berichten wir hier.

Bei den anderen Impfstoffkandidaten haben die Hersteller Daten bislang nur per Pressemitteilung veröffentlicht, was Forscher auch kritisiert haben. Sie verlangen auch hier eine Begutachtung der Daten durch unabhängige Wissenschaftler. Tiefere Einblicke in die Ergebnisse der klinischen Versuche erhalten derzeit vor allem die Zulassungsbehörden wie die US-amerikanische Food an Drug Administration FDA oder die Europäische Arzneimittelzulassungsagentur EMA. Hier erklärt das Paul-Ehrlich-Institut das Rolling-Review-Verfahren.

Die jetzt laufenden Phase-3 Versuche sind aber nur die letzte klinische Stufe vor der Zulassung. In den ersten zwei Phasen wird vor allem getestet, ob die Impfstoffe gefährliche Nebenwirkungen haben. Hier haben die meisten Entwicklerteams bereits Studien veröffentlich. BioNTech/Pfizer hat das etwa kürzlich im New England Journal of Medicine getan.

Wie werden die Versuchsteilnehmer dem Virus ausgesetzt?

Die Probanden werden dem Virus nie absichtlich ausgesetzt. Wäre das der Fall, würde man von einer Challenge Studie sprechen. Experten halten das zwar für sinnvoll, es ist aber gesetzlich verboten, Menschen absichtlich einem Virus auszusetzen. Deshalb müssen so viele Menschen an einer Phase 3 Studie teilnehmen (mehrere 10.000), damit sich genügend Menschen zufällig mit dem Virus anstecken können.

(ens)

Aktuelle Corona-Forschung

1 Kommentar

Beri vor 21 Wochen

Lieber MDR, veröffentlicht doch diese Erkenntnisse/Ergebnisse an exponierterer Stelle und dann wundert Euch bitte wie wenige sich impfen lassen wollen.
Ganz liebe Grüße und einen schönen dritten Advent