Lockdown als Lebensretter Corona-Maßnahmen: Muss das alles sein?

Sieben Monate ist es her, dass der erste Corona-Fall in Deutschland nachgewiesen wurde. Seitdem hat sich viel getan: Maskenpflicht, Schulschließungen, Kontaktverbot - viele Maßnahmen sind mittlerweile wieder ausgesetzt, andere begleiten uns bis heute in unserem Alltag. Aber: Welche davon sind sinnvoll, welche weniger?

Mädchen mit Mundschutz wartet in einer Haltestelle
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In einem Punkt sind sich die Wissenschaftler einig: Der sogenannte Lockdown war sehr wirksam: Die Infektionszahlen sind zurückgegangen, ebenso die coronabedingten Todesfälle. Aber welche von all den vielen Maßnahmen dabei entscheidend waren, das lässt sich schwer herausfinden, erklärt Mathias Pletz, der Infektiologe am Universitätsklinikum Jena ist:

Das ist ein ungelöstes Problem, was die Krankenhaushygiene schon seit Jahren kennt, das sogenannte Präventionsparadoxon.

Dr. Mathias Pletz

Mathias Pletz während Pressekonferenz.
Prof. Dr. med. Mathias Pletz ist Infektiologe am Universitätsklinikum Jena. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Denn am Ende zu beziffern, welcher der Pfeile im Köcher sozusagen den Durchschlag gebracht hat, das ist eigentlich nicht möglich. Aber man kann versuchen, sich der Wirklichkeit anzunähern. Und genau das tun Wissenschaftler schon seit Monaten. Jan Brauner an der Universität Oxford ist einer von ihnen. Zusammen mit einem internationalen Forscherteam hat er einige der Maßnahmen gegen das Coronavirus untersucht. Die Schließung der Geschäfte und die Maskenpflicht zum Beispiel. Das Ganze war als Beobachtungsstudie angelegt, erklärt Brauner.

Man schaut sich zum Beispiel verschiedene Länder an und guckt dann: Wann haben diese Länder jeweils welche Maßnahmen getroffen? Und wie ist es danach mit der Epidemie in diesem Land weitergegangen? Wie haben sich die Fallzahlen verändert? Und wie haben sich die Todesfälle verändert?

Jan Brauner

Was ist die Ursache des Rückgangs?

Daraus könne versucht werden, Rückschlüsse auf die Wirksamkeit bestimmter Maßnahmen zu ziehen. Im Zeitraum Februar bis Mai haben Brauner und seine Kollegen Daten aus 41 Ländern ausgewertet. Ihre größte Erkenntnis: Die Schließung von Schulen und Universitäten scheint besonders effektiv gewesen zu sein. Dasselbe gilt für das sogenannte Hochrisiko-Gewerbe, sprich: Bars, Restaurants, Theater - also all die Orte, an denen viele Menschen eng beieinander sind. Mathematiker und Medizinstatistiker Gerd Antes wird bei diesen Ergebnissen skeptisch:

Wenn zum Beispiel dann behauptet wird, aufgrund von Beobachtungsstudien, dass Schulschließungen einen großen Effekt haben, dann ist immer die Gefahr, dass mit der Schulschließung gleichzeitig was anderes passiert ist.

Dr. Gerd Antes Eh. Direktor Cochrane Deutschland

Denn neben den Schulschließungen gab es ja noch zahlreiche andere Maßnahmen, die denselben Effekt gehabt haben könnten. Dieser Gefahr ist sich Jan Brauner bewusst. Deshalb seien seine Ergebnisse auch nur eine Perspektive der Wirklichkeit. Alle relevanten Maßnahmen und Einflussfaktoren könne man nie auf dem Schirm haben.

Wenn man jetzt irgendwie sieht: Die Länder haben zum Beispiel Schulen geschlossen und danach sind die Infektionszahlen runtergegangen, dann kann man sich halt nicht sicher sein. Lag es wirklich an den Schulschließungen oder ist vielleicht noch etwas anderes parallel auch passiert in diesen Ländern, was wir nicht auf dem Schirm haben?

Jan Brauner

"Umfeld von völligem Nichtwissen"

Eine Maßnahme, die Brauner und seine Kollegen nicht untersucht haben, ist die Abstandsregel. Das Robert-Koch-Institut empfiehlt nach wie vor einen Mindestabstand von einem Meter fünfzig. Aber reicht das? Wir wissen es nicht, sagt Gerd Antes.

Ist es wirklich 1,50 oder 1,30 oder 1,70? Die Engländer versuchen gerade, die zwei Meter zu reduzieren. Und dann sind wir sofort in einem Umfeld von völligem Nichtwissen.

Gerd Antes

Wissen

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Viel Nichtwissen, was die sogenannten Aerosole angeht. Das sind kleine Partikel, die das Coronavirus übertragen können. Und anders als Tröpfchen können die mehrere Stunden lang in der Luft bleiben und sich in Räumen ansammeln. Die große Frage ist: Bringt der Abstand da überhaupt noch was? Im Freien ja, sagt Mathias Pletz. Und beruft sich auf eine von der WHO in Auftrag gegebene Analyse. Hier sei nachgewiesen worden, dass ein Meter Abstand gut ist, zwei Meter aber noch effektiver. Allerdings mahnt Pletz:

Es gibt nicht schwarz-weiß. Es gibt nicht ja oder nein, auch wenn sich das Juristen und viele Menschen, die sehr sicherheitsorientiert sind, eigentlich immer wünschen zu wissen. Es gibt leider eben viele Grauzonen. Aber generell ist es so: je größer der Abstand, desto besser.

Mathias Pletz

Bessere Differenzierung des Risikos

Kein schwarz-weiß also. Das gilt auch für Großveranstaltungen. Prinzipiell hält Pletz ein Verbot für sinnvoll, sieht aber auch Bedarf für mehr Differenzierung:

Wenn Sie zum Beispiel ein klassisches Konzert unter freiem Himmel stattfinden lassen, mit einem Streicherquartett und da sitzen 300 Leute auf Stühlen im Freien, vielleicht mit Maske und hören zu. Da sehe ich überhaupt keine Gefahr.

Mathias Pletz

Ganz anders sehe er das bei einem Rockkonzert in einer Halle. Ständen die Menschen hier dicht an dicht, inklusive Mitsingen oder Mitschreien, sei das für die Ausbreitung desaströs. Stichwort Maske - das ist bis heute ja eine sehr umstrittene Maßnahme. Jena war die erste deutsche Stadt, die die Maskenpflicht eingeführt hat, erinnert sich Mathias Pletz. Er war einer derjenigen, der dem Jenaer Oberbürgermeister geraten hat, die Maskenpflicht einzuführen.

Was mich selber total erstaunt hat: Fünf Tage nach Einführung der Maskenpflicht sind die Neuinfektionen wirklich abgebrochen.

Mathias Pletz

Auch hier könne man nicht ausschließen, dass andere Maßnahmen oder Einflussfaktoren dazu beigetragen haben, sagt Pletz. Er persönlich findet die Maskenpflicht trotzdem sinnvoll. Die anderen beiden Wissenschaftler stimmen ihm da prinzipiell zu. Aber die Maske könnte auch einen Nachteil haben, sagt Gerd Antes.

Auch diese Sachen werden immer wieder angegriffen und sind auch mit Vorsicht zu genießen. Es gibt auch das andere Extrem, dass man sagt, Masken sind sogar risikoreich, weil Menschen sich sicherer fühlen und glauben, sie brauchen andere Dinge nicht mehr einzuhalten. Also insofern ist auch da alles mit einem Fragezeichen zu versehen.

Gerd Antes

Man merkt: Auch nach sieben Monaten wissen wir vieles nicht. Was wir wissen, ist: Die Schulschließungen, das Verbot von Großveranstaltungen, die Maskenpflicht, die Abstandsregel: All diese Maßnahmen funktionieren. Wie sie funktionieren, ob sie angemessen sind und ob wir nicht auch bei weniger Maßnahmen einen Effekt hätten - all diese Fragen sind noch offen.

31 Kommentare

MDR-Team vor 8 Wochen

Es wurden nur solche Genabschnitte ausgewählt, die ganz charakteristisch für das neuartige Coronavirus sind, bei denen also eine Verwechslung mit menschlichem Erbgut ausgeschlossen ist. Die angewandten PCR-Tests sind insgesamt also in der Regel hoch spezifisch und sensitiv. Beim Verdacht auf das Sars-CoV-2 wird der Erreger in der Regel mit einem molekularbiologischen Test nachgewiesen. Zunächst nimmt ein Arzt einen Abstrich oder ausgehusteten Schleim. Spezialisten bereiten diese Probe dann im Labor auf und suchen mit einem sogenannten PCR-Test nach dem Erbmaterial des Virus. Vereinfacht gesagt wird dabei ein bestimmter Abschnitt des Viren-Erbguts millionenfach kopiert. Die Kopien werden mit einer sogenannten Sonde farblich markiert. Diese Farbmarkierung kann dann mit komplexen Geräten sichtbar gemacht werden. Sind entsprechende Farbsignale vorhanden, handelt es sich um eine "positive Probe". Unter idealen Bedingungen dauert ein solcher Test im spezialisierten Labor 3-5 Stunden.

Felix vor 8 Wochen

Yepp, nur hat man von diesem Virus keine Fingerabdrücke. Herr Drosten hat den PCR-Test erstellt, ohne je das Virus in seiner kompletten Zusammensetzung vorliegen gehabt zu haben. Der PCR-Test funktioniert doch so, dass man RNA- und DNA-Material aus einem Rachenabstrich mehrmals vervielfältigt, um dann ein Ergebnis zu bekommen. Es wird hierbei nicht ein Virus nachgewiesen, sondern eine RNA-Sequenz, die zu einem Virus gehören soll. Man hat aber bisher nicht nachgeprüft, wo diese RNA-Sequenz noch vorkommt (abgesehen davon, dass man bei genügend häufiger Vervielfältigung irgendwann immer diese RNA-Sequenz nachweist - wie oft man vervielfältigt, ist mehr oder weniger Geschmackssache) und ob diese RNA-Sequenz nicht auch z.B. von einer Abwehrreaktion des Körpers stammen kann - also nichts mit einem krankmachenden Virus zu tun hat. Es fehlen so viele wissenschaftliche Tests, dass es einfach ungeheuerlich ist, was hier passiert.

MDR-Team vor 8 Wochen

Aerosoltröpfchen sind so klein und damit so leicht, dass der sanfte Druck von in die Höhe strömender Warmluft schon ausreicht, um sie in der Schwebe zu halten. Die Wärme der menschlichen Haut kann einen solchen Luftstrom antreiben. Je größer der Temperaturunterschied zur Raumluft, desto ausgeprägter ist diese von der Körperwärme ausgelöste Luftzirkulation.

Die Ausbreitung von Aerosolen zu berechnen ist mit Hilfe der physikalischen Gesetze der Strömungsmechanik sehr gut möglich. Im April, also in der Phase des Lockdowns zu Beginn der Corona-Pandemie, sorgten Videos für Aufsehen, in welchen eine im Computer errechnete Animation verdeutlichte, wie sich die Aerosole einer einzelnen, ohne Maske niesenden Person in einem Supermarkt über die Warenregale hinweg ausbreiten.