Unfallmedizin Hohes Verletzungsrisiko durch E-Scooter

Seit Mitte Juni darf man in Deutschland mit E-Scootern fahren. Unfallexperten warnen mit Blick auf Studien aus den USA: Die elektrisch angetriebenen Roller bergen hohe Verletzungsrisiken für Fahrer und Passanten.

E-Scooter auf einem Gehsteig
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Seit dem 17. Juni darf man mit den sogenannten E-Scootern in Deutschland fahren. Befürworter hoffen, dass die elektrisch angetriebenen Roller den überfüllten Verkehr in Großstädten entlasten. So könnten sie durch ihre geringe Größe und ihr leichtes Gewicht viel leichter als Fahrräder in Busse und Bahnen mitgenommen werden und ihre Besitzer zügig von der Haltestelle zum eigentlichen Ziel bringen.

Roller ohne Blinker oder Bremsleuchten

Mediziner und Unfallexperten warnen allerdings, dass E-Scooter gefährlich sein können, sowohl für Ihre Fahrer, als auch für Fußgänger und andere Verkehrsteilnehmer, wenn es zum Unfall kommt. Ein Risiko dabei stelle unter anderem die Position des Fahrers auf dem Elektroroller dar, sagt Christopher Spering von der Klinik für Unfallchirurgie der Universitätsmedizin Göttingen.

E-Scooter-Fahrer stünden auf einem kurzen Brett und müssten mit beiden Händen den kurzen Lenker festhalten. Dadurch hätten sie keinen Arm frei, um einen Fahrtrichtungswechsel anzuzeigen. Auch Bremsvorgänge seien nicht ersichtlich, warnt der Mediziner. Blinker oder Bremsleuchten sind bei E-Scootern nicht vorgeschrieben.

Verletzungen an Sprunggelenken

In seiner Klinik hat Spering zwei Fälle erlebt, bei denen E-Scooter-Fahrer wegen Verrenkungsbrüchen an den Sprunggelenken behandelt werden mussten. Beide seien bei Stürzen mit dem Fuß unter das Trittbrett geraten. Auch Schädel-Hirn-Traumata seien sehr wahrscheinlich, "weil der Kopf einfach so exponiert ist", sagt Spering, ebenso wie Brüche und andere Verletzungen an Händen und Armen.

In den USA, wo die Scooter bereits seit längerer Zeit auf den Straßen unterwegs sind, gibt es bereits umfangreichere Daten zu den Verletzungsrisiken. So berichtet ein Team von Notallmedizinern im Journals der American Medical Association (JAMA) über Verletzungen bei E-Scooter-Fahrten. Untersucht wurden insgesamt 249 Patienten, die zwischen dem 1. September 2017 und dem 31. August 2018 in Notfallaufnahmen im Raum Los Angelese in Südkalifornien behandelt wurden.

Kopfverletzungen, Knochenbrüche und Prellungen

E-Scooter sind ein Verkehrsmittel vor allem für 30jährige Männer, so zumindest zeigen es die Unfalldaten. Im Schnitt waren die verletzten Elektro-Roller-Fahrer 33,7 Jahre alt. Rund 58,2 Prozent der behandelten Personen waren Männer. Das Hauptrisiko liegt dabei klar bei den E-Scooter-Fahrern. In 91,6 Prozent der Fälle wurden sie verletzt, nur in den übrigen 8,4 Prozent traf es die Unfallgegner. Insgesamt 27 Patienten waren jünger als 18 Jahre (10,8 Prozent). Nur in 4,4 Prozent der Fälle hatten die Fahrer einen Helm getragen. 4,8 Prozent waren zum Zeitpunkt des Unfalls alkoholisiert oder standen unter dem Einfluss anderer Betäubungsmittel.

Die häufigsten Verletzungen waren Verwundungen am Kopf (40,2 Prozent), Knochenbrüche (31,7 Prozent), sowie Prellungen, Verstauchungen und Risswunden (27,7 Prozent). 94 Prozent der Patienten konnten aus der Notaufnahme nach Hause entlassen werden. 15 mussten in der Klinik bleiben. Zwei waren so schwer verletzt, dass sie intensivmedizinisch behandelt werden mussten. Bei Zählungen auf den Straßen der Umgebung stellten die Forscher fest, dass von 193 beobachteten E-Scooter-Fahrern die übergroße Mehrheit von 94,3 Prozent ohne Helm unterwegs war.

Geschwindigkeitsrauch und fehlende Erfahrungen

Siegfried Brockmann von der Unfallforschung der Versicherer (UDV) rät zu E-Scootern mit größeren Rädern. Dadurch sei die Fahrt stabiler, weil größere Räder ruhiger über Unebenheiten rollen. Sie machen die Scooter aber auch unhandlicher für den Transport im Nahverkehr.

Brockman glaubt, dass es vor allem jetzt zu vielen Unfällen kommen wird, in den ersten Monaten nach der Zulassung der neuen Verkehrsmittel. "Man glaubt ziemlich schnell, dass man sicher unterwegs ist", sagt er aus eigener Erfahrung. Aber die Erfahrungen über die Reaktion der Fahrzeuge bei Vollbremsungen und ähnlichem habe man zu Beginn nicht. Zudem wolle man rasch die Geschwindigkeit austesten. Die Mitte Mai beschlossenen Zulassungsregeln sehen vor, dass E-Scooter maximal 20 Kilometer pro Stunde auf Radwegen fahren dürfen, eine Nutzung auf Fußwegen ist verboten.

Der Unfallforscher mahnt aber auch, ein gewisses Maß an Toleranz für Unfälle und Probleme sei nötig. "Wir verbieten ja auch nicht das Fahrradfahren, nur weil es Fahrradunfälle gibt."

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 13. Juni 2019 | 17:15 Uhr