Geldbörsen-Experiment Menschen sind ehrlicher als gedacht

Sie finden einen Geldbeutel. Darin sind Geld und eine Adresskarte. Geben Sie den Geldbeutel zurück? Und was denken Sie, würden andere das Portemonnaie zurückgeben? Die Ergebnisse einer weltweiten Studie überrascht selbst die Forscher.

Geldscheine, Schlüssel, Visitenkarten und ein Notizzettel 2 min
Bildrechte: Christian Zünd/ Universität Zürich

Sie finden einen Geldbeutel. Darin sind etwas Geld und eine Adresskarte. Wie würden Sie sich entscheiden? Geben Sie den Geldbeutel zurück? Oder behalten Sie das Geld und machen sich einen Bunten? Das wollte ein internationales Forscherteam herausfinden und hat überall auf der Welt Geldbeutel verteilt: 17.000 Stück in 40 Ländern. Dabei haben sie Überraschendes herausgefunden, erzählt Christian Zünd, Ökonom der Uni Zürich und Mitautor der Studie:

Ursprünglich war unsere Idee, dass wir Brieftaschen haben mit Geld und Brieftaschen ohne Geld. Und weil wir Ökonomen sind, haben wir dann erwartet, dass die Leute das Geld stehlen werden. Und wir waren dann selbst überrascht, dass überall die Wahrscheinlichkeit größer ist, dass die Brieftasche zurückkommt, wenn da Geld drin ist, als wenn kein Geld drin ist.

Christian Zünd, Uni Zürich

Die Erklärung dahinter wirft ein angenehm positives Licht auf uns Menschen. Ein Faktor ist, vermuten die Forscher, dass wir Menschen gerne helfen möchten. Der Eigentümer soll sein Geld wieder bekommen. Faktor Nummer zwei hat mehr mit uns selbst zu tun: Wir wollen uns nicht wie Diebe fühlen.

Seniorin zählt Kleingeld im Portemonnaie.
Wann fühlt es sich nach Stehlen an? Bildrechte: imago images/Joko

Wir haben da Experimente gemacht in drei verschiedenen Ländern, wo wir den Leuten so eine Brieftasche gezeigt haben mit dem verschiedenen Inhalt und sie dann gefragt haben, ob es sich wie Stehlen anfühlen würde, wenn sie das nicht zurückgeben.

Christian Zünd

Das Ergebnis dieser Experimente zeigte, so Christian Zünd, dass es sich bei Brieftaschen ohne Geld nicht wie Stehlen anfühlte. "Wenn etwas Geld drin ist, so 10 Euro, dann fühlt sich das plötzlich wie Stehlen an. Wenn richtig viel Geld drin ist, gegen 100 Euro, dann fühlt es sich halt so richtig wie Stehlen an."

Gab es länderspezifische Ergebnisse?

Die Rückgabequote war insgesamt sehr unterschiedlich: Bei Geldbörsen ohne Geld waren die Schweizer am ehrlichsten, bei größeren Geldbeträgen Dänen, Schweden und Neuseeländer. Deutschland lag bei Börsen ohne Geld an 9., bei Börsen mit Geld an 11. Stelle. Außerdem haben die Forscher beobachtet: Länder mit hohem ökonomischen Entwicklungsstand hatten eine sehr hohe Rücklaufquote, ärmere Länder tendenziell eine niedrigere. Auch kulturelle Komponenten spielen eine Rolle: In Kulturen, in denen traditionell mit Fremden interagiert und verhandelt werden muss, war die Rücklaufquote deutlich höher, als da, wo sich lange Zeit Interaktionen in Familien oder im Klan abgespielt haben.

Wir denken schlecht von anderen

Die Wissenschaftler haben noch etwas anderes Interessantes herausgefunden. Erinnern Sie sich an die Frage am Anfang? Würden Sie den Geldbeutel zurückgeben? Sicherlich, oder? Aber wie sieht es mit den anderen aus? Das Forscherteam hat genau das gefragt. Das Ergebnis: Die Mehrheit der Befragten geht davon aus, dass Andere das Geld behalten würden. Die Studie dagegen zeigt, dass rund die Hälfte der Brieftaschen zurück kam.Trotzdem scheint es so, dass die Menschen eigentlich viel zu negativ über andere denken, wenn es um Ehrlichkeit geht.

Was machen wir mit der Erkenntnis?

Was macht man jetzt mit diesen Erkenntnissen? Christian Zünd sagt: Anwenden. Wenn man möchte, dass Menschen ehrlich sind, muss man sie bei der Ehre packen. Zum Beispiel bei Formularen soll der Satz: "Ich versichere, dass alles richtig ist", ganz oben stehen. Studenten sollen vor einem Test einen Ehrenkodex unterzeichnen. Dann wird's schwierig mit dem Selbstbild, wenn man trotzdem schummeln möchte.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 21. Juni 2019 | 07:50 Uhr