Ein Teller voller Würfelzucker
Bildrechte: IMAGO

Mahlzeit! Studie: Eltern unterschätzen Zuckergehalt

Eltern wissen: Kinder zuckerarm zu ernähren, ist nicht leicht, selbst wenn man beim Kauf vorher die Inhaltsstoffe von Lebensmitteln studiert. Das Max-Planck-Institut hat Eltern schätzen lassen, welche Lebensmittel wieviel Zuckerstückchen enthalten. MDR Wissen-Redakteur Albrecht Wagner hat nachgefragt, wobei sich am meisten verschätzt wird.

von Albrecht Wagner

Ein Teller voller Würfelzucker
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Als die Natur uns zu Zuckerfressern gemacht hat, ging es einfach nur ums Überleben: Rauf auf den Baum und so viel süße Früchte in sich reinstopfen, wie es geht - wer weiß, wann man wieder mal welche ergattert. Was die Natur nicht auf dem Schirm hatte, dass es irgendwann einmal Zucker im Überfluss geben würde. Nur sagt der Körper nicht von sich aus Stopp - das muss der Kopf tun, doch dazu muss er genau das lernen.

Die Zuckergewöhnung

Die Gewöhnung an Süßes beginnt im Kindesalter. Das Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung hat untersucht, ob Eltern wissen, wie viel Zucker in den Lebensmitteln ihrer Kinder steckt. Studienleiterin Mattea Dallacker sagte im Gespräch mit MDR Wissen:

Nur wenn Eltern wissen, wie viel Zucker in Lebensmitteln enthalten ist, können sie auch den Zuckerkonsum von Kindern kontrollieren und beobachten.

Mattea Dallacker

Die Studie des Max-Planck-Instituts belegt: Eltern unterschätzen den Zuckergehalt massiv. Ein Grund dafür sind falsche Vorstellungen, die sich in den Köpfen festgesetzt haben. Mattea Dallacker beschreibt einen "Klassiker" unter den Ernährungs-Irrtümern: "Die größten Abweichungen gab es bei Lebensmitteln, die ein gesundes Image haben, also zum Beispiel der Fruchtjoghurt, den wir hatten, und den Orangensaft. Hier haben 80 Prozent der Eltern die Zuckermengen unterschätzt, um durchschnittlich sieben Zuckerwürfel."

Was enthält wie viel Zucker?
Lebensmittel Zuckerwürfel Eltern / unterschätzte Zuckerwürfelzahl
Orangensaft 330 ml 10 85 % der Eltern schätzen 7 zu wenig
Coca-Cola, 330ml: 11,5 56 % der Eltern schätzen 5 zu wenig
Tiefkühlpizza Hawaii, 350g: 6,5 68 % der Eltern schätzen 4 zu wenig
Fruchtjoghurt (Erdbeere), 250g 11 92 % der Eltern schätzen 7 zu wenig
Müsliriegel (Schoko-Banane) 25 g 2,5 30% der Eltern schätzen 1 zu wenig
Tomaten Ketchup 20 ml 1,5 26 % der Eltern schätzen 1 zu wenig

An der Studie nahmen 305 Eltern-Kind-Paare mit Kindern im Alter von sechs bis zwölf Jahren teil.

Was ist gesünder: 0,3 Liter Cola oder 250 Gramm Fruchtjoghurt?

Vom Zuckergehalt her macht das keinen Unterschied: 11,5 Würfelzucker stecken in der Cola - 11 im Fruchtjoghurt. Aber wer weiß das schon? Dieses fehlende Wissen hat für die Kinder fatale Folgen. Die Max-Planck-Wissenschaftler um Mattea Dallacker haben in einem zweiten Schritt den Zusammenhang zwischen Fehleinschätzung und Übergewicht der Kinder untersucht: "Die Eltern, die die Zuckermengen im Schnitt unterschätzt haben, hatten mit einer doppelt so hohen Wahrscheinlichkeit ein Kind mit Übergewicht im Vergleich zu Eltern, die die Zuckermengen eher überschätzt haben."

Zucker - bestmöglich versteckt auf der Inhaltsangabe

Was die Studie auch zeigt: Gebildete Elternhäuser sind genauso betroffen wie bildungsferne. Jeder, der schon einmal versucht hat, auf Lebensmittelverpackungen den Zuckergehalt herauszubekommen, weiß, wie vertrackt das Problem ist: Man muss aus Tabellen Zahlen suchen und umrechnen, und häufig erstmal herausfinden, hinter welchen Fachbegriffen Zucker steckt, wie Matea Dallacker erklärt: "Polydextrose, Maltit, Zyclomat und so weiter... Ich glaube, es gibt 70 verschiedene Bezeichnungen für Zucker und Zuckeraustauschstoffe."

Andere Länder, bessere Aufklärung

Nähwerttabelle auf einer Lebensmittelverpackung.
Nicht auf allen Lebensmitteln sind die Inhaltsstoffe so eindeutig benannt. Bildrechte: IMAGO

Andere europäische Länder sind Deutschland weit voraus, was die Kennzeichnung der Inhaltsstoffe angeht, weiß Mattea Dallacker. In skandinavischen Ländern gibt es ein sofort erkennbares grünes Symbol auf gesunden Lebensmitteln, das Produkte mit weniger Fett, Zucker und Salz kennzeichnet, erklärt die Forscherin: "Dieses Symbol bekommen Nahrungsmittel, die als gesund eingestuft werden."

Sie zeigen deutlich, ob ein Joghurt im Vergleich zu anderen Joghurts im Supermarktregal viel oder wenig Zucker enthält. In Deutschland fehlen diese klaren Kennzeichnungen noch. Über eine Lebensmittel-Ampel wird zwar immer wieder diskutiert - durchgesetzt hat sie sich bisher nicht.

Kann die Studie etwas bewirken?

Mattea Dallacker hofft auf einen "Hallo-Wach-Effekt" durch ihre Studie: "Natürlich hoffen wir, dass auch politische Entscheidungsträger darauf aufmerksam werden und das Problem quasi verstehen, das wir zur Zeit haben." Klare Informationen für Eltern sind ein Schritt, das Zuckerproblem nachhaltig zu bekämpfen. Was jeder einzelne tun kann, ist Selbermachen: Wer Früchtejoghurt selbst anrührt, hat es im wahrsten Sinne des Wortes in der Hand, wie viel Zucker tatsächlich im Joghurt steckt.

Wie macht man es denn nun richtig?

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) rät: Der Zuckerkonsum bei Kindern und Erwachsenen sollte pro Tag nicht mehr als zehn Prozent der täglichen Energiezufuhr ausmachen. Konkret: Für Erwachsene bedeutet das, etwa 16 Zuckerwürfel à 3 Gramm Zucker; für Kinder zwischen sieben und zehn Jahren etwa 15. In Deutschland konsumieren sowohl Kinder als auch Erwachsene täglich fast doppelt so viel wie empfohlen.

Würfelzucker
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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | Radio | 07. März 2018 | 07:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. März 2018, 18:40 Uhr