Grafik zum Thema um wieviel die Zahl der Organspender seit 2010 zurückgegangen ist.
Bildrechte: Lars Weise/MDR SACHSEN-ANHALT

Organspende Alle wollen es, die wenigsten tun es

Wenn der Fernseher kaputt ist, holen Sie sich einen neuen. Bei der Mikrowelle genauso. Aber wie ist es bei Ihrer Lunge oder der Leber? Da wird's schwierig. Da sind Sie auf eine Organspende angewiesen. Organe spenden wollen zwar fast alle, aber die wenigsten tun es wirklich.

von Karsten Möbius

Grafik zum Thema um wieviel die Zahl der Organspender seit 2010 zurückgegangen ist.
Bildrechte: Lars Weise/MDR SACHSEN-ANHALT

80 Prozent aller Deutschen sind für die Organspende. Das ist großartig. Die Wirklichkeit sieht allerdings anders aus. Wenn sie eine Lunge oder eine Leber brauchen, dann gute Nacht. Die Wartezeiten sind enorm - und viele auf der Warteliste sterben einfach, sagt Axel Rahmel von der Deutschen Gesellschaft für Organspende. Da man eine Niere durch die Dialyse eine gewisse Zeit ersetzen kann, weiß man, wie lange Patienten warten müssen.

Da sind die Wartezeiten von sechs bis sieben Jahren in Deutschland. Das ist enorm lang, wenn sie das mit Norwegen vergleichen, mit den Niederlanden vergleichen, wo die Wartezeiten zwischen ein und zwei Jahren liegen.

Dr. Axel, Rahmel, Medizinscher Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation/DSO

In Deutschland spenden zehn von einer Millionen Einwohner Organe. In Österreich oder Spanien sind es 15 oder 20. Also fast doppelt so viel. Das sind Länder, in denen man einer Organspende nicht zustimmen muss, wie bei uns.  Dort gilt man automatisch als Spender, außer man widerspricht, Es geht also um eine aktive Entscheidung. 80 Prozent der Deutschen sind für Organspende, aber nur jeder Dritte hat einen Organspenderausweis. Darüber sollte man sich Gedanken sagt Prof. Paolo Fornara, Transplantationsmediziner am Uniklinikum Halle: Und zwar ganz grundsätzlich. Bevor es soweit ist.

Paolo Fornara
Bildrechte: Universitätsklinikum Halle

Und sie müssen sich vorstellen, dass es extrem schwierig ist für die Mutter eines 17 Jahre alten Motorradunfallopfers, in einem Atemzug zu erfahren, dass der Sohn hirntot ist und dass er möglicherweise als Organspender in Frage kommt. 

Prof. Paolo Fornara, Transplantationsmediziner am Uniklinikum Halle

Da ist es natürlich wichtig zu wissen: was hätte mein Angehöriger gewollt? Es geht nicht darum, dass jeder Organspender werden soll, sagt Axel Rahmel von der Deutschen Gesellschaft für Organspende. Es geht darum, dass man sich rechtzeitig überlegt, wie man zum Thema Organspende steht.    

Es ist wichtig, dass sich jeder mit der Frage auseinandersetzt, sich eine eigene Meinung bildet und dann diese eigene Meinung möglichst schriftlich, sei es in der Patientenverfügung, sei es auf dem Organspendeausweis, oder mündlich äußert - so dass die Angehörigen Bescheid wissen.

Dr. Axel, Rahmel, DSO

Wenn man das besprochen hat, dann bleibt im entscheidenden Moment keine Ratlosigkeit, kein Zweifel. Was dann noch bleibt, sind strukturelle Probleme in den Krankenhäusern, so Rahmel. “Bei der enormen Leistungsverdichtung kann‘s auch einfach in den Kliniken, dem knappen Personal passieren, dass selbst bei motivierten Mitarbeitern die Situation einfach übersehen wird.“

Dadurch wird etwa die Hälfte der potentiellen Organspender übersehen. Das ist dramatisch. Denn es geht nicht nur um die Spender selbst, sondern vor allen um die, die die Organe brauchen. Jeder Organspender, von dem alle Organe transplantiert werden können, schenkt den Menschen, die auf der Wartleiste stehen, 60 neue Lebensjahre.

Dr. Axel, Rahmel, DSO

Wenn es um die Bereitschaft zur Organspende geht, dann geht es für Axel Rahmel nicht um Gesetze, um Kapazitäten in Krankenhäusern, um Organspendeskandale. Sondern es geht darum, welche Rolle, welche Wertschätzung Organspende in der Gesellschaft erfährt. Nur das wird nämlich die Antwort im Krankenhaus von Eltern und Angehörigen im schwierigsten Moment ihres Lebens bestimmen, wenn der Arzt kommt und fragt: Dürfen wir ihren Angehörigen als Organspender nutzen? 

Über dieses Thema berichtet der MDR im Fernsehen: LexiTV | 02.06.2017 | 15:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. Juni 2018, 13:25 Uhr