Epigenetik Es gibt das Erfolgs-Gen(om)!

Forscher nennen das Erfolgs-Gen allerdings anders: Sie sagen dazu Epigenom. Angelernte Eigenschaften - egal ob positiv oder negativ - werden im Epigenom weitergegeben und zwar bis zur vierten Generation! Das haben Schweizer Forscher jetzt an Mäusen nachgewiesen.

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Der eigene Erfolg hat auch etwas mit unseren Vorfahren zu tun. Bildrechte: IMAGO

Nur relativ wenige Menschen kennen ihre Urururoma oder ihren Uropa gut. Schade eigentlich, denn es wäre wirklich interessant mehr über sie zu wissen. Denn wir haben von ihnen einiges geerbt: zum Beispiel die Fähigkeit mit Stress umzugehen, Freude zu empfinden, erfolgreich zu sein, sagt Elisabeth Binder. Sie ist Direktorin am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München.

Wir wissen, wenn wir die Funktion von Zellen langanhaltend verändern wollen, müssen wir auch unser Erbgut verändern. Das geht aber nicht, indem wir die Sequenz der DNA verändern - die sogenannte Genetik - sondern da gibt es sozusagen darüber einen zusätzlichen Mechanismus, den man Epigenetik nennt.

Dr. Elisabeth Binder, Max-Planck-Institut für Psychiatrie
Eine Gruppe Kinder spielt in den Trümmern einer zerstörten Stadt im Deutschland der Nachkriegszeit.
Die Traumata der Kriegskinder-Generation werden noch über Generationen weiter vererbt. Bildrechte: dpa

Die Epigenetik ist eine Art kleine Schwester der Genetik. Als Teil der DNA steuere sie die Gene - sie entscheide, ob ein Gen ein- oder ausgeschaltet wird. Anders als die Gene ist die Epigenetik aber nicht so festgelegt, sondern kann sich auch mal verändern. Das hängt ganz davon ab, was ein Mensch erlebt. Wenn Kinder beispielsweise Zeuge von Gewalt zwischen den Eltern sind oder es zu emotionalen Misshandlungen kommt, dann entwickeln sich Veränderungen in Bereichen in einem Teil der Hirnrinde, die für das Ich-Erleben wichtig sind, erklärt Binder.

Durch diese traumatischen Erlebnisse wird demnach nicht das Genom, sondern das Epigenom verändert. Die Neurologie-Professorin Isabelle Mansuy vom Institut für Neurowissenschaften in Zürich vergleicht das mit einem Buch und seinem Leser.

Das Genom ist ein Code - wie ein Buch mit vielen Informationen - und das Epigenom sind die Leute, die das Buch lesen. Es gibt viele Wege ein Buch zu lesen und auch viele Kopien von einem Buch.

Prof. Isabelle Mansuy, Neuroscience Center Zürich

Ähnlich wie bei den vielen Buch-Kopien gibt es auch viele Wege mit einer Situation umzugehen. Der eine gerät in Stress, wenn er in ein Flugzeug steigt, der andere bleibt völlig entspannt. Das liegt an den Erfahrungen der Generationen davor, also am Epigenom sagen die Forscher.

Die Schweizer Neurologin wollte wissen, wie lange traumatische Erlebnisse  an andere Generationen weiter gegeben werden. Sie untersuchte dafür das Epigenom von vier Mäusegenerationen. In der ersten Generation trennte sie regelmäßig die Mütter von ihrem Nachwuchs. Die darauffolgenden Generationen ließ sie in Ruhe aufwachsen.

Das Ergebnis: "Wir haben demonstriert, dass ein frühes Trauma Effekte auf die Epigenetik hat", sagt Mansuy. Und das werde sogar bis zur vierten Generation weiter gegeben. Die Mäuse in allen Generationen zeigten ein verändertes Sozialverhalten und hatten depressionsähnliche Zustände.

Wir haben viele epigenetische Faktoren im Blut im Gehirn identifiziert und wir haben die Effekte im Sozialverhalten durch alle Generationen gesehen. Nun wollen wir schauen, ob das genauso im Menschen passiert. Das ist sehr wichtig für psychische Erkrankungen wie zum Beispiel Borderline-Persönlichkeitsstörungen.

Prof. Isabelle Mansuy, Neuroscience Center Zürich

Doch nicht nur traumatische Erlebnisse und daraus resultierendes Verhalten werden vererbt, sondern auch die Fähigkeit, gelassen mit Stress umzugehen und ihn positiv zu sehen. Und natürlich die Fähigkeit, Erfolg zu haben. Das ist allerdings nicht Gegenstand der Forschung, denn glückliche Menschen brauchen in der Regel keine Therapie. 

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 20. Juli 2018 | 09:52 Uhr

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Ein Mann und Dr. Elisabeth Binder 9 min
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