Fetales Alkoholsyndrom Ich, das Kind aus der Schnapsflasche

Jede Frau weiß, dass Alkohol während der Schwangerschaft tabu sein sollte. Trotzdem trinken etwa 30 Prozent aller werdenden Mütter in Deutschland Alkohol - zum Teil mit dramatischen Folgen für die Kinder. Jedes Jahr kommen bei uns mindestens 10.000 Neugeborene mit Alkoholschäden zur Welt. Eines davon ist Grit Wagner aus Sachsen. Jetzt hat sie ihre Geschichte aufgeschrieben.

von Wissenschaftsredakteur Karsten Möbius

Grit Wagner, FASD Patientin
Bildrechte: MDR / Karsten Möbius

Werdende Mütter, die trinken, riskieren eine Menge. Sie nehmen Kinder in Kauf mit kleineren Köpfen, also kleineren Gehirnen, Kinder mit sogenannten Säufergesichtern, Kinder mit Wachstumsstörungen, Kinder mit funktionellen Organstörungen. Das ist die Ausprägung des sogenannten Fetalen Alkoholsyndroms - FASD. Oft stellt sich das Krankheitsbild sehr unterschiedlich dar. Das hängt wahrscheinlich davon ab, wie viel wann - also in welchem Zeitraum der Schwangerschaft - getrunken wurde. Weit verbreitet ist die Meinung, dass mal ein Glas nicht schadet. Mediziner sehen das anders:

Es gibt keine Menge Alkohol, die wir als unbedenklich einschätzen würden.

Dr. Roland Haase, Kinderarzt am Universitätsklinikum Halle

Dr. Daniel Clauß, Kinder- und Jugendpsychiater, bestätigt das. "Es gibt Untersuchungen, die auch schon nachgewiesen haben, dass sozusagen minimaler Alkoholkonsum während der Schwangerschaft auch schon zu einer Symptomatik eines fetalen Alkoholsyndroms führen kann."

Das Schicksal einer FASD-Patientin

Grit Wagner ist jetzt 42 - sie leidet unter dem Fetalen Alkoholsyndrom. Sie hat die 8. Klasse der Förderschule besucht, hat eine 2-jährige Lehre als Stationsgehilfin hinter sich, kann aber aus gesundheitlichen Gründen nicht in diesem Beruf arbeiten. Ihr Krankheitsbild ist nicht dadurch entstanden, dass ihre Mutter gelegentlich mal ein Glas getrunken hat. Ihre Mutter war Alkoholikerin. Sie trank,, während Grit unterwegs war, 6-8 Flaschen Bier am Tag und eine Flasche Cognac. Die Folgen: Grit hat einen Augenfehler, Knochen- und Gelenkerkrankungen, und zudem hat sich bei ihr ein Hirntumor entwickelt. Gutartig, zum Glück.

Grit Wagner, FASD Patientin
Bildrechte: MDR / Karsten Möbius

Grit Wagner kämpft sich durchs Leben

In ihrem Bad hängen Zettel, die sie an die Reihenfolge der Morgentoilette erinnern, in ihrem Wohnzimmer sind die Wände voller Fahrpläne. Mit über 40 lernt sie allein mit Bus und Bahn zu fahren. Aber sie lebt allein in einer kleinen Wohnung - unterstützt von einer Betreuerin und einem Pflegedienst. Das ist nicht selbstverständlich, sagt Dr. Daniel Clauß: "Wir wissen, dass viele Menschen mit so einem Störungsbild gar keine Selbständigkeit erreichen. Dass die sozusagen von Kind an immer eine Unterstützung benötigen und es leider nicht schaffen, ihre Wege im Alltag allein zu gehen."

Die Eltern von Grit Wagner sind schon vor Jahren an Leberzirrhose gestorben. Im Moment beschäftigt sie sich mit ihrer Familiengeschichte. Wenn Grit Wagner an ihre Mutter denkt, dann überkommt sie keine Wut, sondern nur tiefe Traurigkeit.

Meine Wut gilt dem Getränk, nicht meiner Mutter.

Grit Wagner, FASD-Patientin

Grit Wagner hat ein Buch über das Fetale Alkoholsyndrom geschrieben ("Ich, das Kind aus der Schnapsflasche", COGITARE VERLAG), obwohl Buchstaben und Zahlen nichts für "FASD-ler" sind - wie sie sich und ihre Leidensgenossen bezeichnet. Grit Wagner will über das Krankheitsbild informieren. Für alle, die unter diesem Krankheitsbild leiden, gibt es nur bedingt Hilfe. Die meisten Symptome sind nur schwer zu behandeln. Deshalb hat Grit Wagner eine wichtige Botschaft an werdende Mütter: Kein Alkohol während der Schwangerschaft. Auch nicht ein wenig Alkohol.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 18. September 2017 | 07:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. März 2019, 13:25 Uhr