Krankheit Fettleibigkeit: Adipöse Menschen schätzen sich 23 Kilo dünner ein

Menschen mit Übergewicht schätzen sich viel dünner ein, als sie wirklich sind. Das ist das Ergebnis einer Studie von Forschern und Forscherinnen aus Schweden. Sie haben untersucht, wie sich die Wahrnehmung des eigenen Körpers auf die Regulierung des Gewichts auswirken kann.

Eine übergewichtige Frau sitzt an der National Mall in Washington DC 3 min
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MDR AKTUELL Mo 07.09.2020 09:16Uhr 02:50 min

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Wahrnehmung ist bekanntlich eine Frage der Perspektive, Selbst- und Fremdbild stimmen oft nicht überein. Die Wahrnehmung des eigenen Körpers gehorcht dabei besonderen Gesetzen. Dies zeigt sich besonders stark bei Über- und Untergewicht. Magersüchtige Menschen nehmen sich vor dem Spiegel als Normalgewichtige wahr, sie erkennen nicht, wie ausgemergelt sie sind, dass die Knochen hervorstehen und ihr Gesicht einfällt. Die verzerrte Körperwahrnehmung bei Magersucht stellt die Wissenschaftler weltweit noch immer vor große Rätsel.

Doch auch extrem übergewichtige Menschen, fettleibige Menschen scheinen an einer verzerrten Körperwahrnehmung zu leiden. Sie nehmen sich umgekehrt viel dünner wahr als sie wirklich sind. Diese verzerrte Wahrnehmung kann dazu führen, dass adipöse Menschen weniger motiviert sind, abzunehmen. Das ist das Ergebnis einer Langzeitstudie aus Schweden, die gerade auf dem Internationalen Kongress über Adipositas (ECOICO 2020) vorgestellt wurde.

Adipositas (Fettleibigkeit) Laut Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation (WHO) liegen die BMI-Werte bei Normalgewicht zwischen 18,5 und 24,9. Ab einem Body-Mass-Index von 25 spricht man von Übergewicht und ab 30 von Adipositas (Fettsucht).

Ein übergewichtiger Junge steht am 06.06.2015 am Badesee Nordstrand in Erfurt (Thüringen) am Wasser.
Immer mehr Kinder und Jugendlichen werden adipös. Davor warnen regelmäßig Ärzte, Verbände, Krankenkassen und Gesundheitsorganisationen. Bildrechte: dpa

Über 2.000 adipöse Menschen über zehn Jahre befragt

Die Forscher und Forscherinnen haben über einen Zeitraum von zehn Jahren mehr als 2.000 adipöse Personen befragt. "Menschen mit Adipositas leiden oft unter einer Körperbildverzerrung, da sie dazu neigen, ihre eigene Körperfülle zu unterschätzen", erklärt Autorin Verena Parzer vom Krankenhaus Rudolfstiftung Wien. "Dies führt dazu, dass die Menschen weniger unzufrieden mit dem eigenen Körper sind und infolgedessen auch weniger Motivation haben abzunehmen."

Befragte bestimmten ihre Körperform auf einer Silhouetten-Skala

Die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen verglichen die Aussagen der Probanden, ob ein Unterschied in der Körperbildwahrnehmung besteht, zwischen "Gewichtsgewinnern" und "Gewichtserhaltern". Dabei wurden die Teilnehmer jedes Jahr gebeten, ihre eigene Körperfigur mit Hilfe von neun Silhouettenzeichnungen auf einer bestehenden Stunkard-Skala zu bestimmen. Anschließend berechneten die Wissenschaftler den  Körperwahrnehmungsindex (BPI). Dabei teilten sie den geschätzten Body-Mass-Index (BMI) durch den tatsächlichen BMI. Von den Befragten waren knapp drei Viertel Frauen im Durchschnittsalter von 49 Jahren. Niemand unter den Studienteilnehmern war mit einer OP der Magen verkleinert worden.

Teilnehmer schätzen sich 21 Kilogramm dünner ein

Die Ergebnisse zeigten, dass sich alle Befragten viel dünner und schlanker wahrnahmen, als sie es eigentlich waren. Diejenigen Teilnehmer, die im Befragungszeitraum noch zugenommen hatten, unterschützen ihr Gewicht besonders signifikant. Schon nach drei Jahren schätzten sie ihre tatsächliche Körperfülle um etwa 21 Kilogramm geringer ein. Das entspricht etwa 7,5 BMI-Einheiten. Die Teilnehmer, die Gewicht verloren hatten, verschätzten sich weniger stark, nahmen sich jedoch trotzdem noch um etwa 17 Kilogramm (6 BMI-Punkte) dünner wahr.

übergewichtige Familie, auf einer Bank sitzend
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Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine Verzerrung des Körperbildes mit der Regulierung des Körpergewichts in Verbindung gebracht werden kann.

Magdalena Taube Co-Autorin von der Universität Göteborg, Schweden

Die Fehlwahrnehmung der Befragten stieg den Forschern zufolge im Laufe der Studie jedoch nicht überproportional an. Die Fehlwahrnehmung des eigenen Körpers korrigierte sich sogar bei den "Gewichtserhaltern" ein wenig. Sie nahmen sich noch um etwa 15 Kilogramm dünner war. Bei denjenigen, die weiter zunahmen, verschärfte sich jedoch die verzerrte Körperwahrnehmung noch. Sie unterschätzten ihr Gewicht um durchschnittlich acht BMI-Einheiten. Das entspricht insgesamt 23 Kilogramm.

Assoziationen geben keine Hinweise auf Ursache und Wirkung

Autoren räumen ein, dass die Ergebnisse ihrer Studie Assoziationen zeigen. Damit könnten keine Schlussfolgerungen über Ursache und Wirkung gezogen werden. Zudem verwiesen sie, dass die Skalen zur Bewertung der Körperfülle möglicherweise nicht groß genug sind, um Menschen mit schwerer Adipositas darzustellen.

Adipöse Menschen warten lange, ehe sie sich Hilfe suchen

Menschen mit Fettleibigkeit nehmen also nicht nur oft nicht ab, weil sie nicht können. Sie nehmen sich schlichtweg weniger dick wahr, als sie eigentlich sind. Doch es gibt noch einen weiteren Grund, warum es ihnen schwer fällt abzunehmen. Adipöse Menschen warten lange, ehe sie sich Hilfe suchen. Wie die Analyse einer globalen Adipositas-Studie jetzt zeigte, haben adipöse Menschen aus Großbritannien durchschnittlich neun Jahre gewartet, bis sie sich gesundheitliche oder medizinische Hilfe suchten. Das ist länger als im weltweiten Durchschnitt, hier sind die Menschen schon nach sechs Jahren zum Arzt gegangen.

Dicke Frau im Nachthemd beißt in einen Burger.
"So dick bin ich doch gar nicht": Die verzerrte Wahrnehmung führt bei vielen übergewichtigen Menschen zu einer mangelnden Motivation abzunehmen. Bildrechte: Colourbox.de

Die Autoren sagen: "Die britischen Gesundheitsversorger unterschätzen die Auswirkungen der Adipositas auf die Gesundheit", schrieben die Forscher der Studie. "Nur wenige glauben zudem, dass ihre Patienten motiviert sind, Gewicht zu verlieren." Zudem sei in Großbritannien die Zeit vom ersten Gespräch bis zur Behandlung überdurchschnittlich lang gewesen. Die verzögerte medizinische Betreuung erhöhe das Risiko für adipöse Menschen, Krankheiten zu entwickeln, noch viel stärker.

"Das Verständnis und die Wahrnehmung von Adipositas müssen sich in der gesamten Gesellschaft ändern", erklären die Autoren. Der Schwerpunkt solle weniger auf die individuelle Verantwortung fokussieren, die Stigmata fördern. Vielmehr sollte sich auch mit den Gründen für Fettleibigkeit beschäftigt werden sowie den Barrieren, die adipösen Menschen beim Abnehmen im Weg stehen.

Adipositas / Fettleibigkeit - eine Epidemie Adipositas gilt als Zivilisationskrankheit. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Adipositas bereits epidemische Ausmaße erreicht. Weltweit sterben mindestens 2,8 Millionen Menschen jährlich an den Folgen von Übergewicht und Fettsucht. Nach Schätzungen sind Europa knapp ein Viertel aller Frauen und Männer adipös. In Deutschland gilt die Hälfte der Erwachsenen als übergewichtig. Fast ein Viertel der Deutschen sind sogar krankhaft übergewichtig.

Zudem sind schon 15 Prozent der Kinder und Jugendliche übergewichtig. Sechs Prozent gelten sogar bereits als adipös. Gerade erst hatte die Kaufmännische Krankenkasse vor einem starken Anstieg von Adipositas bei Kindern und Jugendlichen gewarnt. "Wir beobachten diese Entwicklung voller Sorge“, hieß es. „Jeder fettleibige Heranwachsende, hat ein hohes Risiko, spätestens als Erwachsener zu erkranken.“

Übergewicht und Adipositas sind laut WHO wichtige Risikofaktoren für eine Reihe chronischer Krankheiten wie Diabetes, Schlaganfall,  Krebs, Arteriosklerose, Gicht, Fettleber und Fettstoffwechselstörungen, weiter Rücken- sowie Gelenkerkrankungen. Hinzu komme eine geringere Lebenserwartung vergleichbar wie die der Raucher. Die WHO weist zudem darauf hin, übergewichtige Menschen Vorurteilen und Stigmatisierungen ausgesetzt sind.

In den vergangen Jahren wurde im Zusammenhang mit Adipositas auch immer wieder die weltweite Nahrungsmittelindustrie thematisiert. In vielen Produkten steckten versteckte Zucker und Fette, lautete die Kritik. Zudem ist vor allem einkommensschwachen Menschen oft der Zugang zu gesunden Lebensmitteln erschwert.

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