Fortschritt bei Krebstherapie Forscher entdecken Schalter für Immunsystem

Neue Ära in der Krebstherapie: Gelingt es, das Immunsystem gezielt zu aktivieren, kann sich der Körper gegen Krebszellen und gefährliche Eindringlinge wehren. Für diesen Ansatz gab es in diesem Jahr den Nobelpreis für Medizin. Ein Forscherteam liefert nun neue Erkenntnisse über unsere Immunzellen. Die Wissenschaftler haben gewissermaßen den Schalter gefunden, um sie an- oder auszuschalten. Das eröffnet ganz neue medizinische Möglichkeiten.

T-Zellen
T-Zellen sind die Soldaten unseres Körpers. Bildrechte: IMBA – Institute of Molecular Biotechnology GmbH

Unser Immunsystem muss einiges aushalten: Denn ständig kommen wir mit Krankheitserregern in Kontakt. Diese Eindringlinge muss unsere körpereigene Armee dann abwehren. Das machen die sogenannten T-Zellen, erklärt Shane Cronin vom Institut für Molekulare Biotechnologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften – kurz IMBA:

T-Zellen sind die Soldaten unseres Immunsystems. Sie patrouillieren in unserem Körper und halten Ausschau nach Anzeichen für Probleme, sowie von Krankheitserregern infizierte Zellen oder unnormales Zellwachstum wie bei Krebs.

Shane Cronin, Zellbiologe

"Und wenn sie solche Gefahrensignale finden", so der Forscher weiter, "werden sie aktiv und sind bereit zu kämpfen und uns gesund zu halten. Im Allgemeinen sind T-Zellen in einem ruhenden Zustand. Wenn sie jedoch eine Gefahr sehen, werden sie aktiviert und sind bereit zu kämpfen."

Neues Molekül entdeckt

In einer neuen Studie, die die IMBA-Forscher zusammen mit dem Boston Children's Hospital in Harvard durchgeführt haben, zeigen sie jetzt Verblüffendes: Diese Soldatenzellen werden durch ein Molekül aktiviert, das eigentlich beim Stoffwechsel in unserem Nervensystem eine wichtige Rolle spielt - also in einem völlig anderem System unseres Körpers. Dazu Cronin: "Wir haben in dieser Studie ein neues Molekül namens BH4 gefunden, das in den T-Zellen für den Übergang vom ruhigen in den aggressiven Zustand wichtig ist. BH4 wurde bisher im Nervensystem untersucht, wo es eine wichtige Rolle bei der Produktion von Neurotransmittern wie Serotonin und Dopamin spielt. Aber wir haben jetzt eine komplett neue Rolle in einem völlig neuen Zelltypen gefunden."

Glückshormon hilft Immunzellen

Illustration - Glückshormone
Wie ein Dirigent: So sehen die Forscher den Glückshormon-Baustein BH4, den Ein- und Aus-Schalter für unser Immunsystem. Bildrechte: Tibor Kulcszar/ IMBA

Das Molekül BH4 als Baustein unserer Glückshormone Serotonin und Dopamin ist also gleichzeitig auch der Ein- und Aus-Schalter für unser Immunsystem, erklärt Erstautor Cronin. Die Forscher haben sich nach dieser Entdeckung genauer angeschaut, wie das Molekül BH4 in den T-Zellen unserer Immunabwehr wirkt: "Was wir also zeigen ist, dass für den Übergang von ruhigen zu aggressiven T-Zellen viel BH4 benötigt wird. Wir haben einen Weg gefunden, die Menge an BH4 zu reduzieren und daraufhin sind aggressive T-Zellen ruhiger geworden. Das ist sehr wichtig bei Krankheiten wie allergischen Entzündungen und Autoimmunerkrankungen wie Kolitis oder Asthma, da die T-Zellen hier ständig aggressiv sind. Aber indem wir das BH4 verringern, können wir das komplett stoppen."

Neuer Wirkstoff zähmt BH4-Molekül

Gemeinsam mit seinen Kollegen entwickelte der Zellbiologe Cronin nämlich bereits einen neuen Wirkstoff, der das BH4-Molekül hemmt und damit die Immunzellen gewissermaßen zähmt, wenn sie überreagieren oder sich gegen gesunde Zellen richten, wie es bei Autoimmunerkrankungen der Fall ist. Erste klinische Tests für das Medikament sollen schon in Aussicht stehen, so die Forscher. In anderen Fällen, ist genau der gegenteilige Effekt gefragt. So wie beispielsweise bei der Immuntherapie gegen Krebs, erklärt Cronin: "Bei Krebs will man, dass die T-Zellen besonders aggressiv sind. Und was wir tatsächlich gezeigt haben, ist, dass die T-Zellen durch die Erhöhung der BH4-Menge aggressiver waren und den Krebs viel aggressiver bekämpft haben."

Wie bei Mäusen so bei Menschen

Das hat in der Studie zumindest bei Mäusen funktioniert. Die Forscher sind aber zuversichtlich, dass das auch beim Menschen klappt. Ein entsprechendes Medikament gibt es sogar schon: BH4 ist bereits mit einem ganz anderen Verwendungszweck auf dem Markt. Es wird für die Behandlung einer angeborenen Stoffwechselstörung gegeben. Die Forscher können unsere körpereigenen Abwehrzellen jetzt also ganz gezielt ein- oder ausschalten.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 13. November 2018 | 06:50 Uhr