Fußball-Weltmeisterschaft 2018 Kopfsache Fußball: Was machen Kopfbälle mit dem Kopf?

Solche Szenen gibt es beim Fußball häufig: Weiter Abschlag ins gegnerische Feld, ein Abwehrspieler springt hoch und köpft den Ball zurück. Schon beim Zuschauen fragt man sich unwillkürlich: Tut das nicht weh? Bleiben da nicht Schäden? MDR-Wissenschaftsredakteur Johannes Schiller ist diesen Fragen nachgegangen.

Fabio Leutenecker (Chemnitzer FC) beim Kopfball
Beim Kopfball wirken enorme Kräfte auf den Schädel. Bildrechte: IMAGO

WM 2014 in Brasilien, Nachspielzeit im Finale Argentinien gegen Deutschland. Diese Szene behalten viele Zuschauer und auch ich im Kopf: Schweinsteiger und Aguero springen hoch zum Kopfballduell, der Argentinier trifft den Bayern mit dem Arm am Kopf. Unter Schweinsteigers rechtem Auge fließt das Blut nur so herunter. Diese Szene hat mir MDR-Kollege Thomas Kunze empfohlen. Er ist Sportreporter und kommentiert sonst als Live-Reporter die Bundesliga - und kennt solche Kopfball-Duelle.

Das kommt sehr, sehr häufig vor - an jedem Spieltag der Bundesliga - dass Spieler mit den Köpfen aneinanderrasseln. Und das geht dann von der Platzwunde bis zur Benommenheit. Bei diesen hochtrainierten Athleten wirken ja auch richtige Kräfte. Die sind schnell, die sind trainiert und wenn es dann unkontrolliert wird, wird es auch gefährlich.

Thomas Kunze, MDR-Sportreporter

Ich frage jemanden, der sich als Wissenschaftler mit dem Kopfball-Spiel beschäftigt: Claus Reinsberger, Professor für Sportmedizin an der Universität Paderborn. Und er bestätigt, was Sportreporter Thomas Kunze sagt.

Der Kopfball an sich hat eine nicht so hohe Wahrscheinlichkeit, eine Gehirnerschütterung auszulösen, sondern mehr das Duell um den Kopfball. Das ist sicherlich in dem Sinne der gefährlichere Teil.

Prof. Claus Reinsberger, Universität Paderborn

Dann spricht der Neurologe über ungeplante Kopfbälle - wenn ein Spieler zum Beispiel aus nächster Nähe regelrecht abgeschossen wird: "So ein Kopftreffer hat eine sehr viel höhere, vermutlich eine sechsfach höhere Wahrscheinlichkeit, dass ich irgendwelche Symptome mit dem Gehirn bekomme, als wenn ich einen bewussten Kopfball durchführe", sagt der Mediziner. Denn Profi-Spieler haben gut trainierte Nackenmuskeln und die schützen bei Kopfbällen.

Aber Reinsberger geht es nicht um die Zufallstreffer, sondern um die geplanten, die echten Kopfbälle.  Und ob die nicht vielleicht auf lange Zeit gesehen, gefährlich sein könnten für das Gehirn der Spieler. Obwohl es schon Dutzende wissenschaftliche Studien zu Kopfbällen gibt, fehlt aus Sicht des Neurologen bislang eine belastbare Antwort. Deswegen haben Reinsberger und Kollegen vergangenen Herbst mit einer neuen Studie begonnen.

Wir untersuchen Sportler relativ detailliert und genau. Mit neurologischen, neuropsychologischen und neurophysiologischen Tests und führen auch ein relativ aufwändiges Kernspin durch.

Prof. Claus Reinsberger, Universität Paderborn

Für die Studie werden vor allem Nachwuchsspieler des Hamburger SV untersucht. Nach den Tests kommen die Wissenschaftler mit ans Spielfeld. Jede Trainingseinheit und jedes Spiel werden ganz genau auf Video festgehalten. Dann wird bei jedem Kopfball angeschaut: Wie lange war der Ball in der Luft? Wo war die Aufprallfläche? In welchem Zusammenhang ist der Kopfball aufgetreten? Und das in jedem Training und in jedem Spiel, ergänzt Reinsberger. "Was recht aufwändig ist, aber hilft zu differenzieren, was Kopfbälle wirklich bewirken."

Nach anderthalb Jahren kommen die Spieler dann wieder in die Kernspin-Röhre. Ihr Gedächtnis und ihr Aufmerksamkeits-Vermögen werden geprüft. So wollen die Forscher begreifen, was in den Spieler-Hirnen vorgeht. "Was mich persönlich sehr überrascht hat: Dass Kopfbälle im Gehirn auf jeden Fall zu einer Reaktion führen, das konnten Forscher schon messen. Sie wissen nur nicht genau, was es bedeutet", sagt Rheinsberger:

Wenn Sie eine Veränderung im Gehirn sehen, die Sie nicht verstehen, gehen Sie erst mal davon aus, dass es nicht gut ist. Aber ob das nicht gut ist oder ob es eine Anpassung ist an die Reize, wie wir sie in anderen Organen auch immer sehen, gilt es herauszufinden.

Prof. Claus Reinsberger, Universität Paderborn

In zwei Jahren werden wir schlauer sein. Dann sollen die Studienergebnisse vorliegen. Immerhin im Jahr der nächsten Europameisterschaft.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 20. Juni 2018 | 15:25 Uhr