Gehirne im Tank US-Forscher halten Schweine-Gehirne außerhalb von Körpern am Leben

Eine Nachricht zwischen Sensation und Horror: US-Forschern ist es offenbar gelungen, die Gehirne von enthaupteten Schweinen in einer künstlichen Laborumgebung mehr als 36 Stunden am Leben zu erhalten.

Neues leuchtendes Gehirn in einem Karton
Ist es bald möglich, Gehirne zu transplantieren? US-Forscher haben gerade die Hirne von Schweinen außerhalb des Körpers 36 Stunden am Leben erhalten (Symbolbild). Bildrechte: imago/Ikon Images

Es ist eine faszinierende und zugleich doch reichlich gruselige Nachricht, die seit vergangener Woche durch die englischsprachigen Wissenschaftsmedien geht: Forschern an der US-Eliteuniversität Yale ist es gelungen, die Gehirne von enthaupteten Schweinen in einem Labor über 36 Stunden künstlich am Leben zu erhalten.

Nun wird heftig darüber debattiert, welche neuen Möglichkeiten für die Hirnforschung sich aus diesem Durchbruch ergeben und ob womöglich auch menschliches Leben in Frankenstein-Manier verlängert werden kann, sollte es einmal gelingen, menschliche Gehirne künstlich am Leben zu erhalten.

Keine Hinweise auf Bewusstsein

Nahaufmahme von Scheinen in einem Mastbetrieb
Schweine werden oft als Versuchstiere genutzt. Bildrechte: imago/Marius Schwarz

Bislang gibt es kein wissenschaftliches Papier über die Arbeit des Yale-Neurowissenschaftlers Nenad Sestan und seines Teams. Die Zeitschrift MIT Technology Review berichtete vergangenen Mittwoch aber über ein Treffen Ende März im nationalen Gesundheitsinstitut der USA (NIH), bei dem Sestan und seine Mitarbeiter ihren Durchbruch öffentlich machten.

Demnach haben die Forscher zwischen 100 und 200 Schweinegehirne von einem Schlachthof erworben. Mit einem System aus Pumpen, künstlichem Blut und einer Heizung, die alles auf Körpertemperatur erwärmt, sei es den Wissenschaftlern gelungen, den Stoffwechsel in den Organen wiederherzustellen. Dabei konnte auch die sogenannte Mikrozirkulation wiederhergestellt werden, bei der Sauerstoff durch die kleinsten Blutgefäße zu den Zellen transportiert wurde. Die Zellen hätten gesunde Aktivität gezeigt. Hinweise darauf, dass die Gehirne eine Art von Bewusstsein wiedererlangt hätten, habe es aber nicht gegeben, hieß es.

Gewebe in gutem Zustand

Die Yale-Forscher haben ihr System BrainEx genannt. Es ist in der Lage, die abgetrennten Hirne bis in ihre tiefsten Regionen hinein mit den lebenswichtigen Stoffen wie Sauerstoff zu versorgen. Dabei untersuchten die Wissenschaftler auch, ob die Gehirne möglicherweise auch Bewusstsein wiedererlangen. Mit einer Art EEG versuchten sie festzustellen, ob die Organe komplexe Aktivität entfalteten.

Erste Anzeichen davon erwiesen sich allerdings als die Ergebnisse von Messfehlern, die fraglichen Muster seien von Laborgeräten verursacht worden, berichtet MIT Technology Review. Stattdessen hätten die Gehirne die flachen Linien gezeigt, die aus komatösen Stadien bereits bekannt sind. Noch nicht ganz klar ist, ob dieser Zustand eine Folge von irreversiblen Beschädigungen der Organe war oder ob es an den vielen Chemikalien lag, die die Forscher der Nährflüssigkeit zugesetzt hatten, etwa um Schwellungen zu verhindern. Das Gewebe habe sich jedenfalls in einem überraschend guten Zustand befunden, so die Forscher.

Ziel: Atlas des Gehirns

Mit ihrer Forschung will die Yale-Gruppe einen Atlas des Gehirns erstellen, eine Art Karte der vielfältigen Verbindungen zwischen den Gehirnzellen. Oftmals erstrecken sich diese Linien über weite Regionen des Organs, laut den Forschern könnte man sie in einem intakten Gehirn wesentlich besser verfolgen, als bisher. Auch andere Wissenschaftler haben bereits Interesse angemeldet, Mediziner etwa hoffen, hier neue Mittel gegen Krebs testen zu können oder Alzheimer Medikamente, die noch zu gefährlich sind, um sie an lebenden Patienten zu verabreichen.

Forscher, die dem Vortrag von Sestan und seinen Kollegen bei der NIH zugehört haben, sagten hinterher, die Technik funktioniere wahrscheinlich auch für die Gehirne anderer Spezies, schließlich sei sie nicht speziell auf Schweine zugeschnitten. Schon heute ist es möglich, die Gehirne von Patienten im Koma über Jahrzehnte am Leben zu erhalten.

Werden Gehirntransplantationen möglich?

Bevor aber an menschlichen Gehirnen geforscht werden kann, müsse noch eine ganze Reihe von rechtlichen und ethischen Fragen geklärt werden. Dazu gehören unter anderem durchaus gruselige Szenarien wie "Gehirne im Tank": Was wäre, wenn eine Person das Bewusstsein außerhalb ihres Körpers wiedererlangt? Es ist eine Horrorvorstellung: Wären die Betroffenen dann gefangen in einem Gehirn ohne jeden sensorischen Reiz von Augen oder Ohren und ohne jede Möglichkeit sich mitzuteilen?

Fachkollegen gehen davon aus, dass ein weiteres Voranschreiten der Technik neue Wünsche nach einer Lebensverlängerung wecken könnte. "Anstatt zu verlangen, ihr Gehirn einzufrieren, könnten Leute den Wunsch äußern, ihr Gehirn auf einen neuen Körper zu verpflanzen", sagte Steve Hymen, Direktor am Broad Insitut in Cambridge an der US-Ostküste. Zugleich erteilte er diesen Hoffnungen aber eine Absage. Das sei noch nicht mal im Entferntesten möglich.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Lexi TV | 23. Juni 2014 | 15:00 Uhr