Genetik entscheidet Wie unsere DNA unser Leben bestimmt

99 Prozent unserer Erbinformationen sind identisch. Nur ein Prozent der DNA macht den Unterschied. Es entscheidet, wie wir aussehen, welche Krankheiten wir bekommen und wie risikobereit wir sind. Kann man da was dran ändern und lässt sich durch Genmanipulation das "Super-Baby" erschaffen?

Baby am Laptop 6 min
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Ein bisschen an den Genen schrauben und es entsteht - das "Super-Baby"! Stellen Sie sich vor, die Entwicklung eines Kindes wäre nicht mehr evolutionären Prozessen oder gar dem Zufall überlassen, sondern würde nach klaren Vorgaben erfolgen. Entstehen würden Menschen mit verbesserten Fähigkeiten, perfekt ausgerichtet auf ihre beruflichen oder künstlerischen Werdegänge. Ist das eine realistische Zukunftsvision oder nur Stoff für Science Fiction?

Nur ein Prozent macht den Unterschied

Prof. Dr. Rami Jamra
Prof. Dr. Rami Jamra Bildrechte: Universität Leipzig

Für das "perfekte" Baby müsste man zuallererst unser komplettes und vor allem komplexes Erbgut verstanden haben. Und davon sind wir noch weit entfernt, sagt Professor Rami Jamra, Humangenetiker an der Universitätsklinik Leipzig: "Was wir wissen ist, dass die DNA relativ lang ist, das sind zirka 2.000 Bücher à 500 Seiten."

Doch nur in einem Prozent der DNA, davon gehen Wissenschaftler aus, ist fast alles angelegt, was uns von einander unterscheidet: Größe, Augenfarbe, Haarfarbe und Intelligenz, aber auch das Risiko, bestimmte Krankheiten zu bekommen. Aber wie genau funktioniert das? Vereinfacht kann man sich die DNA als einen langen Faden vorstellen, bei dem Milliarden von Buchstaben aneinandergereiht sind. Eigentlich ist die Reihenfolge dieser Buchstaben festgelegt. Wenn man jedoch die DNA von zwei Menschen vergleicht, gibt es immer mal wieder Stellen, an denen sich der Buchstabe unterscheidet.

Komplexe Krankheiten schwer zu entschlüsseln

Es wäre natürlich toll, wenn Wissenschaftler in der Lage wären, vor allem bei Erkrankungen die jeweils zuständigen Gene zu ermitteln und diese einfach auszuschalten. Dummerweise funktioniert das nur selten so einfach. Es gibt zwar tatsächlich einzelne Mutationen, die so katastrophal sein können, dass sie ganz allein zu einer Krankheit führen, aber komplexe Erkrankungen wie zum Beispiel Diabetes entstehen erst durch die Interaktion vieler Gene. Auch unsere Größe oder unsere Intelligenz sind das Ergebnis solcher Interaktionen und nicht eines einzelnen Gens.

Nadel im Heuhaufen

Genforschung
Genforschung: DNA-Profil, das in einem Reagenzglas reflektiert wird. Bildrechte: imago images / Westend61

Stellt man sich die Ermittlung solcher Gen-Kombinationen und deren Auswirkungen im Kontext der gesamten DNA vor, wirkt dagegen die Suche nach der Nadel im Heuhaufen wie ein Kinderspiel. Allerdings sind die genetisch komplexen Sachen genau diejenigen, die wirklich zählen, erklärt Jamra: "Herzkrankheiten, Bereitschaft für Krebskrankheiten, das heißt die Masse unserer Krankheiten, hat eine große genetische Komponente und die sind alle nicht geklärt. Es ist halt nun mal sehr komplex. Ich denke, wir brauchen Zeit und ein paar größere Maschinen, aber ob das 100-prozentig entschlüsselt werden wird? Also jedenfalls nicht in den nächsten Jahren."

Vererbbarkeitsstudien sind unabdingbar

Um zu verstehen, welche Abschnitte in unserer DNA wofür zuständig sind und in welchen Kombinationen sie bestimmte Eigenschaften hervorbringen, müssten Wissenschaftler die Gene vieler Menschen analysieren und dann mit den Ausprägungen bestimmter Merkmale vergleichen. Da das aber sehr aufwendig und auch teuer ist, arbeitet man viel mit Erkenntnissen aus Vererbbarkeits-, sogenannten Heritabilitätsstudien.

Jamra nennt das Beispiel eineiiger Zwillinge: "Wenn ein Zwilling die Eigenschaft A hat, was ist die Wahrscheinlichkeit, dass der zweite Zwilling auch diese Eigenschaft A hat? Und das kann man in größeren Kohorten machen. Und wenn die Wahrscheinlichkeit 100-prozentig ist, dann ist die Heritabilität (das Maß für die Erblichkeit von Eigenschaften Anm. d. R.) vereinfacht gesagt 100 Prozent. Das heißt, diese Eigenschaft A ist 100 Prozent genetisch bedingt. Wenn aber der andere Zwilling diese Eigenschaft genau so zufällig hat, wie jeder andere in der normalen Bevölkerung, dann ist die Heritabilität gleich 0. Genetik hat damit nichts zu tun, denn Zwillinge sind ja beinahe eine genetische Kopie voneinander."

"Genetik unglaublich bestimmend"

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Bildrechte: MDR/Gerald Perschke

In solchen Fällen wissen die Forscher jedoch erst einmal nur, dass die Eigenschaft oder Krankheit genetisch bedingt ist. Zu welchem Prozentsatz oder welcher Abschnitt der DNA dafür zuständig ist, ist deshalb noch lange nicht klar. Jamra ist sich jedoch sicher: "Es gibt quasi nichts, was nicht heritabel ist. Sogar Unfälle sind heritabel - teilweise jedenfalls. Genetik ist unglaublich bestimmend."

Wie bitte? Was hat denn die DNA mit Unfällen oder Missgeschicken zu tun? Jamra meint, jede Entscheidung, die wir treffen, habe ihre Wurzeln in unseren Genen - auch wie aufmerksam und risikobereit wir Auto fahren. Wie groß der genetische Einfluss dabei jeweils ist, lasse sich aber nicht genau bestimmen.

Gene und Umwelteinflüsse

Denn am Ende läuft alles wieder auf die Frage hinaus, welchen Einfluss die Gene und Umwelteinflüsse auf diese Prozesse haben. Doch auch diese Frage lässt sich nicht einfach beantworten, weil beide Faktoren nicht klar voneinander getrennt werden können. Sie bedingen sich gegenseitig. Wer zum Beispiel eine hohe musikalische Intelligenz besitzt, lernt schon als Kind gern ein Instrument und geht öfter in Konzerte und wird mehr gefördert. Beide Bereiche beeinflussen sich.

Gene ein- und ausschalten

Einige Gene lassen sich durch Umwelteinflüsse sogar de- bzw. aktivieren. Wenn wir auf den Buchvergleich zurückkommen, geht es nicht nur um den Text, der in unserer DNA steht, sondern auch um die Betonung. Die legen wir fest, mit unserem Lebensstil: Die Buchstaben bleiben gleich, aber es klingt anders - und kriegt dadurch auch manchmal eine andere Bedeutung. Zugeben, das ist kompliziert. Und unsere Gene sind in vielen Bereichen noch ein Buch mit sieben Siegeln. Aber die Wissenschaft arbeitet daran, sie nicht nur genauer zu verstehen, sondern sie auch zum Besseren zu verändern.

Bleibt noch die Frage, wann es die ersten "Super-Babys" mit den genveränderten Superkräften geben wird? Professor Jamra bleibt bei der Antwort vorsichtig, zumindest was die Zeit angeht. "Also ich denke, das kommt irgendwann, aber noch nicht bald."

fp/dn

2 Kommentare

MDR-Team vor 24 Wochen

Hallo "wer auch immer",
zunächst gilt das Interesse der Forschung den Erkrankungen und Mutationen der Gene, sowie deren Ausschaltung oder Aktivierung.
Liebe Grüße

wer auch immer vor 24 Wochen

Die Manipulation des Menschen, einem natürlichen Wesen, die neue Herausforderunge für Wissenschaftler im Diest der Politik und somit des Geldes. Gut das ich das nicht mehr erleben muss.
Schneller - Höher - Weiter.

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