Gesundheit Gewichtszunahme: Essen wichtiger als Bewegung

Bisher nahm man an, dass die Tendenz zu Übergewicht genauso mit dem Essen wie mit der Bewegung zu tun hat. Eine Studie beim indigenen Volk der Shuar in Ecuador deutet nun darauf hin, dass dem nicht so ist: Die sehr bewegungs-aktiven Shuar-Kinder verbrennen im Schnitt ähnlich viele Kalorien wie ihre Altersgenossen in Industrieländern.

Ein dickes Kind
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"Wir nahmen bisher an, dass unser bewegungsarmer und keimfreier Lebensstil, der in einem geringen Energieumsatz resultiert, hauptsächlich dafür verantwortlich ist, dass die Adipositas-Raten in den USA und auch weltweit steigen", sagt Samuel Urlacher. "Was wir herausgefunden haben, stellt diese Vorstellungen infrage. Denn wir konnten zeigen, das Kinder in der Amazonas-Region mit einem physisch aktiveren Lebensstil und einem stärker geforderten Immunsystem tatsächlich nicht mehr Kalorien verbrennen als US-Kinder, die viel bewegungsärmer leben."

25 Monate im Amazonas-Tiefland gelebt

Samuel Urlacher
Der Co-Autor der Studie Samuel Urlacher. Bildrechte: Matthew Minard/Baylor University

Der Forscher von der Baylor University im US-Bundesstaat Texas verbrachte für seine Untersuchungen über 25 Monate bei den Shuar, die abgeschieden im Amazonas-Tiefland im östlichen Ecuador leben. Die etwa 50.000 Mitglieder des indigenen Volks sind ohne einfachen Zugang zu Industrieprodukten auf eine Substistenz-Wirtschaft angewiesen, die auf Jagen, Fischen, Sammeln und - in geringem Maß - auf Landwirtschaft basiert.

Urlacher und seine Kollegen untersuchten den Energieumsatz von insgesamt 44 Shuar-Kinder im Alter von fünf bis zwölf Jahren. Dazu benutzten sie Methoden wie das Isotopen-Tracking und die Respirometrie und verbanden diese Daten mit Erhebungen zu physischer Aktivität, Immunaktivität, Ernährungsstatus sowie Wachstum.

Diese Werte wurden dann mit denen von Kindern aus den Industriegesellschaften der USA und Großbritannien verglichen. Die Ergebnisse veröffentlichten die Forscher schließlich im Fachmagazin "Science Advances".

Ursache für weltweite Gewichtsprobleme?

Ein Junge hockt am Ufer eines Flußes, neben ihm liegt ein Boot am Ufer.
Ein Shuar-Junge füllt Wasser in einen Behälter. Bildrechte: Baylor University anthropologist Samuel Urlacher, Ph.D.

Demnach sind die Shuar-Kinder rund 25 Prozent mehr in Bewegung als die Kinder aus den Industrie-Gesellschaften. Die Shuar-Kinder haben zudem einen um 20 Prozent höheren Energie-Umsatz, was zu einem großen Teil an der erhöhten Immunaktivität liegt. Das Überraschende jedoch: Die Gesamtmenge an verbrauchten Kalorien pro Tag ist bei den beiden untersuchten Gruppen ungefähr gleich.

Ein überraschendes Ergebnis, das laut Urlacher damit erklärt werden kann, dass der menschliche Körper seinen Energie-Haushalt flexibel an unterschiedliche Umgebungen anpassen kann. "Letztlich könnte zu viel essen und nicht zu wenig bewegen der Hauptgrund für eine langfristige Gewichtszunahme und die weltweiten Probleme mit Übergewicht sein, die oft schon in der Kindheit beginnen", erklärt der Anthropologe.

Bewegung bleibt extrem wichtig

Die Forscher weisen darauf hin, dass ausreichende Bewegung natürlich trotzdem wichtig für ein gesundes Leben ist. "Sport bleibt durch seine Auswirkungen auf Appetit, Muskelmasse, die Herz-Lungen-Funktion und andere Faktoren extrem bedeutend für die Gesundheit", betont Urlacher. "Unsere Erkenntnisse legen nichts anderes nahe. Jeder sollte sich täglich ausreichend bewegen."

Und auch Vorschläge, um ihre Studie in der Zukunft weiterzuführen, haben die US-Wissenschaftler. So könnte die Spannbreite beim Alter der Kinder vergrößert werden, andere Untersuchungsgruppen miteinbezogen oder auch langfristige Daten erhoben, die die wirtschaftliche Entwicklung und Änderungen im Lebensstil abbilden.

cdi

Grafik: Skelett neben Gewichten 2 min
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"Ich bin nicht dick, ich hab' nur schwere Knochen!" Ist das jetzt nur eine Ausrede oder ist da vielleicht etwas dran?

Mo 22.05.2017 13:22Uhr 02:22 min

https://www.mdr.de/wissen/videos/bissenwissen/video-108116.html

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