Grabstelle in Kenia
Bildrechte: Katherine Grillo

Archäologie-Sensation aus Jena 5.000 Jahre alt: Hirten bauten monumentale Grabstätte

Muss die Archaölogie umdenken? Eine 5.000 Jahre alte Grabstätte in Kenia verblüfft die Wissenschaft. Denn sie wurde offenbar von einer hierarchielosen Wanderhirten-Gesellschaft errichtet.

von Liane Watzel

Grabstelle in Kenia
Bildrechte: Katherine Grillo

Ein 5.000 Jahre altes Friedhofsmonument, das Lothagam North Pillar Monument in Kenia, zwingt die Forschung zum Umdenken: Die monumentale Grabstätte unweit des Turkana Sees im Norden des Landes ist offenbar von Hirtengesellschaften errichtet worden. Bisher geht die Wissenschaft davon aus, dass nur sozial stark gegliederte Gesellschaften große Bauwerke hervorbringen konnten - wie etwa bei den Pyraminden der Maya oder im alten Ägypten. Die Grabstätte war von einem internationalen Forscherteam des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena (MPI-SHH) und der Stony Brook Universität in New York erforscht und deren Ergebnisse in der Fachzeitschrift Proceedings der National Academy of Sciences veröffentlich worden. Es ist der älteste und größte bekannte Friedhof Ostafrikas.

Monument ohne Herrscher

Wissenschaftlerin Anneke Janzen vom MPI-SHH Jena erklärt den Fund und seine Bedeutung näher: "Große, öffentliche Monumente wurden nach bisherigen Annahmen nur in sesshaften, Getreide anbauenden Gesellschaften gebaut, die auch Vorräte anlegen konnten. Solche Gesellschaften brachten entsprechend wohlhabende und mächtige Leute hervor, die große öffentliche Arbeiten anschieben und koordinieren konnten.

Nichts von alldem trifft aber auf das Lhotagam North Pillar Monument zu." Im Gegenteil", so Janzen, "es wurde von Hirtenvölkern erstellt, die sich mit wechselnden, unwirtlichen Lebensbedingungen arrangierten und offenbar einen dauerhaften Platz schafften, an dem sie zusammenkamen, soziale Beziehungen pflegten und sich gegenseitig halfen." Ähnliches ist nach Aussagen der Forscherin nur noch aus der Mongolei bekannt. Dass solche Funde unsere Geschichtsschreibung fundamental ändern können, wissen wir spätestens seit der Himmelsscheibe von Nebra.

Vor steil aufragenden Felsen stehen und sitzen 17 Männer und Frauen
Das internationale Forscherteam vor Ort Bildrechte: MPI Jena

Was macht die Fundstätte so spannend?

Grabfunde Steine und Ohrringe
Grabfunde: Ohrringe Bildrechte: Carla Klehm

Für die Grabstätte wurde eine Art Plattform von etwa 30 Metern Durchmesser gebaut, mit einem steinverkleideten Hohlraum, in dem über die Jahre mindestens 580 Menschen begraben worden waren - Frauen, Männer, Kinder. Sie waren beim Begräbnis offenbar geschmückt, trugen Ohrringe, auch Ketten und Armbänder, die höchst individuell hergestellt waren, beispielsweise mit Perlen aus Straußeneierschalen, sagt Forscherin Anneke Janzen vom MPI-SHH in Jena. Die Toten wurden dicht beieinander abgelegt, ohne dass sich Hinweise auf gesellschaftliche Ordnungen zeigten. In direkter Umgebung der Grabstätte platzierten die Erbauer zudem Steinkreise und Steinhaufen, wobei das Material aus bis zu einem Kilometer Umgebung stammte.

Grabbeigabe aus Rindsknochen
Ein Rinderknochen, in dessen Ausbuchtung Getreide gemahlen wurde. Er ähnelt Funden von der anderen Seite des Turkana Sees. Bildrechte: Katherine Grillo

Das Monument entstand zu einem Zeitpunkt, in dem die Hirtenvölker extremen Wechseln ausgesetzt waren. "Sie hatten gerade das Turkana Becken und den See entdeckt und stießen auf dort bereits ansässige Jäger, Fischer und Sammler." Über die Beziehungen zwischen den ansässigen Menschen und den wanderenden Hirten ist nichts bekannt, erklärt Forschungsleiterin Elisabeth Hildebrand: "Ob es zu einem Nahrungswettbewerb, zum Beispiel um die Fische im See kam, wissen wir nicht". Gesichert ist dagegen, dass sich die Lebensbedingungen in der Region drastisch änderten, Regenfälle wurden seltener und der Wasserstand des Sees sank dramatisch. Denkbar ist, dass die Menschen Monumente als Treffpunkte zur Pflege sozialer Beziehungen errichteten und gleichzeitg einen Ort schufen, der Bestand hatte in der sich dramatisch verändernden Umwelt, die die Hirten ständig zur Suche nach neuen Weiden zwang. Das macht den Fund so wichtig, denn er verändert den Blickwinkel darauf, wie und warum frühe Kulturen Monumente erbauten, sagt Janzen.

Die Grabstätte wird vom Volk der Turkana auch "Namoratunga" - übersetzt "Steinmenschen" - genannt. Demnach stellen die Teile des Monuments Vorfahren dar, die versteinerten, weil sie sich über eine Gottheit lustig gemacht hatten, von der sie "undercover", also in anderer Gestalt, heimgesucht worden waren. Sie ist im Turkana Becken nicht die einzige ihrer Art - in 100 Kilometer Entfernung wurde in den 1990er-Jahren am östlichen Seeufer ein ähnliches Steinmonument gefunden worden. "Das würden wir gern erneut untersuchen und mit den Funden des Lothagam North Pillar Monument vergleichen," hofft Forscherin Anneke Janzen.

Turkana See
Blick auf den Turkana See, der etwa 11 mal größer ist als der Bodensee. Er ist 4 Millionen Jahre alt. Das Turkanabecken gilt als Wiege der Menschheit. Bildrechte: IMAGO

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Dieses Thema im Programm: MDR Fernsehen | LexiTV | 09. Februar 2016 | 15:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. August 2018, 17:11 Uhr