Kranke Frau liegt im Bett und arbeitet am Laptop
Bildrechte: IMAGO

Gesundheitsdaten Mit Bürger-Wissenschaft gegen die Grippe

Über das Internet helfen Bürger Deutschlands Seuchenschützern vom Robert Koch-Institut dabei, wertvolle Daten über Schnupfen und Grippe zu sammeln. Dank Grippeweb können sie recht genau vorhersagen, wann und wo die Viren zuschlagen.

von Clemens Haug

Kranke Frau liegt im Bett und arbeitet am Laptop
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Wen es erwischt, der liegt mit Fieber, Husten und Halsschmerzen im Bett und leidet: Anfang Februar steuert Deutschland auf den alljährlichen Höhepunkt der Grippewelle zu. In der Regel treten die meisten Neuerkrankungen am Ende des kurzen Monats auf.

In einem gewöhnlichen Jahr sind dann etwa 2,8 Prozent aller Deutschen von einer grippeähnlichen Erkrankung betroffen. In den Wintern 2014/2015 und 2016/2017 allerdings kam es besonders hart. Damals lagen während des Höhepunkts pro Woche etwa 3,5 Millionen Deutsche mit einer neuen Grippe im Bett. Die sogenannte ILI-Rate, also der Anteil der Grippeerkrankten, stieg auf 4,5 Prozent.

Das Internet hilft beim Seuchenschutz

Dass der Verlauf von gewöhnlichen Erkältungen (die Experten sprechen hier von respiratorischen Atemwegserkrankungen) und der Grippe (Fachbegriff Influenza) bzw. grippeähnlichen Krankheiten inzwischen recht genau bekannt ist und vorhergesagt werden kann, verdanken Mediziner und Gesundheitswissenschaftler dem Internet.

Deutschlands nationale Behörde für den Schutz vor Seuchen und anderen Epidemien, das Robert Koch-Institut (RKI), hat früher die Daten nur bei den Ärzten gesammelt. Die gaben in anonymer Form weiter, wie viele Patienten mit welcher Krankheit sich bei ihnen vorgestellt hatten. Ein Problem daran ist unter anderem: Menschen gehen nicht mit jedem Schnupfen sofort zum Doktor. Trotzdem ist die Arbeit dieser Arbeitsgemeinschaft Influenza bis heute wichtig.

Ein Krankheits-Überwachungssystem

Seit 2011 gibt es aber ein neues Instrument, das die Daten der Ärzte ergänzt: Das Projekt GrippeWeb. Wie 14 andere europäische Staaten wollte auch Deutschland das Netz nutzen, um Daten direkt in der Bevölkerung zu erheben. Bei GrippeWeb kann sich jeder anmelden, der mindestens 14 Jahre alt ist. Zu Beginn wird nach dem Wohnort und Vorerkrankungen gefragt. Ab dann erhält man jeden Montag eine E-Mail mit der Bitte, auf der Webseite von GrippeWeb anzugeben, ob man in der vergangenen Woche krank war und ob man deshalb zu einem Arzt gegangen ist.

Unterschieden werden Erkältungen, bei denen man Husten oder Halsschmerzen oder Fieber hatte und grippeähnliche Erkrankungen, bei denen mindestens zwei dieser Symptome aufgetreten sind. Außerdem wird gefragt, ob man sich gegen die Grippe impfen lassen hat. So lässt sich recht genau berechnen: Wie viele sind geimpft und wie werden sich die Krankheiten wahrscheinlich ausbreiten.

Prognose für Deutschland ist möglich

Insgesamt haben sich inzwischen rund 13.000 Personen bei GrippeWeb registriert. Gingen zu Beginn des Projekts etwa 800 Meldungen pro Woche ein, waren es Mitte 2017 bereits 4.800. Inzwischen gibt es mindestens aus jedem Landkreis der Republik eine Meldung, die meisten kommen aber immer noch aus den Großstädten Berlin, Hamburg und München.

Die Mitarbeiter des RKI gewichten die eingegangenen Daten dann nach Altersgruppen und Geschlecht so, dass Schätzungen für die gesamte deutsche Bevölkerung und alle Gebiete möglich werden. Es wird auch berechnet, wie sich Vorerkrankungen, beispielsweise Asthma auswirken.

Ferien stoppen Krankheitswellen

Auffallend sei, wie konstant sich die Krankheitswellen jedes Jahr wiederholen. Im vom RKI herausgegebenen epidemiologischen Bulletin schreiben die Experten über die Erfahrung aus GrippeWeb: "Nach sechs Jahren hat sich gezeigt, dass das saisonale Geschehen relativ stabil verläuft. Auffallend sind die unterschiedlichen Verläufe nach Alter und (zum Teil) Vorerkrankung."

Anfang August sind in Deutschland die wenigsten Menschen von Grippe und Erkältung betroffen. Danach aber folgt ein steiler Anstieg bis zum sogenannten Herbsplateau, wenn etwa 800.000 Menschen pro Woche erkältet sind. Die Schulferien wiederum bremsen die Erkältungswellen. "Die Weihnachtsferien sind als deutlicher Einschnitt zu sehen, häufig scheinen die Osterferien zum Ende der Grippewelle ihren Beitrag zu leisten", heißt es in dem Artikel.

Bei der Grippe wiederum gibt es zwar große Schwankungen von Jahr zu Jahr. Hier seien ältere Gruppen aber tendenziell weniger betroffen als jüngere.

Senioren gesucht

Schon 2016 hat die Gesundheitsministerkonferenz beschlossen, GrippeWeb zum festen Bestandteil der Überwachung von Grippewellen zu machen. In Zukunft soll eine App für Handys den Teilnehmern die Weitergabe von Daten deutlich erleichtern. Dann hoffen die Forscher, dass auch mehr ältere Menschen ab 60 Jahren an dem Projekt teilnehmen. Sie sind bislang noch unterrepräsentiert, ebenso wie die 14- bis 25-Jährigen.

Bei der ersteren Altersgruppe spielt vermutlich ihre immer noch relativ geringe Affinität zum Internet eine Rolle, bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen könnte ins Gewicht fallen, dass ab 14 Jahren nicht mehr die Eltern für die Kinder, sondern diese selbst melden sollten und sich selbst anmelden müssten.

Epidemiologisches Bulletin, Nr. 27, Juli 2017

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN Radio: Der ganze Tag | 28. Januar 2018 | 22:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. Februar 2018, 10:58 Uhr