Junge Frau liegt schlafend im Bett
Bildrechte: IMAGO

Schlafforschung Wenig Schlaf ist schlecht für das Immunsystem

Schlaf ist die beste Medizin, behauptet der Volksmund. Stimmt fast. Denn eigentlich ist es ein geniales, körpereigenes Abwehrteam, das uns im Schlaf umsorgt. Auf Schlafentzug reagiert es allerdings allergisch.

Junge Frau liegt schlafend im Bett
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Guter Schlaf unterstützt unser Immunsystem. Schlafentzug dagegen sorgt dafür, dass unsere T-Zellen, die infizierte Zellen suchen und abtöten, schlechter andocken können. Das hat ein Forschungsteam der Universität Tübingen und der Universität Lübeck mit Hilfe eines 24-Stunden-Experiments herausgefunden. Einmal durften die Probanden nachts schlafen, ein anderes Mal mussten sie nachts eine Stunde wach bleiben. Ihnen wurde regelmäßig Blut abgenommen, während der Schlafnacht über eine Kanüle im Arm, ohne die Probanden zu wecken.

Der kleine Unterschied im Blut

Tatsächlich machte es im Blut einen Unterschied, ob die Probanden nachts acht Stunden schliefen oder eben nicht. Studienleiterin Luciana Besedovsky vom Institut für Medizinische Psychologie und Verhaltensneurobiologie der Uni Tübingen verdeutlicht das: "Die Zellen haben selbst nach nur drei Stunden ohne Schlaf eine reduzierte Fähigkeit, sich an andere Zellen anzudocken." Diese Andock-Fähigkeit ist so wichtig, weil sie der erste Schritt des körpereigenen Abwehrsystems ist, wie sich der Körper von infizierten Zellen befreit.

Insofern vermuten wir, dass durch Schlafentzug die Fähigkeit des Immunsystems, infizierte Zellen abzutöten, reduziert wird.

Luciana Besedovsky Universität Tübingen

Die persönliche innere Uhr gibt den Schlaf-Rhythmus vor

Aber was bedeutet das für Menschen, die nachts arbeiten, Schichtarbeiter, Ärzte, Pflegepersonal? "Wir wissen, dass sich Schichtarbeit und alles, was unseren normalen Schlafwachrhythmus stört, negativ auf die Gesundheit auswirkt. Wir gehen davon aus, dass nicht nur wichtig ist, wie lange wir schlafen, sondern wie gut," sagt Besedovsky. "Die meisten Menschen schlafen nachts am besten. Das liegt an unserer inneren Uhr, die uns den besten Zeitpunkt zum Schlafen vorgibt. Wenn wie bei Schichtarbeitern der Schlafzeitpunkt auf die Tageszeit verschoben wird, schlafen die meisten einfach nicht so gut."

Eine Grafik mit Smileys.
Die Grafik der Forscher zeigt: Schon nach drei Stunden Schlafentzug beeinträchtigt: Die Adhäsion der T-Zellen, also ihre Fähigkeit, sich an infizierte Zellen anzuheften und diese zu beseitigen. Bildrechte: Tanja Lange

Könnte man man daraus schließen: Wer seine persönliche innere Schlaf-Uhr gut kennt, könnte in jungen Jahren langfristig per Berufswahl sein Immunsystem stärken? Aber wer denkt schon so weit, wenn er mit 16 oder 18 aus der Schule kommt. In der Krankenversorgung ist man in jedem Fall auf Menschen angewiesen, die nachts arbeiten. "Hier könnte man die Organisation der Schichtarbeit verbessern und zum Beispiel die sogenannten Eulen, die lieber bis spät in die Nacht wach bleiben, vermehrt für den Nachtdienst einteilen, und die Frühaufsteher für die Frühschicht.

Generell würde ich es stark befürworten, dass flexiblere Arbeitszeiten, die an die unterschiedlichen Schlafpräferenzen angepasst sind, eingeführt werden – sofern das praktisch umsetzbar ist.

Luciana Besedovsky

Und was ist mit Schlafmangel als Behandlungsmethode?

Teenager sitzt in einem abgedunkelten Raum
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Trotzdem wird in der Behandlung von Depressionen oft mit Schlafentzug gearbeitet – heißt das, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben? Vielleicht ähnlich wie die Wahl zwischen Pest und Cholera, wobei die Forscherin die beiden Übel gegeneinander abwägen würde: "Es ist davon auszugehen, dass sich bei Depressiven der Schlafentzug negativ auf das Immunsystem auswirkt. Es gibt auch Hinweise darauf, dass bei Depressiven das Immunsystem geschwächt ist. Das heißt, wenn die Behandlung bei Depressiven mit Schlafentzug gut anschlägt, würde ich sagen, wir nehmen die erhöhte Infektanfälligkeit in Kauf, weil der negative Einfluss einer anhaltenden Depression auf unser Immunsystem größer ist, als der von einem kurzen Schlafentzug.“

Weniger Schlaf = mehr Erkältungen?

Gehen dann bei Senioren Pest, sprich Schlaflosigkeit, und Cholera, also mies arbeitende T-Zellen, Hand in Hand? "Ob das ursächlich zusammenhängt, ob Menschen im Alter ein schlechteres Immunsystem haben, weil sie schlechter schlafen, ist wissenschaftlich sehr schwer zu erforschen", sagt Luciana Besedovsky.

Es gibt Studien, für die Menschen Erkältungsviren bekommen haben. Diese Studien haben einen Zusammenhang zwischen der Schlafdauer und der Entwicklung einer Erkältung nach Gabe der Viren festgestellt. Kürzerer Schlaf war mit einer erhöhten Erkältungswahrscheinlichkeit assoziiert. Allerdings können diese Studien die Frage nicht beantworten, ob der Zusammenhang zwischen Schlaf und Erkältung ursächlich ist. Beispielsweise könnten die Probanden, die im Alltag kürzer schlafen, auch einfach mehr gestresst sein, sodass eigentlich der Stress das erhöhte Erkrankungsrisiko verursacht. Deswegen sind hier weitere Studien nötig.

Fest steht: Je besser wir schlafen, um so effektiver kann unser Immunsystem arbeiten.

Die Studie wurde im Journal of Experimental Medicine veröffentlicht.

Dieses Thema im Programm: MDR JUMP Morningshow | 05. Februar 2019 | 05:50 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. Februar 2019, 12:23 Uhr

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