Gefühl oder Schönheit? Körperhaare ab - Vorsicht, das sind hochsensible Sensoren

Das Haar muss ab. Besonders die Körperbehaarung muss dran glauben. Dabei ist jedes Haar ein hochsensibler Sensor. Was der Körperkult von haarfreien Achseln und Beinen für den Mensch wirklich bedeutet: MDR Wissen hat den Haptik-Forscher Martin Grundwald gefragt.

beine rasieren
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Körperbehaarung einfach so sprießen lassen, ist gerade überhaupt nicht angesagt. Im Gegenteil: Wer offen behaarte Beine zeigt, oder wem womöglich lange Haare unter den Achseln hervor wachsen, der wird schief angesehen. Vor allem Frauen möchten das tunlichst vermeiden. Das Ganze hat allerdings Nachteile. Denn nicht umsonst sind uns Haare gewachsen. Sie haben eine Funktion. Doch welche ist es?

Wer schön sein will, muss leiden. Der Spruch hat etwas Wahres – besonders wenn man die (fehlende) Haarpracht an manchen Körperstellen betrachtet. Rasieren, zupfen, wachsen... obwohl, das Wachsen ist ja schon ganz "old style". Heute werden Haare "weggelasert" oder mit Licht entfernt. Das soll sogar ganz schmerzfrei sein, vom Leiden kein Wort mehr.

enthaaren Damenwachsen
So sieht eine Entwachsung aus. Das kann ganz schön weh tun. Bildrechte: Colourbox.de

"Aus den Haarfollikeln wachsen nie wieder Haare", verspricht eine sanfte, weibliche Stimme auf einem Youtube Erklär-Video. Ob das stimmt oder nicht, sei dahin gestellt. Für viele, die ständig zupfen und rasieren wäre es jedenfalls ein Traum. Doch egal wie man es tut, Haare entfernen hat immer einen Haken. Denn Körperbehaarung ist uns ja nicht umsonst gewachsen.

Jedes Haar ist ein hochsensibler Sensor

Martin Grundwald ist eine Koryphäe in seinem Fachgebiet der Haptik-Forschung – der wissenschaftlichen Lehre des Tastsinns. Er forscht an der Medizinische Fakultät am Paul-Flechsig-Institut für Hirnforschung in Leipzig und weiß um die Bedeutung der Haare bescheid:

Jedes Haar ist ein hochsensibler Sensor, ein Rezeptor der allerfeinste Berührungsreize und verformungs-Reize registrieren kann.

Prof. Martin Grundwald

Wissen

Warum müssen wir kuscheln 3 min
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Warum müssen wir dringend kuscheln und was passiert, wenn wir's nicht tun? Wir haben bei Martin Grundwald nachgefragt. Er ist Leiter des Haptik-Forschungslabor an der Uniklinik Leipzig.

MDR+ Fr 02.11.2018 10:49Uhr 02:51 min

https://www.mdr.de/wissen/videos/warum-wir-kuscheln-muessen-interview-martin-grunwald100.html

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Video

Haare, besonders an Stellen wie den Achseln, an Beinen und anderen Körperstellen, sind dem Menschen aber ein Graus. Ab sollen sie. Doch dies hat einige Nachteile, wie Grundwald betont: "Wenn man die Haare abrasiert, dann geht diese sehr feine Empfindungsfähigkeit durchaus verloren."

5 Millionen Haare aus 5 Millionen Haarfolikel

Fangen wir mit dem Grundlegenden an: Laut Grunwald hat der Mensch im Schnitt fünf Millionen Haare und jedes Haar wächst aus einem eigenen Haarfollikel.

Ein Haarfollikel, das sind winzige Einstülpungen in der Haut, in denen letztendlich das menschliche Haar gebaut und auch verankert wird, damit es nicht rausfällt.

Prof. Martin Grunwald

Und jetzt wird es spannend. An jedem Haarfollikel ist ein kleiner Muskel befestigt. Wenn dieser Muskel kontrahiert, stellt sich das Haar senkrecht auf. Denn Haare wachsen, laut Grunwald, generell nicht gerade, sondern schräg aus der Haut. Der Muskel stellt das Haar dann zum Beispiel auf, wenn es kalt ist. Dann bekommen wir eine Gänsehaut. Der Haarfolikel hat aber noch mehr zu bieten, als nur einen Muskel.

Dr. Martin Grunwald
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Zusätzlich ist der Haarfollikel von einem sehr feinen dichten Netzwerk von Rezeptoren umgeben, so dass jegliche Bewegungen, jegliche Stauchungen und Veränderungen am Haar, auch sensorisch registriert werden können.

Porf. Martin Grunwald

Damit ist das Haar eine hochsensible Antenne, oder ein Sensor. Des Weiteren registriert dieser sensible Sensor die allerfeinsten Berührungs- sowie Verformungsreize: "Wenn man die Haare abrasiert, dann geht diese sehr feine Empfindungsfähigkeit durchaus verloren." Das Haar kann uns also nicht mehr anzeigen, ob da gerade eine kleine Fliege auf der Haut gelandet ist, ob Regen auf die Haut fällt, ein warmer Lufthauch darüber streicht und auch die wohlige Empfindung bei einer Berührung, kann das Haar nicht mehr verstärken, weil es ja weg ist.

Wenig Körperbehaarung bedeutet Gefahr für den Körper

Was bei wegrasierten Haaren übrig bleibt: ein Loch und das kann nichts, außer Probleme bereiten. Grundwald sieht dieses haarlose Loch unter anderem als "Einfallstor für Milliarden Bakterien, die normalerweise auf unserer Haut leben". Dies kann zu Entzündungen führen, erklärt er und führt fort: "Insofern ist das Herausreißen von Haaren auch damit verbunden, dass sich dann dort Bakterien ansiedeln können."

Grunwald empfiehlt deshalb, wenn die Haare schon weg sollen, dann doch bitte nur abrasieren. Allerdings gibt es dann wieder die Leute, deren Haare sich so kringeln, dass sie zurück in die Haut wachsen und sich entzünden. In solchen Fällen bereitet auch Rasieren Probleme. Warum also nicht, wie früher, munter sprießen lassen?

Gibt es noch Hoffnung für die Rasur?

Der Haptik-Forscher Grunwald beruhigt allerdings all jene, die jetzt fürchten, mit so einer Ganzkörper-Enthaarung zwar gut auszusehen, dafür aber kaum noch etwas zu spüren. Der Unterschied sei sehr gering.

Da gibt es noch viele andere hochsensible Rezeptoren in der Haut. Die Leisten das dann auch. Also eine minimale Einschränkung, die im Alltag wahrscheinlich gar nicht wahrnehmbar ist, sondern nur in spezifischen Experimenten herausbekommen werden kann. Also kann das, aus meiner Sicht, jeder gerne so machen, wie er das für richtig hält. Die Haare dran lassen, oder die Haare abrasieren.

Prof. Martin Grunwald

Das, so Grundwald, sei vor allem eine kulturelle und ästhetische Frage und das müsse individuell jeder für sich selbst entscheiden. Wer sich trotzdem etwas Gutes tun will, und dem die schrägen Blicke anderer egal sind, der sollte der Natur freien Lauf lassen. Und das mit dem Wachs, kann man sich dann auch ersparen.

(AF)

1 Kommentar

part am 30.08.2020

Der genetische Unterschied ist entscheident ob wir uns riechen können oder nicht, wenn auch durch die Pille stark behindert. Dabei sind es gerade die Haare in den verschiedensten Körperbereichen, die unsere Pheromone speichern und somit ein Reservoir bereit halten, das als Lockstoff für geignete Partner dient. Die Evolution hat dies befördert um gesunde Nachkommen zu erhalten, im gesamten Tierreich, zu dem auch der Homo Sapiens gehört. Katzen könnte ohne Schnauzhaare wohl schlechter die Maus fangen. Doch die dem Modeverhalten unterworfenen werden wohl nie erfahren was ihnen an multieblen Sinnesreizen entgeht.