Forschungsprojekt Dresden: Millionen für die Suche nach den Krebsverstecken

Wo verstecken sich Krebszellen, um z.B. nach einer Therapie den Körper wieder zu überschwemmen? Ein internationales Forschungsprojekt - koordiniert an der Uniklinik Dresden - macht jetzt Jagd und setzt auf ganz neue Methoden.

von Karsten Möbius

Computermodell - Metastasen
Prostata-Krebs-Metastasen Bildrechte: imago/Science Photo Library

Die Krankheit Krebs verbreitet trotz moderner Medizin immer noch Angst und Schrecken. Während die entdeckten Muttertumore oft gut behandelt werden können, führen die Metastasen, die sich vom Haupttumor absetzen, noch viel zu oft zum Tod. Seit langem weiß man, dass Metastasen bestimmter Krebsarten besonders gern bestimmte Organe besiedeln. Die Metastasen von Brust und Prostata-Krebs findet man bspw. vor allem in Knochengewebe. Niemand weiß genau, warum das so ist. Ein neues internationales Forschungsprojekt, das von Dresden aus koordiniert wird, will diesen Mechanismen endlich auf den Grund gehen.

Metastasen sind kein Zufall

Die Eigenschaft eines bösartigen Tumors ist, Metastasen in unsere Blutbahn abzugeben. Metastasen, die den Krebs in unserem Köper immer weiter verteilen. Das passiert offenbar nicht zufällig. Verschiedene Krebsarten haben scheinbar Lieblingsorte, Lieblingsgewebe, in denen sie sich ansiedeln, sagt Prof. Lorenz Hofbauer vom Uniklinikum Dresden:

Wir wissen, dass gerade bei Prostatakrebs und bei Brustkrebs bis zu 80 Prozent der Patentinnen und Patienten im Lauf ihrer Erkrankung Knochenmetastasen haben.

Prof. Lorenz Hofbauer

Seit über hundert Jahren ist das bekannt. Seitdem versuchen Wissenschaftler herauszufinden, warum das so ist. Bisher ohne durchschlagenden Erfolg: Für einen neuen Versuch gibt es knapp acht Millionen Euro von der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Knochenspezialist Hofbauer koordiniert das Internationale Projekt von Dresden aus.

Die Wege der Krebszellen

Die Forscher wollen herausfinden, was genau passiert, wenn sich die Krebszellen in der Blutbahn auf den Weg machen, um nach einem Ort zu suchen, an dem sie sich ansiedeln und dort gesundes Gewebe verdrängen und zerstören.

Krebsforschung
Bildrechte: MDR/Karsten Möbius

Wir wollen zunächst verstehen, wie diese Zellen in den Knochen hineingelangen. Gibt es eine Art Postleitzahl, gibt es irgendein Prinzip, wonach das gesteuert ist oder ist das rein zufällig?

Prof. Lorenz Hofbauer

An Zufall glauben die Mediziner nicht. Zu offensichtlich sind ganz typische Orte, an denen sich Knochenmetastasen zeigen. "Warum kommen die zum Beispiel in lange Röhrenknochen oder an die Wirbelsäule“, fragt sich Hofbauer, "warum kommen die sehr selten in die Finger?“

Und es geht um eine andere ganz entscheidende Frage beim Verständnis der Krankheit Krebs. Warum erleiden Patienten, die als geheilt gelten, oft Rückschläge, warum kehrt der Krebs zurück? Man weiß, dass sich einzelne Tumorzellen nach einer Chemotherapie in den Tiefen des Knochenmarks verstecken und dort über lange Zeit relativ wenig Stoffwechselaktivität haben.

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Paula Goes aus Brasilien (l.) und Stefania Dell' Endice aus Italien sind nach Dresden gekommen, um an dem Forschungsprojekt mitzuarbeiten. Bildrechte: MDR/Karsten Möbius

Also tatsächlich wie ein Bär Winterschlaf halten, um dann durch Reize, die wir noch nicht genau kennen, aufzuwachen und dann ihr schädliches Handwerk zu beginnen. Mediziner vermuten, dass die Krebsbehandlung selbst, dass Chemotherapien die Krebszellen in ihre Verstecke treiben, wo sie unerkannt für Medikamente und Immunsystem abwarten.

Neue Verfahren

Hofbauer ist sehr hoffnungsvoll jetzt endlich Antworten auf all diese Fragen zu bekommen. Neue Analyse- und Diagnoseverfahren wie bspw. die Genetik böten völlig neue Ansätze und Möglichkeiten: 

Früher waren Knochenmetastasen erst nachweisbar, wenn sie zu einer Zerstörung des Knochens geführt haben und mittlerweile kann man die Krebszellen im Knochenmark bereits sehr früh schon feststellen.

Prof. Lorenz Hofbauer

Dabei geht es um den Nachweis von Tumorzellen, die sich im Blutstrom befinden, so Hofbauer, und diejenigen, die bereits in geringer Zahl im Knochenmark zu finden sind. "Und aus diesen Fortschritten erwarten wir uns neue Erkenntnisse.“

Grundlagenforschung für die Praxis

Drei Jahre werden diese Forschungen dauern. Die Forscher wollen dabei ein Grundverständnis davon erhalten, wie Krebszellen und Knochen interagieren, wie dieses Prinzip der Metastasierung funktioniert.

Wir erwarten, dass wir beispielsweise Erkenntnisse, die wir über den Brustkrebs erzielen, übertragen können - vielleicht auch auf das Prostata-Karzinom. Dass wir generelle Prinzipien erkennen, die hinter diesen biologischen Prozessen stecken.

Prof. Lorenz Hofbauer

Wenn Prof. Lorenz Hofbauer und seine Kollegen grundsätzliche Mechanismen entdecken, wie sich Krebszellen im Körper ausbreiten und warum sie bestimmte Orte bevorzugen, dann wären das gute Voraussetzungen, um neue Medikamente oder Diagnoseverfahren zu entwickeln. Vielleicht sei es möglich, so Hofbauer, bestimmte Gewebe für Metastasen unattraktiv zu machen oder in Knochen eine Art Barriere, eine Art Imprägnierung einzubauen, so dass Metastasen keine Chance mehr haben, dort zu siedeln.

Projekt "μBONE“ "μBONE – Kolonisierung und Interaktionen von Tumorzellen innerhalb der Knochenmikroumgebung“ – so heißt das Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). 7,8 Mio. Euro stehen dafür zur Verfügung. Rund drei Mio davon gehen nach Dresden. Mediziner und Wissenschaftler der Medizinischen Fakultät Carl Gustav Carus der TU Dresden und am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden koordinieren die Arbeit.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL Radio | 11. August 2018 | 10:50 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. August 2018, 12:00 Uhr