Obelisk und Statue der Königin Hatschepsut am Tempel in Karnak Ägypten
Obelisk und Statue der Königin Hatschepsut am Tempel von Karnak in Ägypten. Bildrechte: IMAGO

Pharao von Ägypten Hatschepsut - Die Frau, die zum Mann wurde

Es war eine wissenschaftliche Sensation: Genau vor zehn Jahren, am 27. Juni 2007, verkündete Ägyptens Kultusminister Farouk Hosny, dass eine bis dahin unbeachtete Mumie als die seit über 3.000 Jahren verschollene Königin Hatschepsut identifiziert wurde. Mittlerweile gibt es daran Zweifel. Doch wer war die legendäre Herrschergestalt überhaupt? Und vor allem: Was war sie - Frau oder Mann?

von Dr. Daniel Niemetz

Obelisk und Statue der Königin Hatschepsut am Tempel in Karnak Ägypten
Obelisk und Statue der Königin Hatschepsut am Tempel von Karnak in Ägypten. Bildrechte: IMAGO

Ägypten im Jahr 1479 v. Chr. In der oberägyptischen Hauptstadt Theben stirbt Pharao Thutmosis II. Der König über Ober- und Unterägypten wird keine 30 Jahre alt. Er hinterlässt seine Hauptfrau und Halbschwester Hatschepsut mit ihrer gemeinsamen Tochter Neferu-Re. Und er hinterlässt einen minderjährigen Sohn, den er mit einer Nebenfrau gezeugt hat und der seinem Vater als Thutmosis III. unmittelbar auf den Thron folgt. Seit sich 2.000 Jahre zuvor der erste Herrscher am Nil zum Pharao - also zum König über Ober- und Unterägypten - erhoben hat, ist das Amt allein Männern vorbehalten. Sie sind die Söhne des Sonnengottes und sie allein repräsentieren die göttliche Ordnung.

Ein neuer Pharao

Kopf der Hatschepsut Fragment vom Totentempel der Königin in Deir el-Bahari
Fragment vom Kopf einer Hatschepsut-Statue Bildrechte: IMAGO

Doch auch Frauen von Pharaonen haben in Ägypten immer wieder große Macht ausgeübt, etwa als Regentinnen für die minderjährigen Söhne ihrer verstorbenen Gatten.

So ist es auch nach dem Tod von Thutmosis II. Dessen Witwe Hatschepsut übernimmt die Regentschaft für ihren etwa vierjährigen Stiefsohn und Neffen Thutmosis III. Die göttliche Ordnung bleibt unangetastet. Die Dynastie - es ist die mittlerweile 18. in der langen Geschichte Ägyptens - bleibt auf dem Thron. Doch nur zwei Jahre später - wir schreiben das Jahr 1477 v. Chr. - reißt ein anderer Pharao die Macht an sich. Sein Thronname: Maatka-Re. Sein richtiger Name: Hatschepsut.

Ungeheuerlicher Vorgang

Es ist ein ungeheuerlicher Vorgang. Noch nie in der Geschichte Ägyptens hat es eine Frau gewagt, sich zum Pharao krönen zu lassen. Über die Gründe, warum sich Hatschepsut nicht mit der Rolle der Regentin begnügt und zur Königin aufsteigt, lässt sich nur spekulieren. Hat sie Gefallen an der absoluten Macht der gottgleichen Pharaonen gefunden? Will sie ihren Stiefsohn und Neffen Thutmosis III. dauerhaft von der Herrschaft ausschließen, gar ihre eigene leibliche Tochter Neferu-Re als ihre Nachfolgerin aufbauen? Wir wissen es nicht.

Reich der Fiktionen

Messerklinge mit Namen der Hatschepsut
Messerklinge mit dem Namen der Hatschepsut Bildrechte: Ägyptisches Museum der Universität Leipzig, Marion Wenzel

Die Leipziger Ägyptologin Dr. Franziska Naether warnt vor Spekulationen: "Darüber gibt es verschiedene Theorien, die leider nicht alle mit historischen Fakten untermauert werden können. [...] Da ist vieles in das Reich der Fiktionen zu verbannen."

Naether verweist in dem Zusammenhang auch darauf, dass die zeitgenössischen ägyptischen Quellen vor allem politischer Natur sind. Ein weiteres Problem seien griechische Geschichtsschreiber, die - immerhin mehr als 1.000 Jahre später - "mit sehr großem zeitlichen Abstand über das alte Ägypten berichtet haben."

Tochter des Götter-Königs

Tempel der Hatschepsut
Der Totentempel der Hatschepsut in Deir el-Bahari (West-Theben) Bildrechte: imago/imagebroker

In einem ist sich die moderne Ägyptologie allerdings weitgehend einig: Hatschepsut muss bei ihrer Machtergreifung mächtige Unterstützer gehabt haben. Gegen den Willen der einflussreichen Priesterschaft hätte sie es nie auf den Pharaonen-Thron geschafft.

Inschriften in ihrem Totentempel im heutigen Deir el-Bahari legen zudem nahe, dass Hatschepsut, deren Name "Die erste der Damen" bedeutet, großen Wert auf ihre eigene göttliche Abkunft legt. In die Wände ihres Totentempels lässt sie die Bilder ihrer Zeugung durch den Götter-König Amun-Re einmeißeln.

Auch erhebt sich die Königin - zumindest formal - niemals zur Alleinherrscherin über Ägypten. Ihr Stiefsohn und Neffe Thutmosis III. bleibt ebenfalls Pharao und wird in offiziellen Schriften stets als Mitherrscher angeführt.

Herrscherideologie bleibt unangetastet

Statue der Königin Hatschepsut ohne Götter-Bart Ägypten
Noch einigermaßen weiblich und ohne Götter-Bart: Frühe Statue der Königin Hatschepsut Bildrechte: IMAGO

Und auch in der alles entscheidenden Frage ist Hatschepsut offenbar viel weniger revolutionär, als man meinen könnte: An der uralten ägyptischen Herrscherideologie, dass derjenige der das Land regiert, männlichen Geschlechts sein muss, rüttelt auch sie nicht. Als Pharao Maatka-Re wird Hatschepsut gewissermaßen zum Mann.

"Sie hat sich in ihren Statuen als Mann dargestellt. Und auch bei ihren herrschaftlichen Titeln kommen die ganze Zeit Namen vor, die auch für die männlichen Regenten geführt worden sind. Auch hat sie beispielsweise einen Götter-Bart und wird wie die männlichen Pharaonen auch mit Krone und Schmuck dargestellt", erklärt Naether.

Tatsächlich wird das Antlitz von Hatschepsut in der ägyptischen Kunst während der zwei Jahrzehnte ihrer Regierung immer männlicher. Wird die Königin in frühen Statuen noch als Frau mit weiblichem Gesicht, Brüsten und in einem Kleid abgebildet, erscheint sie später im kurzen Männerschurz, ohne Brüste, dafür mit umso breiteren Schulten und härteren Gesichtszügen.

Die Reise nach Punt

Abbildung der Wandmalereien zur Expedition nach Punt aus dem Totentempel der Königin Hatschepsunt in Deir el-Bahari Ägypten
Abbildung der Wandmalereien zur Expedition nach Punt aus dem Totentempel der Hatschepsunt in Deir el-Bahari Bildrechte: IMAGO

Auch was die Bilanz ihrer Regierung angeht, kann Hatschepsut mit ihren erfolgreichen männlichen Vorgängern mithalten. "Wir wissen, dass sie kleinere Feldzüge geführt hat. Wir wissen aber auch, dass es für Ägypten eine Zeit der Ruhe und des Friedens gewesen ist", sagt Naether. Ja, es ist unstrittig: Die Frau auf dem Pharaonen-Thron regiert ein wohlhabendes Reich, in dem Wirtschaft und Handel blühen.

Zu den größten Unternehmungen Hatschepsuts gehört die Expedition in das sagenhafte Land Punt im Jahr 1470 v. Chr. Aus dem vermutlich im heutigen Eritrea und Somalia liegenden Gebiet bringen ihre Schiffe Gold, Weihrauch, Myrrhe, Elfenbein, Ebenholz und Edelsteine nach Ägypten, wie Wandbilder im Totentempel der Königin zeigen.

Tod mit knapp 40

Mumie der altägyptischen Herrscherin Hatschepsut in Kairo
Angebliche Mumie der Hatschepsut Bildrechte: IMAGO

Hatschepsuts Mitregent und Stiefsohn Thutmosis III. erobert noch vor dem Ende ihrer Regierungszeit Gaza für Ägypten. Entgegen anderslautender Gerüchte, gibt es keine zeitgenössischen Quellen, die auf einen offenen Konflikt zwischen ihm und seiner Stiefmutter hindeuten. Auch für eine angebliche Ermordung Hatschepsuts gibt es keine Beweise. Die Königin stirbt wohl vielmehr 1458 v. Chr. mit knapp 40 Jahren eines natürlichen Todes.

Thutmosis III. regiert danach noch fast 32 Jahre allein als Gottkönig am Nil. Unter ihm steigt Ägypten, dass seine Grenzen bis zum Euphrat vorschiebt, endgültig zur dominierenden Großmacht im nordafrikanisch-nahöstlichen Raum auf.

Das getilgte Andenken

Die Erinnerung an seine einstige Mitregentin Hatschepsut, die ihm als Pharao Maatka-Re fast 20 Jahre von der Herrschaft fernhielt, ist da noch präsent. Später wird Thutmosis III. unterstellt, er habe das Andenken seiner Stiefmutter in seinen letzten Regierungsjahren endgültig tilgen wollen, indem er ihren Namen aus allen Reliefs und Statuen meißeln ließ.

Mittlerweile geht die Forschung allerdings davon aus, dass die Zerstörungen erst viel später geschahen. Sehr gut möglich, dass damit ungeschehen gemacht werden sollte, dass es eine Frau gewagt hatte, zum Mann und zum Pharao zu werden - und dabei auch noch Erfolg hatte.

"Bekriegt, besetzt, bereichert" - Neue Sonderausstellung in Leipzig Für die Leipziger Ägyptologin Dr. Franziska Naether gehört Hatschepsut zu den "ersten starken Frauen der Weltgeschichte", bei der sich Parallelen zu anderen großen Königinnen wie etwa der berühmten Kleopatra VII. (69 - 30 v. Chr.) auftun. Wer mehr über diese legendäre Herrscherin und ihre Zeit erfahren will, der kann sich auf eine neue Sonderausstellung im Ägyptischen Museum "Georg Steindorff" der Universität Leipzig freuen. "Bekriegt, besetzt, bereichert. Ägypten zwischen Spätzeit und Spätantike" heißt die neue Schau, die vom 8. September bis 10. Dezember 2017 im Museum in der Goethestraße 2 ihre Pforten öffnet.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Radio | 27.07.2017 | 15:30 Uhr