Operateur Nikoloz Lasurashvili zeigt dem Patienten Jürgen Schmidt das implantierte Hörsystem, das komplett unter der Haut verborgen ist.
Bildrechte: Uniklinikum Dresden/Felix Koopmann

Erstmals Vollimplantat in Sachsen eingesetzt Unsichtbares Hörgerät

Schon im Mutterleib fangen unsere Ohren an zu arbeiten. Sie sind für uns 24 Stunden am Tag im Einsatz, ständig auf Empfang. Wir brauchen sie, um das Gehirn mit lebenswichtigen Informationen zu versorgen - doch was, wenn das Gehör nicht mehr funktioniert? Klar, Hörgeräte können helfen, doch viele Menschen empfinden es immer noch als unangenehm sie zu tragen. An der Uniklinik Dresden wurde nun zum ersten Mal in Sachsen ein unsichtbares Hörgerät eingesetzt.

von Katja Schmidt

Operateur Nikoloz Lasurashvili zeigt dem Patienten Jürgen Schmidt das implantierte Hörsystem, das komplett unter der Haut verborgen ist.
Bildrechte: Uniklinikum Dresden/Felix Koopmann

Über Jahre, über Jahrzehnte habe ich kein Vogelzwitschern gehört.

Patient Jürgen Schmidt

Jürgen Schmidt sitzt gemeinsam mit seiner Frau auf einer Bank draußen vor der Uniklinik Dresden. Er genießt die Sonne und die Geräuschkulisse. Das war bis vor wenigen Wochen noch nicht vorstellar, denn der 76-jährige war beidseitig hochgradig schwerhörig. Konventionelle Hörgeräte konnten ihm nicht helfen. Er beschritt einen anderen Weg, gemeinsam mit der Uniklinik Dresden. Direktor Thomas Zahnert erklärt das neue, unsichtbare Vollimplantat.

"Das neue an diesem System ist, dass alle Komponenten bei der Operation unter die Haut gebracht werden, beziehungsweise in den Knochen eingearbeitet und von außen nicht mehr sichtbar sind. Die größte Herausforderung ist aber die mechanische Justierung des Schwingers an der Gehörknöchelkette. Sie müssen sich vorstellen Hammer, Amboss und Steigbügel sind an Bändern aufgehangen und feine schwingende Systeme, das Trommelfell treibt das Ganze an, deswegen kommt es darauf an, dort mit äußerster Präzision so anzukoppeln, dass die Gehörknöchelchen sich nicht verstimmen."

Feinstarbeit, die im Fall von Jürgen Schmidt vier Stunden dauerte. Gut zehn Wochen ist das jetzt her.  Nikoloz Lasurashvili, Facharzt für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde an der Uniklinik Dresden, ist zufrieden mit seiner Arbeit: "Der erste Anpassungstermin fand sechs Wochen nach der Operation statt und das erste erfreuliche Ergebnis war, dass Herr Schmidt bereits 30-40 Prozent von der Sprache verstanden hat. Heute, zehn Wochen nach der OP, versteht er schon doppelt soviel, wir sind bei 75 Prozent!"

Das ist wirklich ein sehr tolles Ergebnis und wir freuen uns – alle beide.

Nikoloz Lasurashvili, HNO Facharzt Uni Dresden

Anders als bei einem Cochlea-Implantat, das per Elektrode direkt mit dem Hörnerv verbunden wird, setzt das Vollimplantat auf mechanische Reize. Über ein Mikrofon werden Geräusche an den internen Prozessor des Systems gesendet. Dieser übersetzt das akustische Signal in mechanische Vibrationen und stellt so das Hörvermögen wieder her.
"Das hat jedoch seinen Preis. Stolze 15.000 Euro und nicht immer bezahlt die Krankenkasse", sagt Uniklinik-Direktor Thomas Zahnert.

Es muss ein medizinischer Grund vorliegen.

Thomas Zahnert, Klinik-Direktor Uni Dresden

Krankenkassen zahlen nur, wenn Patienten ernsthafte Erkrankungen ihres Gehörgangs haben oder Probleme bei der Bedienbarkeit anderer Hörgeräte.
Auch Jürgen Schmidt hat eine Behinderung in den Armen. Doch sein Vollimplantat ist richtig eingestellt, funktioniert 24 Stunden und über eine kleine Fernbedienung kann er die Lautstärke regeln. Abends hilft ihm seine Frau dabei den Akku für eine halbe Stunde über eine Induktionsspule aufzuladen.

Das Gerät ist sehr unkompliziert und pflegeleicht. Nur wenn ich mich frühmorgens kämme, dann rauscht es jetzt.

Patient Jürgen Schmidt

Eine Störung, die nur in der Eingewöhnungsphase auftreten soll. Jürgen Schmidt kann das Vollimplantat jetzt zehn Jahre in sich tragen, danach muss der Akku ausgewechselt werden. Doch daran denken Jürgen Schmidt und seine Frau jetzt noch nicht. Die Familie muss jetzt erst einmal auf die wiedergewonnene Hörkraft von Jürgen Schmidt einstellen.
"Wenn wir uns unterhalten, waren wir früher daran gewöhnt, dass er ja eh nie alles versteht. Aber jetzt ist das anders."

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL MDR Aktuell | 11.04.2017 |16:11 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. September 2017, 11:48 Uhr