Eine junge Frau malt eine Küchenzeile mit Herd an eine Wand.
Mit Anfang 20 ziehen junge Leute von zuhause aus - daran hat sich nichst geändert, sagen die Forscher. Bildrechte: imago/Westend61

Sozialwissenschaft "Hotel Mama" ist ein Mythos

Angeblich ziehen junge Menschen heute immer später bei ihren Eltern aus, lassen sich lieber im "Hotel Mama" verwöhnen. Stimmt aber gar nicht, sagen jetzt Soziologen: Es gibt nicht immer mehr Nesthocker.

von Kristin Kielon

Eine junge Frau malt eine Küchenzeile mit Herd an eine Wand.
Mit Anfang 20 ziehen junge Leute von zuhause aus - daran hat sich nichst geändert, sagen die Forscher. Bildrechte: imago/Westend61

Zuhause bei Mama ist es doch am Schönsten: Hier muss man nicht putzen, es gibt automatisch frische Wäsche und das Essen steht auch noch pünktlich auf dem Tisch. Da klingt es doch eigentlich plausibel, dass die Jugend immer länger bei den Eltern wohnt. Tatsächlich ist das aber gar nicht der Fall, sagt Soziologie-Professor Dirk Konietzka von der TU Braunschweig. Er hat das Phänomen "Hotel Mama" ganz genau untersucht und stellt fest: "Wir können im Laufe von Jahrzehnten keinen nennenswerten Anstieg des Auszugsalters bei jungen Männern und Frauen beobachten."

Das "Hotel Mama" gibt es nicht, sagt Konietzka. Die Geschichte vom Nesthocker ist eine Erzählung, die sich wissenschaftlich nicht belegen lässt. Das Thema sei ursprünglich aus den USA rüber geschwappt, so Konietzka, wo man das beobachtet oder zumindest in den Medien diskutiert hat. Und seit Anfang der 1990er-Jahre wird das auch in Deutschland diskutiert und regelmäßig darüber berichtet, dass angeblich das "Hotel Mama" immer beliebter werde - auch im MDR (siehe Links unter dem Artikel).

Aber wenn man schaut, auf welcher Datenbasis das beruht, dann bleibt oft nicht viel übrig. Letztendlich sind das dann häufig Schilderungen anekdotischer Art, man erlebt das in seinem Umfeld. Es steckt aber systematisch betrachtet nicht sonderlich viel dahinter.

Professor Dirk Konietzka, TU Braunschweig

"Der Datensatz ist schuld"

Den Braunschweiger Forschern war aufgefallen, dass die bekannten Studien zu dem Thema teils zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen kamen. Aber woran liegt das? Der Datensatz ist schuld: Die Studien arbeiten mit jeweils einer Stichprobe, die die gesamte Bevölkerung repräsentieren soll. Doch solche Stichproben enthalten immer auch sogenannte Stichprobenfehler, erklärt der Soziologie-Professor. "Das hat uns eben veranlasst, dass wir aus allen vorhandenen Stichproben einen sogenannten Metadatensatz gebaut haben, so dass wir also besonders viele Fallzahlen hatten und das hat uns ermöglicht, sicherere Aussagen zu treffen als die Studien, die bisher publiziert sind."

Auf insgesamt 30.000 Datensätze, die einen Zeitraum von rund 60 Kalenderjahren abdecken, stützt sich die Untersuchung der Braunschweiger. Demnach war es die Nachkriegsgeneration, die etwas länger im Elternhaus geblieben ist. Danach lag das mittlere Auszugsalter stabil bei 22 bis 23 Jahren bei jungen Männern und bei jungen Frauen zwischen 20 und 21 Jahren, sagt Konietzka. "Unsere Interpretation der Daten ist: es ist tatsächlich eine tief verankerte kulturelle Norm, dass junge Menschen in Deutschland relativ früh eigenständig und unabhängig sein wollen. Das hat sich nicht geändert." Und das bestätigen auch Zahlen der Europäischen Statistikbehöre Eurostat. Danach liegt Deutschland beim Auszugsalter aus dem Elternhaus im Vergleich von 33 europäischen Ländern auf Platz 8.

Besonders eindeutig lasse sich das bei den Kindern aus sozial besser gestellten Elternhäusern nachweisen: Denn die ziehen früher Zuhause aus als Kinder aus ärmeren Familien. Und das, obwohl deren "Hotel Mama" sicher besonders verlockend wäre.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 14. Juni 2018 | 08:36 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Juni 2018, 12:12 Uhr