Gentechnik CRISPR Manipulation Gendoping
Mit einer einfachen Spritze die eigenen Gene veränder? So einfach geht das noch nicht. (Illustration) Bildrechte: IMAGO

Biohacker und Gendoping Gen-Experimente in der Garage sind unverantwortlich

CRISPR/Cas soll Gene auf einfache Weise veränderbar machen. In den USA wollen sich Biohacker damit selbst optimieren. Der deutsche CRISPR-Experte Jörg Vogel findet die Debatte interessant, warnt aber vor Leichtsinn.

von Karsten Möbius und Clemens Haug

Gentechnik CRISPR Manipulation Gendoping
Mit einer einfachen Spritze die eigenen Gene veränder? So einfach geht das noch nicht. (Illustration) Bildrechte: IMAGO

Das Angebot der Firma The Odin klingt verlockend: Wer große Muskeln haben möchte, müsse sich nicht länger in Fitness-Studios abmühen. Eine kleine Spritze mit einer Gen-Therapie genüge schon, um das Muskelwachstum in Gang zu bringen. Der junge US-Amerikaner Josiah Zayner, Chef von The Odin, bezeichnet sich selbst als Bio-Hacker. Im November erregte er einiges Aufsehen, als er sich in einem Video eine Flüssigkeit verabreichte, die angeblich die Genschere CRISPR/Cas enthielt. Damit wollte er ein Gen ausschalten, das für die Produktion von Myostatin zuständig ist. Dieser Stoff hemmt im Körper das Wachstum von Muskeln.

Das neue Werkzeug CRISPR/Cas beflügelt derzeit weltweit die Phantasie von Forschern und Unternehmern. Mit Hilfe der Genschere soll es künftig viel leichter möglich sein, bestimmte Gene im Körper an- und auszuschalten oder zu verändern. Was ist dran an diesem Wunderversprechen? Professor Jörg Vogel ist Direktor am Institut für molekulare Infektionsbiologie an der Universität Würzburg und einer der führenden Experten für die neue Methode CRISPR/Cas.

In seinem Video hat sich der Biohacker Josiah Zayner selbst eine Flüssigkeit verabreicht, die angeblich seinen Muskelaufbau verändern soll. Kann das tatsächlich funktionieren?

Was er da zeigt, ist ziemlicher Mumpitz. Er möchte DNA in seine Muskelzellen einbringen und dort das Gen für Myostsatin inaktivieren. Wenn man dieses Gen ausschaltet, bekommt man ein starkes Muskelwachstum. Er mischt die DNA mit der Genschere mit einer bestimmten chemischen Substanz, die die Aufnahme in die Muskelzellen befördert. Einerseits sagt er selbst, dass das wahrscheinlich höchst ineffizient ist und wahrscheinlich nur sehr wenige Zellen verändert werden. Ich halte das aber auch für gefährlich, dass Laien sich mittels CAS-9 verändern wollen. Man müsste darüber nachdenken, inwiefern man sowas einschränkt.

Warum halten Sie das für gefährlich?

CAS-9 oder das CRIPR/Cas System haben ein unglaubliches Potenzial, Krankheiten zu heilen oder zu lindern. Die ersten Tierversuche, die es dazu gibt, sehen wirklich vielversprechend aus. Laut einer kürzlich veröffentlichten Arbeit ist es gelungen, eine seltene Krankheit, einen Gehörverlust mit Hilfe der CRISPR/Cas-9 zu korrigieren. Aber es ist auch ganz klar, sobald das an Menschen getestet wird, muss das in einem wirklich stark kontrollierten klinischen Umfeld passieren. Sonst gibt es die Gefahr, dass die Veränderungen in der DNA Krebs auslösen.

Ist es problematisch, dass die Konstruktion der CRISPR/Cas-Schere so einfach ist, dass sich jedes Labor der Welt, jeder Student, in drei Tagen praktisch eine eigene Schere programmieren kann?

Ich sehe keine Gefährlichkeit bei CRISPR/Cas, im Gegenteil. Das Werkzeug kann Gen-Therapie deutlich sicherer machen. Es ist aber einfach mit Gefahren verbunden, in das Genom einzugreifen, egal, mit welchem Werkzeug. Es kann zu Veränderungen an anderen Orten des Genoms kommen. Wenn diese Veränderungen erstmal in die DNA eingeführt sind, sind sie nicht so leicht wieder zurück zu korrigieren, vor allem nicht, wenn man nicht weiß, wo sie entstanden sind. Obwohl CRIPR/Cas jetzt verfügbar ist, heißt das noch lange nicht, dass sich jetzt massenhaft Leute das selbst spritzen werden. Da wird bei vielen doch die Sorge überwiegen, etwas anzustoßen, was nicht mehr kontrollierbar ist.

Welches positive Potenzial hat CRISPR, bei welchen Krankheiten wird damit aktuell gerade an Heilungsmöglichkeiten gearbeitet?

Ich hoffe, es wird innerhalb der nächsten zwei, drei Jahre Erfolge geben bei genetischen Krankheiten, die schon sehr gut verstanden sind, wo klar ist, dass es eine bestimmte Mutation ist, die zur Krankheit führt. Man will es schaffen, diese Mutation zu korrigieren und die eigentliche Funktion der Zellen wieder herzustellen. Es gibt bereits die ersten viel versprechenden klinischen Versuche, vor allem in China, das das Potenzial von Gen-Therapie über CRISPR/Cas sehr früh erkannt hat und auch in den USA. Wir sprechen da über Krankheiten, bei denen Blutzellen verändert sind, etwa Hämophilie (Bluterkrankheit d.R.) oder Beta-Thalassaemia.

Ein zweites Feld sind Immunzellen, die verändert werden sollen, um sie zum Beispiel stärker zu machen im Kampf gegen Krebs. Man entnimmt dazu Patienten sogenannte T-Zellen und verändert sie so, dass sie im Körper Krebszellen stärker attackieren. Außerdem gibt es noch ungefähr 3.000 bis 5.000 menschliche Krankheiten, die sich ganz klar auf bestimmte genetische Deffekte in bestimmen Genen zurückführen lassen. Viele dieser Krankheiten sind sehr selten und da ist gerade die Hoffnung, dass solche gentherapeutischen Ansätze jetzt ermöglichen, diese Krankheit zu behandeln, weil es teilweise sehr schwierig ist, überhaupt andere Medikamente dafür zu finden.

Sie haben gesagt, die bisherigen Methoden seien sehr ineffizient, mit CRISPR veränderte DNA genau in die Zellen zu bringen, wo sie Gene verändern soll. Wie weit ist die Forschung bei diesem Problem?

Es ist eines der größten Probleme in der Gen-Therapie. Auch in dem Fall der genetisch bedingten Taubheit ist es sehr schwierig gewissen, wirklich sehr viele Hörzellen mit CRISPR zu treffen. Der englische Begriff für diese Aufgabe ist Delivery, auf Deutsch sagt man Applikation. Sehr viele Leute arbeiten daran und es gibt sehr gute Fortschritte, etwa, indem CRISPR/Cas in sogenannte Nano-Partikel verpackt und bei Hörzellen appliziert wird.

Wie beurteilen Sie den Ansatz der Bio-Hacker, tragen diese dazu bei, CRISPR-Cas weiterzuentwickeln?

Porträt eines Mannes mit dunklen Haaren, Vollbart und Brille.
Professor Jörg Vogel Bildrechte: Universität Würburg

Grundsätzlich finde ich die Bio-Hacker-Community interessant. Sie stoßen Diskussionen an: Sollte man die Freiheit haben, den eigenen Körper zu verändern und zu verbessern, auf die Weise, für die man sich entscheidet? Darüber muss gesprochen werden. Die Gemeinschaft dieser Leute ist da und treibt den Ansatz voran. Allerdings finde ich es hochgradig unverantwortlich, in Garagen Selbstversuche zu starten und sich einfach DNA zu spritzen. Man weiß ja im konkreten Fall nicht, zu welchen Veränderungen das führt.

Stellen Sie sich vor, Sie treffen ein Onkogen und dann bekommen Sie eine Krebsentwicklung in ihrem Muskelgewebe oder an anderer Stelle. Sie wissen ja gar nicht, wo diese DNA im Körper reingeht, die kann auch irgendwo anders auftauchen. Das lehne ich als unverantwortlich ab. Diese Community der Biohacker neigt dazu, nur die Chancen der Methode zu sehen und die Risiken auszublenden. Ich bin jemand der sagt, wir schauen zu wenig auf die Chancen, aber ich würde trotzdem immer auf die Risiken schauen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL Radio | 02. August 2017 | 20:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. Februar 2018, 17:40 Uhr