Gegen den Lärm in der Großstadt Die Landkarte der ruhigen Orte

Die Straßenbahn rattert, die Autos rauschen vorbei und dann ist da auch noch eine Großbaustelle an der Ecke: In unseren Städten ist es laut – zu laut. Denn der Lärm macht uns krank. Deshalb will eine Berliner Wissenschaftlerin Orte der Ruhe finden, also Plätze in der Stadt, die wir als ruhig und erholsam empfinden. Und damit die Landkarte der Ruhe schnell wächst, kann ihr jeder Hobbyforscher einfach via Smartphone-App dabei helfen.

von Kristin Kielon

Rettungswagen, Busse und Autos: Allein der Verkehrslärm in einer Stadt kann furchtbar laut sein. Und er macht uns krank: Laut Weltgesundheitsorganisation ist Lärm der schädlichste Umwelt-Stressfaktor nach der Luftverschmutzung. Wie schön wäre es da einen ruhigen, erholsamen Ort in der Nachbarschaft zu haben. Solche Oasen der Ruhe sammelt die Lärmforscherin Antonelle Radicchi von der Technischen Universität Berlin in einer Karte der Ruheoasen. Für ihre Forschung hat sie extra eine App entwickelt: Die "Hush City App“ soll ruhige Orte in der Stadt zeigen und gleichzeitig Daten für die Lärmforscherin sammeln. Damit kann jeder zum Bürgerwissenschaftler werden.

Die Lärmforscherin Antonella Radicchi von der TU Berlin.
Antonella Radicchi mit dem Mikrofon auf der Suche nach den ruhigen Orten. Bildrechte: TU Berlin/PR/Ulrich Dahl

Ich nutze eine Smartphone-App, um Daten zu sammeln, weil es im Trend ist und die Menschen ermutigt, sich an Wissenschaft zu beteiligen.

Antonella Radicchi

Wer sich die kostenlose App aufs Smartphone lädt, kann ruhige Orte finden oder selbst welche eintragen - und zwar weltweit. Die App nimmt dazu eine halbe Minute Umgebungsgeräusche auf und berechnet die Lautstärke. Dann macht man noch ein Foto und beantwortet ein paar kurze englischsprachige Fragen - fertig. Doch das Forschungsprojekt "Jenseits des Lärms: Open Source Soundscapes“ besteht nicht nur aus der App.

Die App ist Teil einer umfassenderen Methodik, um mithilfe normaler Leute ruhige Orte zu finden und zu bewerten. Mein Soundscape-Ansatz soll zeigen, wie die Menschen Geräusche und Lärm in Städten wahrnehmen.

Antonella Radicchi

Und dazu nutzt sie noch zwei weitere Methoden: Interviews und sogenannte Soundwalks. Das sind Stadtspaziergänge, bei denen die Spaziergänger ihr Lärmempfinden und die tatsächliche Lautstärke in Dezibel erfassen.
Die reine Bestimmung einer Dezibelzahl reicht dafür nicht aus, sagt die Forscherin. Denn Lärm ist nicht gleich Lärm.

Wenn man zum Beispiel zwei verschiedene Geräuschquellen hat wie einen Springbrunnen und ein Auto, die beide 70 Dezibel laut sind. Was würden Sie lieber hören: Das Wasser oder den Verkehr?

Antonella Radicchi

Die meisten Menschen würden wohl das Wasser nehmen. Und das Springbrunnengeräusch vielleicht sogar als angenehm wahrnehmen – trotz seiner Lautstärke. Was genau ist also so ein ruhiger Ort? Genau das will sie in ihrer Forschung erst noch herausfinden, sagt Antonella Radicchi.

Es ist eine Herausforderung, herauszufinden, was Stille in Städten bedeutet und die Idee ist, die Menschen zu fragen, was Stille für sie ist. Wenn wir Daten haben, können wir die auswerten und Schlüsse daraus ziehen, welche Strategien und Richtlinien wir entwickeln können, um die ruhigen Orte zu erhalten und später neue zu planen.

Antonella Radicchi
Die Krämerbrücke in Erfurt.
Die Krämerbrücke in Erfurt - von der Gera aus betrachtet. Im Gegensatz zur Brücke selbst fast eine Lärm-Idylle. Bildrechte: IMAGO

Ihre Ergebnisse sollen später auch der Bau-Branche helfen: Mithilfe der Erkenntnisse zum Ruhe-Empfinden könnten auch Architekten und Stadtplaner künftig so arbeiten, dass es mehr Ruhe für alle Lärm-geplagten Städter gibt.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL: MDR | 01.08.2017 | 06:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 31. Juli 2017, 16:57 Uhr