DNA: Kein Gen für Homosexualität

Genforscher wollten wissen: Wird über die DNA vererbt, ob ein Mensch eine homosexuelle Orientierung entwickelt? Ihre Science-Studie zeigt: Gene haben einen Einfluss, aber die Sexualität eines Menschen ist viel komplexer.

Zwei Cowboys küssen sich.
Szene aus dem Film Brokeback Mountain. Bildrechte: imago stock&people

Um es auf den Punkt zu bringen: Das Sexualverhalten eines Menschen ist schon allein genetisch so komplex, dass niemand vorhersagen kann, wie sich die sexuellen Neigungen eines Menschen im Erwachsenenalter entwickeln.

Im Rahmen der Studie hatten Forscher das Erbgut von rund 470.000 Menschen untersucht. Diese hatten sie zuvor nach Angaben der Teilnehmer in zwei Gruppen geteilt: Menschen mit und ohne homosexuelle Neigungen.

30 Prozent genetisch bedingt

Auf die Frage, wie hoch der erbliche Anteil der sexuellen Neigungen ist, sagt Markus Nöthen: "Im Schnitt tragen zum homosexuellen Verhalten etwa 30 Prozent genetische Faktoren bei." Der Professor für Genetische Medizin von der Universität Bonn meint aber auch, dass das von Mensch zu Mensch verschieden sein kann. "Beim Einzelnen mag mehr die Umgebung eine Rolle spielen, beim Anderen mehr genetische Faktoren."

Sprich: Homosexualität lässt sich nicht auf einzelne genetische Faktoren reduzieren, schon gar nicht auf ein einzelnes Gen. Frühere Untersuchungen dazu, so Professor Nöthen, seien daher unbedeutend, weil sie immer nur Ausschnitte aus dem Erbgut beleuchteten. Die neue Studie ist umfassender. Auch wenn 30 Prozent unserer sexuellen Veranlagungen aus unserem Erbgut kommen, gibt es kein Muster, das sexuelle Präferenzen erkennen lässt.

Geruchssinn und Haarausfall

Fünf kurze DNA-Abschnitte im menschlichen Erbgut konnten mit Hilfe der Selbsteinschätzung der Probanden mit deren Aussagen zu ihren sexuellen Neigungen in Verbindung gebracht werden. Zwei davon fand man nur bei Männern. Der Genetiker Markus Nöthen erläutert das so:

Bei der einen Region scheint eine sexuelle Präferenz ein bisschen mit dem Riechen zu tun zu haben. Eine weitere Region hat einen Zusammenhang mit dem männlichen Haarausfall, eine Region, die auch in den Geschlechtshormonstoffwechsel reinwirkt.

Markus Nöthen

Sexuelle Orientierung wohl nicht erblich

Wenn die Genetik bei der sexuellen Orientierung zu rund 30 Prozent eine Rolle spielt, dann wird sie zwar vererbt, aber wo, das lässt sich nicht ermitteln. Es gibt also kein Schwulen-Gen, keine Krankheit, nichts dergleichen. Die anderen 70 Prozent Einfluss aus Umwelt und Erziehung finden schon im Mutterleib oder kurz nach der Geburt statt und sind daher auch nicht beeinflussbar. Jan Korbel, Forschungsgruppenleiter am European Molecular Biology Laboratory Heidelberg, ordnet das so ein: "Diese Studie zeigt deutlich, dass die Erblichkeit sexueller Orientierungen gering ist und man anhand des Erbguts einer Person diesbezüglich nichts 'ablesen' kann."

Für ihn heißt das: Diese neue Studie könnte helfen, Vorurteile und Angst vor genetischer Diskriminierung im Zusammenhang mit sexueller Orientierung abzubauen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 30. August 2019 | 17:21 Uhr

Martin Fuchs 1 min
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